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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Demente Welt

Das Leben passiert einfach: Francesco Brunis Film »Alles, was du willst«
Von Felix Bartels
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Wo Nicht-mehr auf Noch-nicht trifft, nimmt die Zeit sich Zeit: Alessandro und Giorgio

Der Handlungsanriss verrät nichts Packendes: Alter Herr nimmt sich eines Jüngeren an. Nichts Neues soweit, doch Filme haben Bilder, Töne, Worte und Schauspiel. Der hier bringt Bekanntes auf allen Ebenen zum Leuchten, evoziert Gefühle ohne Rührseligkeit, Komik ohne Spott, Weisheit ohne Schwärmerei.

Alessandro ist 22, lebt in den Tag, trinkt, quasselt, stiehlt, mit der Mutter eines seiner Freunde hat er eine Affäre. Als er verhaftet wird, muss er für den 85jährigen Giorgio arbeiten, der einst Poet war und heute an Alzheimer leidet. Durch den Umgang mit ihm, der sich trotz Demenz Gravität und Würde bewahrt hat, ändert Alessandro seine Haltung zur Welt. Schließlich machen sich die beiden auf die Suche nach einem Schatz, der während des Zweiten Weltkriegs in der Toskana vergraben wurde.

Das pittoreske Szenenbild mit römischen Bauten zwischen Piazza und Treppen, Hainen und Springbrunnen, mit Bibliotheken voller Lederbänden oder Straßencafés an Kopfsteinpflaster passt ebenso wie die immer wieder dezent verstummende, klassisch arrangierte Musik von Streichern und Gitarre, die stabile Kameraführung und die gestochene Bilder erzeugende Beleuchtung zum epischen Konzept dieses Films. Der erzählt taktvoll und entschärft vom Werden eines Charakters. Nichts drängt und drückt, alles passiert einfach. Diese Ruhe spiegelt das Verhältnis der beiden Hauptfiguren. Wo Nicht-mehr auf Noch-nicht trifft, nimmt die Zeit sich Zeit. Reifung kann nicht eilig dargestellt werden.

Mit subtiler Körpersprache spielt Andrea Carpenzano am Beginn der Handlung Alessandro, schlaksig, unrhythmisch, einen Jungen, der seinen Platz noch nicht kennt, aber denkt, er müsse ihn schon kennen. Der immer im Weg steht, beschleunigt, wenn er drosseln sollte, unbeholfen den alten Mann durch den Park führt. Dagegen Giorgios grazile Gangart, er ruht bei aller Zerstreutheit. Allessandro lernt schon, indem er bei ihm bleibt. Die erste Form des Lernens ist Nachahmung.

Als er und seine Freunde das Arbeitszimmer des Dichters betreten, werden die Jungs nachdenklich, erinnern verlorene Bildungsfetzen, lernen wieder, was in der Haltung der Coolness verkümmerte: verblüfft sein. Alessandro ist zunächst distanziert, zieht seine Hand zurück, als der Alte sie fasst, dann lügt er das erste Mal aus Taktgefühl, sich auf die Einbildung des Demenzkranken einlassend, später folgt Giorgios faktische Aufnahme in den Freundeskreis (man pokert und daddelt), schließlich die Idee, etwas für Giorgio zu tun, wodurch der Tagedieb wieder Bücher wälzt und ein Mädchen seines Alters kennenlernt. Indem er Verantwortung für das Leben eines anderen übernimmt, lernt er Verantwortung fürs eigene. Am Ende des Films sieht man ihn das erste Mal über sich selbst lachen.

Giorgio dagegen bleibt statisch, obwohl mit Rücksicht auf die Demenz von einem schwindenden Charakter zu reden wäre. Entwicklung ist hier nicht vorgesehen, alles an ihm bleibt Idee, auch sein Verfall scheint ideell gefasst. Von Alzheimer Betroffene leben typischerweise in der Vergangenheit, neben dem Kurzzeitgedächtnis erlischt die Erinnerung der späten Jahre. Sie kehren in die Blüte ihres Lebens zurück, aber mit dem Charakter dessen, der sie geworden sind. Wenn Giorgio den Jugendlichen bei wechselnden Namen nennt, dann nicht nur, weil er sich den echten nicht merken kann – demente Patienten ordnen die Menschen ihres Umfelds den Menschen ihrer Vergangenheit zu. Das aber wird durch Humor und Dignität idealisiert, wie desorientierte Menschen sie nur selten wahren können. Der Film will auf Tieferes hinaus.

Das Phänomen der Demenz spiegelt sich zweimal, im gesellschaftlichen Zustand und im Motiv der Schriftlichkeit. »Ich wusste überhaupt nicht, dass es noch Dichter gibt«, heißt es zu Beginn beiläufig. In der Tat sehen wir eine Welt, die sich ihrer Poesie nicht mehr erinnert. Nicht nur der Dichter, auch die Welt, in der er lebt, leidet an Alzheimer. Und Schreiben wäre hiergegen gerade das Mittel. Als Vorgang bedeutet es nichts anderes als das Auslagern von Erinnerung. Wo Oral history stets flüchtig bleiben muss, jede physiologische Erinnerung die Veränderung des Erinnerten bedeutet, findet im schriftlichen Fixieren eine Vergegenständlichung von Gedanken statt. Erst als von seinem Urheber gelöster kann der Gedanke überdauern. Ein Werk liegt vor, wo es sich von seinem Autor trennen lässt.

In diesem Sinne auch darf die Suche nach jenem Schatz verstanden werden, dessen Wert darin besteht, ein Andenken zu sein, denn ein Andenken ist nichts anderes als eine verdinglichte Erinnerung. Und dass Alessandro – als Teil einer Generation, die via Voicemail kommuniziert, via Snapshot dokumentiert – während der Recherchen irgendwann die Handycam beiseite legt, um Stift und Zettel für Notizen zu erbitten, scheint auf dasselbe zu zielen. Schreiben ist Aktivität, man hält nicht nur was fest für sich, man setzt es in die Welt. Man lebt, um Spuren zu hinterlassen – in dieser kulturkonservativen Botschaft ist der Film ganz altbacken und folglich ungemein sympathisch.

»Alles, was du willst«, Regie: Francesco Bruni, Italien 2017, 106 Min., Kinostart: heute

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