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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 8 / Ansichten

Lernen für die Rendite

Der nächste PISA-Schock
Von Ralf Wurzbacher
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Was macht man in Deutschland, wenn PISA schlecht ausfällt? Mehr prüfen, mehr Evaluationen!

Wie konnte das nur passieren? Deutschlands Schülerinnen und Schüler sind bei PISA weiter abgeschmiert. Bei der neuesten Auflage der internationalen Schulleistungsstudie zeigt der Daumen verglichen mit der Vorgängeruntersuchung bei allen drei getesteten Fächern – Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften – nach unten (jW berichtete). Was sich nach dem leichten Aufwärtstrend bei den Tests von 2009 und 2012 schon bei dem von 2015 angedeutet hatte, ist seit Dienstag Gewissheit: Deutschlands lernender Nachwuchs ist im internationalen Vergleich nur Mittelmaß.

An dem Befund ist zweifellos etwas dran. Aber die Art, wie und durch wen er gestellt wurde, ist höchst zweifelhaft. Die OECD als Lobbyklub der weltweit führenden Industriestaaten hegt und pflegt ein strikt ökonomistisches Bildungsverständnis. Was Kind heute lernt, muss sich morgen rentieren: für es selbst, für die Wirtschaft, für den Kapitalismus. Nicht rentabel ist aus dieser Sicht all das, was die Selbst- und Fremdverwertung als Wirtschaftssubjekt durchkreuzen könnte. Und so wie alles in der Produktions- und Arbeitswelt zwecks Optimierung zu vermessen, zu evaluieren und zu rationalisieren ist, müssen deshalb auch Lehre und Lernen verzweckt werden.

Bei PISA läuft das unter »Kompetenzerwerb«, also anwendungsorientiertes Verfahrenswissen. Es geht nicht mehr um die Auseinandersetzung mit einem Gegenstand, um Reflexion, Selbst- und Weltverständnis, sondern um Arbeitsmethoden und Lernstrategien. Literaturklassiker zum Beispiel taugen dabei nur noch zum Vehikel – oder verschwinden gleich ganz von der Bildfläche. Tatsächlich ist Goethes Faust I mit Ausnahme von Bayern nirgendwo mehr verbindlicher Prüfungsstoff, wie Ralf Klausnitzer vom Institut für deutsche Literatur der Berliner Humboldt-Universität in der Wochenzeitung Der Freitag bemerkte. Die heutige primäre »Kompetenzvermittlung« suggeriere, der Nachwuchs könne mit »austauschbaren Textstückchen« etwas lernen, ohne sich mit konkreten Inhalten beschweren zu müssen.

So betrachtet haben Deutschlands Pädagogen ihre Lektion offenbar noch nicht voll verinnerlicht. Obschon in hiesigen Klassenzimmern der Trend längst dahin geht, so zu unterrichten, dass es am Ende auch bei PISA klappt.

Begünstigt wird das vergleichsweise schlechte Abschneiden bei den Tests freilich durch grassierenden Lehrermangel, massenhaft Aushilfskräfte, marode Lehranstalten, sogenannte Brennpunktschulen, häusliche »Bildungsferne«, wachsende Armut, exzessiven Medienkonsum – kurzum: durch fehlende Bildungs- bzw. Sozialpolitik. Damit trotzdem keinem auffällt, wie das Niveau in der Fläche immer mehr absackt, werden sukzessive die Anforderungen gesenkt. Wie nie boomen dazu die Privatschulen, und Länder mit vielen Privatschulen landen bei PISA weiter vorne. Es gibt also noch Hoffnung für Deutschland.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Bildung statt PISA Die Schlussfolgerung des Kommentars »Lernen für die Rendite« (letzter Satz) teile ich in keiner Weise; es sei denn, besagter Satz wäre ironisch gemeint. Es gäbe meiner Meinung nach dann und nur dann n...

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