Gegründet 1947 Sa. / So., 14. / 15. Dezember 2019, Nr. 291
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
CGT, NGG, RLS

Kampf gegen Weltkonzern

Internationale Konferenz in Paris: Gewerkschafter und Aktivisten verständigen sich über weltweite Strategie gegen Coca-Cola-Company
Von Susanne Knütter
RTR3FPEM Kopie.jpg
»Trinkt nicht Coca-Cola«: Demonstration gegen die Schließung einer Coca-Cola-Fabrik in Fuenlabrada (Madrid, 25.2.2014)

Der Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle. Mit diesem internationalistischen Verständnis der Gewerkschaftsbewegung trafen sich in der vergangenen Woche an die 100 Gewerkschafter und Vertreter von Coca-Cola-Initiativen aus 23 Ländern in Paris, um sich über eine weltweite Strategie gegen die Unternehmenspolitik des Coca-Cola-Konzerns zu verständigen.

Sieben Jahre lang bereiteten die CGT FNAF, eine Sektion des französischen Gewerkschaftsdachverbandes CGT, die die Beschäftigten in der Agrar-, Ernährungs- und Forstwirtschaft vertritt, die deutsche Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) und die Rosa-Luxemburg-Stiftung die Konferenz vor. Sie sei die erste dieser Art gewesen, sagte Jürgen Hinzer, früher Streikbeauftragter bei der NGG und am 27. und 28. November Konferenzdelegierter für die Rosa-Luxemburg-Stiftung, am Sonnabend im Gespräch mit jW.

Ein Ökonom der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Progexa, die sich zur Gewerkschaftsbewegung bekennt und Unternehmen ausschließlich für Interessenvertretungen von Beschäftigten analysiert, gab einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung von Coca-Cola in den letzten zwölf Jahren. Seit 2007 habe Coca-Cola seine internationale Marktposition durch Übernahmen von Unternehmen bzw. Marken in Mexiko, im Mittleren Osten, Großbritannien und Frankreich gestärkt. Außerdem habe der Konzern seine Position in Afrika ausgebaut.

Zwar sinke der Konzernumsatz seit 2011, der Anteil des Nettogewinns aber bleibt hoch. Im Jahr 2018 setzte der Konzern 31,9 Milliarden US-Dollar um und verzeichnete einen Nettogewinn von 6,4 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen profitierte nicht zuletzt von den Steuersenkungen der US-Regierung, nachdem der Gewinn im Jahr 2017 auf 1,2 Milliarden Dollar (bei 35,4 Milliarden Dollar Umsatz) eingebrochen war. Der Börsenkurs steigt seit mehr als 50 Jahren kontinuierlich an. Ein Coca-Cola-Arbeiter erwirtschaftet inzwischen jährlich 102.265 US-Dollar – gegenüber 48.691 Dollar im Jahr 2005.

Die Wortmeldungen der internationalen Gewerkschaftsvertreter unterschieden sich nur hinsichtlich der Intensität der Ausbeutung, über die berichtet wurde. Der Kollege aus dem Kongo sprach von Prämien, die die Angestellten anstelle von festem Gehalt bekommen. Ein chilenischer Kollege sprach vom Kampf um einen kollektiven Tarifvertrag anstelle von betrieblichen Regelungen mit den zahlreichen Betriebsgewerkschaften. Aus Griechenland wurde vom Kampf um die Wiedereröffnung einer Coca-Cola-Fabrik berichtet. Allerdings, so der griechische Kollege, sei Coca-Cola die Ikone des Kapitalismus. Deshalb müsse man letztlich auch über ein alternatives Wirtschaftssystem reden. Ein Vertreter der NGG thematisierte die Arbeitsverdichtung und die Zusammenarbeit mit der Umweltbewegung. Denn Coca-Cola sei nicht zuletzt wegen des immensen Gebrauchs von Plastikflaschen einer der größten Umweltverschmutzer. Der Kampf gegen die Verschwendung von Wasser und um den Zugang zu dem lebensnotwendigen Rohstoff sei außerdem überall ein Thema, sagte Hinzer. Der serbische Kollege habe angeregt, einen einheitlichen Lohn für alle Coca-Cola-Beschäftigten zu fordern. Schließlich sei der Getränkekonzern ein Symbol für ein kapitalistisches Produktionsmodell weltweit.

Zum Abschluss der zweitägigen Konferenz verurteilten die Delegierten in einer Resolution die Repression gegen Gewerkschafter und die von der Konzernleitung »organisierten oder unterstützten Menschenrechtsverletzungen«. Einig war man sich darin, dass dieses Treffen den »Aufbau einer gemeinsamen Front der Beschäftigten«, Gewerkschaften und Bevölkerungen in allen Ländern »gegen Coca-Cola und seine rückständigen Einstellungen« gestärkt habe. Um die »Kämpfe zu nähren, die sich in zunehmender Anzahl gegen Coca-Cola richten«, müsse der Erfahrungs- und Informationsaustausch fortgesetzt und ein effizientes Vorgehen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen ermöglicht werden. Zu dem Zweck wurde ein Solidaritäts-, Kampf- und Koordinationsausschuss namens »Coca-Cola en luttes« (Coca-Cola im Kampf) eingerichtet.

Er wird sich jährlich treffen und die internationale Vernetzung der Gewerkschaften und Coca-Cola-Initiativen gewährleisten. Aber nur, wenn der internationalistische Ansatz in die Betriebe hineingetragen wird, das machte Hinzer klar, werde der Anspruch der Konferenz umgesetzt werden können.

Ähnliche:

  • Die Gewerkschaften sind bereit, den Kampf gegen die Regierung au...
    16.11.2019

    Solidarität abschaffen

    Mit der »Rentenreform« holt Präsident Emmanuel Macron zum härtesten Schlag gegen Frankreichs Sozialsystem aus. Widerstandstag am 5. Dezember
  • Von den versprochenen Investitionen ist nichts zu sehen. Die IG ...
    02.11.2019

    Fusion alarmiert Opel

    Peugeot und Fiat-Chrysler wollen zum viertgrößten Autokonzern der Welt aufsteigen
  • »Personal und Patienten in Gefahr«: Protest von Krankenhausperso...
    09.07.2019

    Mit der Geduld am Ende

    Streiks im französischen Gesundheitswesen werden ausgeweitet. Gewerkschaftsspitze für Zusammengehen mit »Gelbwesten«-Bewegung

Regio:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft