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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Eine Prise Speed, bitte

Nostalgie und Nonchalance: Zwei Romane über jüdisches Familienleben in Lateinamerika
Von Erich Hackl
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Impression aus dem brasilianischen Bundesstaat Paraná

Der brasilianische Literaturprofessor Luis S. Krausz hat immer etwas Wissenswertes aus der Migrationsgeschichte seines Landes zu erzählen, deshalb verspricht auch sein drittes autobiographisch grundierte Buch eine lohnende Lektüre. Ausgehend von einem Jahrzehnte zurückliegenden, aber minutiös erinnerten Besuch bei Bekannten seiner Großmutter, die im Bundesstaat Paraná, im Süden Brasiliens, einen Gutsbetrieb führten, beschreibt er die paradox anmutende Treue jüdischer Ausgebürgerter zu ihrem Herkunftsland, die sich im Hochhalten deutschsprachiger Kultur in allen möglichen – und in Mitteleuropa längst verschwundenen oder belächelten – Erscheinungsformen erweist. Thema seines Romans ist also die Sehnsucht dieser Vertriebenen nach einem Deutschland, das es bloß in ihren Tagträumen gibt, »ohne Politik und ohne Arglist, aufgebaut nur aus Tugenden wie dem Fleiß, der Hingabe, dem Anstand, der Weisheit und der geistigen Fortentwicklung mittels der Kunst und der Kultur«.

Krausz schreibt mit viel Scharfsinn, Nachsicht und Ironie, aber leider auch derart behäbig, weitschweifig und auf eine altertümelnde Art gediegen, dass man ihn, den Autor, glattweg für einen seiner Protagonisten halten könnte, zwei Generationen älter als er, die Briefmarken aus der Kaiserzeit in schweinsledernen Alben verwahren und sich nach dem Tagwerk auf der Veranda einen Krug Bier gönnen. Wieviel Speed hat er sich seinerzeit eigentlich eingeworfen, um Elfriede Jelineks »Klavierspielerin« schwungvoll ins Portugiesische übersetzen zu können? Hier, im »Kreuz des Südens« (ein abgegriffener Titel; besser, man wäre beim Original »Bazar Paraná« geblieben), verfängt sich der Leser alle paar Seiten in einer der schier endlosen und einigermaßen redundanten Satzschleifen. Ein Beispiel gefällig? »Nachdem die Schwarzweißfernsehapparate ausgemustert worden waren, die nun die Tage ihrer Entwertung in den Häusern der Landarbeiter der Fazendas verbüßten, wohin man sie wie eine wohlwollende Spende gebracht hatte, um für die Zukunft Platz zu schaffen, spiegelte sich das Leuchten der Farbfernsehapparate, eine kürzlich im Land eingeführte Neuheit, die nicht aufhörte, bei den Dienstmädchen, Taxifahrern und Gitarrenlehrern, die Hausunterricht gaben, bewundernde Seufzer hervorzurufen, an den eiskalten Wänden des Hauses der Familie Villanueva wider.« Der Übersetzerin Marlen Eckl hätte man fürs Roden dieses Sprachgestrüpps eine Machete mit extralanger Klinge gewünscht.

Trotzdem. Krausz hat auch diesmal, nach den in die Bände »Verbannung« (2013) und »Deserto« (2017) eingegangenen brasilianisch-europäisch-israelischen Familienreminiszenzen, lesenswerte Dinge aufgeschrieben. Dass er dabei jegliche Erzählökonomie missachtet, unterscheidet ihn grundlegend von Eduardo Halfon, dessen jüngster ins Deutsche übersetzte Roman, »Duell«, ebenfalls um jüdische Identität in der lateinamerikanischen Diaspora kreist. Der guatemaltekische Autor ist Jahrgang 1971 und damit zehn Jahre jünger als sein brasilianischer Kollege, aber man hat den Eindruck eines viel größeren Altersunterschieds, aufgrund der Unbefangenheit und Naivität, mit der Halfon sich der Überlebensgeschichte seines polnischen Großvaters in drei deutschen Vernichtungslagern sowie dem mysteriösen Tod seines Onkels im Amatitlán-See nähert. Sein historisches Halbwissen korrespondiert mit der Unkenntnis der indigenen Kultur seines Herkunftslandes, aus dem er als Zehnjähriger gemeinsam mit seinen Eltern in die USA übersiedelt war, der politischen und kriminellen Gewalt in Guatemala wegen.

»Duell« ist, wie alle Prosastücke Halfons bisher, der Autofiktion zuzuschlagen, einem in den spanischsprachigen Gegenwartsliteraturen beliebten Genre, dessen Reiz in der Ungewissheit liegt, in der es die Leser belässt: Hat der Ich-Erzähler das, was er zu erleben vorgibt, tatsächlich erfahren? Kurzweilig ist der Roman allemal, und das liegt nicht nur an der unprätentiösen und anschaulichen Sprache, sondern auch an der Bescheidenheit des Autors, der sich weder klüger wähnt, noch dümmer stellt als seine Leser. Bedenklich ist nur, dass man Halfons Familiengeschichte bald wieder vergessen hat.

Luis S. Krausz: Das Kreuz des Südens. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Marlen Eckl. Verlag Hentrich & Hentrich, Leipzig 2019, 392 Seiten, 19,90 Euro

Eduardo Halfon: Duell. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Hanser-Verlag, München 2019, 112 Seiten, 18 Euro

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