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Aus: Ausgabe vom 04.12.2019, Seite 5 / Inland
Abgehängt

Privileg Bildung

PISA-Studie 2018 sieht Deutschland im Abwärtstrend. Schulleiter beklagen mangelnde Ausstattung
Von Susan Bonath
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Immer noch aktuell: Aktionstag an der Nikolaischule Leipzig im März 2012

Die Bildungschancen von Kindern in Deutschland hängen weiterhin vom Geldbeutel, der Herkunft und dem damit verbundenen sozialen Status der Eltern ab. Seit Jahren verschärft sich der Lehrermangel, besonders gefördert wird nur, wer es sich leisten kann. Vor allem Kinder aus armen und migrantischen Familien werden abgehängt und landen vorwiegend in den Hauptschulen. Dort können, je nach Bundesland, zwischen 30 und 50 Prozent der 15jährigen nur mangelhaft lesen, schreiben und rechnen. Das ist eine der Schlussfolgerungen aus der Studie 2018 des »Programme for International Student Assessment« (PISA), deren Ergebnisse die initiierende Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag veröffentlicht hat.

Großer Abstand zur Spitze

Demnach schnitten zwar Schüler in Deutschland beim Leseverständnis, in der Mathematik und den Naturwissenschaften insgesamt etwas besser ab als der Durchschnitt in den durch die Industriestaatenorganisation untersuchten 79 Ländern. Allerdings haben sich ihre Ergebnisse gegenüber früheren PISA-Erhebungen wieder verschlechtert, der Aufwärtstrend bis etwa 2012 ist vorbei. Und: »Der Abstand zu den Spitzenreitern in Asien und Europa bleibt groß«, mahnen die Forscher unter Kristina Reiss, die den deutschen Teil der Studie geleitet hat.

So waren die sprachlichen, naturwissenschaftlichen und mathematischen Fähigkeiten der Neunt- und Zehntklässler in China, Singapur, Estland und Kanada deutlich besser als die der deutschen Jugendlichen. Sie erreichten jeweils Punktzahlen zwischen 520 und 591. In Deutschland kamen die Schüler auf 498 bis 503 Punkte. In armen Ländern am unteren Ende der Skala, wie Philippinen, Kosovo und Dominikanische Republik, erzielten die getesteten Jugendlichen zwischen 325 und 366 Punkte.

Der Nachwuchs von Geflüchteten und Arbeitsmigranten ist besonders benachteiligt. Auf dessen spezielle Bedürfnisse wird in den meisten Schulen unzureichend eingegangen. Der Anteil an Schülern mit eigener Migrationserfahrung sei seit der vorangegangenen Datenerhebung im Jahr 2015 insgesamt deutlich gestiegen, so die Forscher. Auffällig sei, »dass Schulleiter in Deutschland deutlich häufiger über eine mangelnde Ausstattung mit Personal und Sachmitteln klagen als ihre Kollegen im OECD-Schnitt«. Einrichtungen in ärmeren Ballungsräumen seien davon stärker betroffen als in sozioökonomisch begünstigten Gegenden.

Ausgegrenzt

Das verfestigt dauerhafte prekäre Lebensbedingungen. »Menschen mit niedrigen Basiskompetenzen laufen heute mehr denn je Gefahr, ausgegrenzt zu werden, warnte OECD-Vizegeneralsekretär Ludger Schuknecht bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Berlin. Die Ergebnisse seien daher »eine dringende Aufforderung, in der Schule niemanden zurückzulassen«. Es müsse darum gehen, »allen Schülerinnen und Schülern die Kompetenzen zu vermitteln, die sie brauchen, um in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts zu bestehen«, so Schuknecht. Dazu gehöre nicht nur gepauktes Wissen. Jugendliche müssten auch lernen, Wissen anzuwenden, Fakten von Meinungen zu unterscheiden, Informationen zu verknüpfen und eigene Lösungswege zu erarbeiten. Dies wurde vorwiegend in der Studie geprüft. Diesmal nahmen an der Untersuchung insgesamt rund 600.000 Schüler im Alter von 15 Jahren teil.

Angst zu versagen

Allerdings führt nicht nur Armut zu Problemen. Zunehmender Druck und wachsende soziale Unsicherheiten produzieren Versagensängste. Diese seien, so die Autoren, vor allem dort stark ausgeprägt gewesen, wo die Leistungen besonders gut waren. In die Tiefe gingen die Forscher dabei aber nicht.

Eine Ende November von der Krankenkasse DAK veröffentlichte Studie der Universität Bielefeld schlägt allerdings wegen zunehmenden psychischen Störungen bei Kindern Alarm. Jeder vierte Schüler werde mittlerweile deshalb ärztlich behandelt, heißt es darin. Zwei Prozent der zehn- bis 17jährigen litten an einer diagnostizierten Depression, genauso viele an einer Angststörung. Mädchen seien doppelt so häufig betroffen wie Jungen, warnten die Wissenschaftler. Dabei ging es nur um erkannte und behandelte Erkrankungen. Die Dunkelziffer schätzten sie als hoch ein.

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