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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Viel Arbeit

Zu jW vom 27.11.: »Trecker ohne Ende«

Es ist bedauerlich, dass richtige Bauern – solche mit Gummistiefeln – sich vor den Karren der Agrarindustrie (sogenannter Bauernverband) und der Chemiekonzerne spannen lassen. Da ist für uns Linke noch ein weites Betätigungsfeld – und mit »Veggimoralismus« kann man da gar nichts erreichen. Diese Menschen schuften 14 Stunden am Tag und mehr und haben dann Milchpreise, bei denen sie quasi auf ihren Lohn verzichten. Und beim Getreide sieht es kaum anders aus – speziell bei unterdurchschnittlichen Ernten wie in den letzten beiden Dürrejahren. Der Freihandel mit Körnerfrüchten macht die Preise noch mehr kaputt. Warum kostet ein Kilogramm Äpfel zur Saison und aus der Region mehr als ein Kilogramm Bananen aus 5.000 Kilometern Entfernung?

Armin Christ, per E-Mail

Ketten ablegen

Zu jW vom 29.11.: »Das Problem heißt ­Kapitalismus«

(…) »Fridays for Future« lässt sich nicht bevormunden. Das ist gut so. Aber die jungen Leute müssen weiter gehen, wenn sie in wenigen Jahren in ihren Jobs sind. Nur wenn sie selbst weltweit die Produktion gemeinsam mit allen andern arbeitenden Menschen umbauen, ist der Klimawandel zu stoppen. Hier gilt erst recht: »Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!« Die Proteste der Jugend haben Klima und Umwelt zum Thema der Frühstücksgespräche mancher Mächtiger gemacht. Aber lösen werden diese die Probleme nicht. Sie haben es zu Reichtum und Luxus gebracht, aber alle anderen an den Rand einer Katastrophe geführt. Mit ihrem »Direktionsrecht« als »Arbeitgeber« zwingen sie die Beschäftigten zu einer Produktionsweise, die unser aller Lebensgrundlagen auffrisst. In (…) voneinander abgeschotteten Unternehmen und Prozessen lassen sie produzieren und können nicht anders, als die Produkte und Leistungen als Waren auf den Weltmarkt zu werfen, wo sie gekauft und verkauft werden müssen. Sie brauchen Profit und Wachstum und manchmal auch Krieg, um in der Konkurrenz unter ihresgleichen zu bestehen (…). Die Gefahr, keinen Profit zu machen, bestimmt ihr Handeln. Beispielsweise wären langlebige Produkte mit verminderten Stückzahlen und einem kleineren »ökologischen Fußabdruck« ihr Ruin. Die Jugendlichen von »Fridays for Future« müssen und können es besser machen: Anstatt an die Verursacher der Misere zu appellieren, können sie sich mit allen Menschen vernetzen, um über Betriebs-, Unternehmens-, Sprach- und Staatsgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Geschäftsgeheimnisse lassen sich in Wissen für alle verwandeln. Das Internet als eine neue Produktivkraft ermöglicht es ihnen, Produktion und Konsum so zusammenzuführen, dass der Austausch der Produkte auf dem Markt überflüssig wird. Gemeinsam können sie erarbeiten, weshalb was hergestellt wird, welche Rohstoffe verwendet werden, wo produziert wird und wie es in den Konsum geht. Maßstab für künftiges Handeln in einer solcherart vernetzten Gesellschaft müssen nicht mehr Profit und Wachstum sein, sondern die Frage, wie sich das »gute Leben« für alle organisieren lässt, ohne dass jemand auch nur einen Cent in der Tasche haben muss. (…) Die Jugend kann zerstörerische Konkurrenz in eine weltweite klimaneutrale Kooperation verwandeln. Aber das geht nicht, ohne zu beraten, welches die nächsten Schritte in diese Richtung sein sollten. Wenn die Freitagsdemos etwas bewirken sollen, dann muss die Jugend schnellstens lernen, wie sie es weltweit mit allen andern hinkriegt, sich das »gesellschaftliche Vermögen« (Marx) unterzuordnen. Solcherart würden sie sich als »Proletarier aller Länder vereinen«, würden sie die Ketten, die ihnen durch das Eigentum angelegt sind, verlieren und die Welt wiedergewinnen.

Wolf Göhring, Bonn

SPD ohne Vernunft

Zu jW vom 30.11./1.12.: »Pack schlägt sich«

Ich kann mich noch gut erinnern, wie Wladimir Putin, Präsident der Russischen Föderation, am 25. September 2001 seine Rede vor dem Deutschen Bundestag hielt. Sie machte Hoffnung, diese Hoffnung wurde zerstört – nicht von Russland! Horst Teltschik, einst wichtigster außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl, sagt heute, der Westen habe Putin verprellt. Und nicht nur mit der NATO-Osterweiterung und anderen »Spielchen«. Ich staune, dass SPD-Bundesaußenminister Heiko Maas bei Emmanuel Macrons »Weckruf« an die NATO die Panik bekommt. Wie sagte einmal Egon Bahr? »Die ungelösten Fragen der europäischen Stabilität liegen auch nach dem Ende des Ost-West-Konflikts noch immer im Osten. Die Geschichte stellt die Aufgabe, … unserem Kontinent ein sicheres Haus zu bauen.« Wo sind die Vernünftigen in der SPD geblieben? Und noch etwas fällt mir auf. Damals gab es die Parolen »Frieden schaffen ohne Waffen« und »Schwerter zu Pflugscharen« – aber wo sind heute die Rufer und Marschierer, besonders die ostdeutschen »Bürgerbewegten«? Funkstille! »Stabilität durch Gewaltverzicht ist die Voraussetzung für Wohlstand.« So in Bahrs Buch »Deutsche Interessen« von 1998 nachzulesen. Wahrscheinlich wurde es entfernt aus der Bücherei im Willy-Brandt-Haus? Die Verantwortung wahrzunehmen, sich für Frieden und Gewaltlosigkeit einzusetzen, ist nie umsonst, gerade heute!

Mirko Scharmann, per E-Mail

Verdiente Ehre

Zu jW vom 3.12.: »Maler statt Thälmann«

Bei jeder Straßenumbenennung wehren sich Anwohner: Sie brauchen neue Ausweise, die Adressänderung muss an alle möglichen Institutionen gemeldet werden etc. Und es kostet auch die Kommune Geld! Wenn nun aber ausgerechnet von links das letztere Argument im Fall einer möglichen Umbenennung der Ernst-Thälmann-Straße ins Feld geführt wird, ist dies lächerlich. Denn damit ließe sich auch jede Umbenennung einer Carl-Peters-, Hindenburg- oder Tirpitzstraße verhindern. Der von den Nazis ermordete KPD-Führer Ernst Thälmann verdient es, mit einem Straßennamen geehrt zu werden – mit Geld hat das nichts zu tun.

Rainer Beuthel, Eckernförde (Onlinekommentar)

Nur wenn die Jugendlichen von »Fridays for Future« weltweit die Produktion gemeinsam mit allen andern arbeitenden Menschen umbauen, ist der Klimawandel zu stoppen.