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Aus: Ausgabe vom 05.12.2019, Seite 6 / Ausland
Italien

»Sardinen« auf hoher See

Italien: Gegen Faschisten der Lega und anderer Gruppierungen formiert sich neue Bewegung
Von Gerhard Feldbauer
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Protest gegen die extreme Rechte: Die »Sardinen« in Reggio Emilia, vorne rechts Gründer Mattia Santori (23.11.2019)

Gegen die wachsende Gefahr einer drohenden Machtübernahme durch die extrem rechte Lega formiert sich in Italien eine neue Bewegung, die sich »Sardinen« nennt. Wie Medien meldeten, sind am vergangenen Wochenende wieder Zehntausende auf die Straße gegangen, um gegen den von Matteo Salvini propagierten Rassismus zu protestieren. In Florenz, wo der Lega-Chef und frühere Innenminister eine Kundgebung zu den Regionalwahlen in der Toskana abhielt, waren es laut Angaben der Veranstalter 50.000 Gegendemonstranten. In Genua, Reggio Emilia, Verona, Piacenza und zahlreichen weiteren Städten zählte die staatliche Nachrichtenagentur ANSA Zehntausende.

Da die Mitglieder der Bewegung bei ihren Protesten eng beisammenstehen, leiten sie ihren Namen von den kleinen Fischen ab, die in einer Dose konserviert werden. Sie verurteilen jegliche Verfolgung von Ausländern, Menschen anderer Hautfarbe, Religionen, treten für ein friedliches Zusammenleben aller Sprachgruppen und Kulturen ein, für eine friedliche, solidarische Gemeinschaft, halten Plakate mit darauf gemalten Sardinen oder selbstgebastelte Figuren dieser Fische auf Pappe oder Blech hoch. In Palermo war der Veteran des Kampfes gegen die Mafia, Bürgermeister Leoluca Orlando unter ihnen. Die linke Tageszeitung Il Manifesto schrieb über die »Sardinen«: »Sie nehmen Salvini weg, was er so dringend braucht, die Massen fürs tägliche Bad in der Menge.« Der linksliberale Il Fatto Quotidiano zitiert den britisch-italienischen Historiker Paul Ginsborg mit den Worten, »endlich tut sich wieder etwas im Land«.

Es sind frühere Linke aus unterschiedlichen Parteien, Sozialdemokraten, von der »Fünf-Sterne-Bewegung« (M5S) Enttäuschte aber auch Vertreter anderer Oppositionsparteien, die sich an den Protesten der »Sardinen« beteiligen. Zu ihren Kundgebungen kommen auch Katholiken, darunter eine aus dem Fernsehen bekannte Nonne, Schwester Giuliana. Sie singen die Nationalhymne, aber auch das legendäre Partisanenlied »Bella ciao«. In einem Manifest, das sie auf ihren Kundgebungen verbreiten, heißt es: »Liebe Populisten, die Party ist aus. Wir haben euch viel zu lange das Feld überlassen, weil wir überrascht und entsetzt darüber waren, wie weit ihr geht (…). Wir sind viele und viel stärker als ihr. Ab jetzt findet ihr uns überall. Willkommen auf hoher See.« Es gibt keine Bühnen für prominente Redner, sondern nur ein Mikrophon – für jeden, der etwas sagen will.

Sie wollen das Internet erobern, um der jahrelang geduldete rassistische Hetze der Lega und anderer faschistischer Gruppierungen, den Beleidigungen im Netz, dem Zerstören des Lebens von Menschen Einhalt zu gebieten, hieß es bei einer der ersten Aktionen der Aktivisten. Innerhalb einer Woche hatte ihre Facebook-Seite »Das Archipel der Sardinen« 46.000 Mitglieder. Binnen kurzem stieg die Zahl auf mehr als 160.000 an.

Die »Sardinen« sind bislang eine reine Protestbewegung, die im Grunde klassenindifferent agiert, die Verwurzelung der Lega als Interessenvertreter einflussreicher Kapitalkreise nicht thematisiert und ganz allgemein Beziehungen zu Parteien, Gewerkschaften oder sonstigen Interessenvertretungen ablehnt. Ihren Namen hat sich die Bewegung bereits beim europäischen Patentamt registrieren lassen. Für die gegenwärtig laufenden Kampagnen zu den Regionalwahlen, die am 26. Januar in der Emilia-Romagna und im südlichen Kalabrien stattfinden, haben sie weitere Veranstaltungen angekündigt, darunter am 14. Dezember in Rom. Selbst in New York wollen sie mit etwa 200 Teilnehmern auftreten. Offen blieb bisher, ob die »Sardinen« auch bei den Regionalwahlen antreten werden.

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