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Aus: Ausgabe vom 03.12.2019, Seite 11 / Feuilleton
Musik

Spaceship über Lesbos

Zurück auf dem Highway to Hellas: Das neue Album von The Grexits
Von Christos Davidopoulos und Franz Dobler
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Zwei Jahre nach dem Debütalbum »The Grexits« sitzen wir im Büro von Optimal-Schallplatten in der Münchner Kollosseumstraße und betrachten die Landkarte vor uns. Auf ihr kleben viele gelbe Quadrate mit geheimnisvollen Notizen wie »Lesbos!« oder »Sun Ra?«, und wir fragen uns beim Studium der Karte: Gibt es inzwischen neue Baustellen und Straßensperren auf dem Highway to Hell via Hellas, und wo sind die Grexits jetzt?

Wir hören das neue Album »For Sale«, das abermals eine Koproduktion der Münchner Labels Echokammer und Gutfeeling ist, und landen doch zuerst bei politischen Aspekten. Nicht nur, weil wir der altmodischen These anhängen, dass jede Musik von ihren gesellschaftlichen Bedingungen erzählt, sondern auch, weil The Grexits schließlich vor einigen Jahren bei einer Benefizveranstaltung für griechische Flüchtlingsinitiativen unter der Headline »Highway to Hellas« gegründet wurden, als Singer-Songwriter Nikos Papadopoulos dort mit seiner anderen Band Ta Mourmourakia auftrat.

Was hat sich denn inzwischen geändert? Im Gegensatz zum Dauerthema »Brexit« hat sich die »Grexit«-Diskussion verflüchtigt. Die Situation der Geflüchteten, die auf der Insel Lesbos landen und an diesem Nadelöhr nach Mitteleuropa auf eine bessere Zukunft hoffen, hat sich in diesen Tagen wieder mal verschärft. Und man muss sagen, dass die 300 Milliarden Euro, die die Deutschen den Griechen immer noch als Ausgleich für Kriegsverbrechen schulden, bei dieser und anderen Katastrophen eine Hilfe wären. Auf diesen Reparationszahlungen besteht übrigens auch die neue rechte Regierung, die die mehr als enttäuschende linke inzwischen abgelöst hat.

Und hier auf der Karte klebt ein gelber Zettel bei Athen: Denn die Grexits haben, very special, in Athen gespielt. Aber ausgerechnet dort hatte der Veranstalter die Plakate ganz vergessen und auch sonst nicht getrommelt. Ob er zu denen gehört, die eine zweite Chance verdient haben, wissen wir nicht – und wir haben auch keine Antwort auf die Frage, ob der neue griechische Wirtschaftsminister Spyridon-Adonis Georgiadis Promotion für »For Sale« machen wollte, als er am 28. September in der Süddeutschen Zeitung verkündete: »Wir verkaufen alles!« Wer genug Kröten hat, kann sich jetzt ein paar Straßen oder den Athener Flughafen kaufen. Europa today: Die Rechten und die Turbokapitalisten ballern sich weiter voran.

Wer da nicht mitspielen kann oder will, könnte ja an die nächste Straßenkreuzung gehen, um dem Teufel seine Seele zu verkaufen, wie es in den Blueslegenden heißt. Aber The Grexits machen keinen Blues – und doch steckt eine Menge Blues drin und natürlich der Soul des alten griechischen Blues alias Rembetiko, der vor über hundert Jahren entstanden ist, der vor allem in den Hafenstädten populäre Soundtrack der kleinen Gaunerinnen und Habenichtse, der Drogisten und Abgehängten. »Die einzige Parallele zur Rembetiko-Musik, die ich mir denken kann, ist der städtische Blues von New Orleans, Chicago und Harlem. Dort gibt es das gleiche Gefühl, außerhalb der Gesellschaft zu stehen, die gleiche Geheimsprache«, und die Hauptthemen sind sich »erstaunlich ähnlich: Haschisch, Gefängnis, Polizei und Sex«, schreibt Musikethnologin Gail Holst. Man muss diese Spuren auf »For Sale« nicht erkennen, um den kalten Wind zu spüren, der durch die europäischen Großstädte zieht – eine Stimmung, die Andreas »G.Rag« Staebler von Gutfeeling Records in zwei Videos zum ersten Album großartig eingefangen hat (siehe Youtube).

Und The Grexits machen keinen auf Neofolk-Band. Obwohl sie auch auf ihrem zweiten Album vorführen, dass sie das könnten, und obwohl sie es auf die Folkpop-Tour vermutlich leichter hätten. Eine Postrock-Band mit einem griechischen Sänger und einem Hang zu unvermuteten Ausreißern hat’s eben nicht so ganz leicht im durchaus an Folklore/Balkanmucke-interessierten Deutschland, behaupten wir mal.

»Es ist schon schwierig, ein passendes Rembetiko-Stück zu finden, denn es soll ja nicht beliebig werden«, sagt Nikos Papadopoulos. »Man könnte einfach irgendwas nehmen und umbauen, aber das wird dann leicht klischeehaft.« Deswegen hat es keine besondere Bedeutung, dass das neue Album mit nur einem Rembetiko-Klassiker auskommt und andere Vorlieben und Einflüsse mehr Raum haben. Der Eindruck, es könnte sich um eine Neorembetiko-Band handeln, soll nicht mal angedeutet werden, und dazu passend werden die harschen Brüche zwischen einem zarten und einem Surf-Instrumental, zwischen einem geradezu astrein traditionell gespielten Jiorgos Katsaros-Klassiker und Punkrock und sogar Krautrock-Assoziationen nicht geglättet, sondern klar ausgestellt. Insofern darf man es als Statement verstehen, wenn sie »This is Rock and Roll« covern und relativ nah am Original einer zumindest hier in der Kollosseumstraße völlig unbekannten Punkband namens The Kids (die, steht auf dem gelben Zettel über Belgien, auf ihrem Debütalbum von 1978 auch einen Song »Do You Love The Nazis« hatten).

Großen Einfluss scheint die Rembetiko-Tradition allerdings auf die Texte von Papadopoulos zu haben. Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei den alten Rembetiko-Songs vor allem um Klagelieder, seien es gesellschaftliche, amouröse oder alltägliche Klagen. »No fun« also, wie schon Iggy Pop gesagt hat. Dem­entsprechend schreibt Papadopoulos keine nette Poesie. Nur einige Beispiele: »Mit einem Fetzen Stoff voller Blut hast du mich schon wieder eingewickelt … Aber jetzt werde ich dich damit einwickeln, weil es so nicht weitergeht«, heißt es in »I synecheia« (»Die Fortsetzung«). »Ich gehe weg aus deinem Leben, dann kannst du mich nicht mehr verletzen. Wieso kommst du jetzt und jammerst mir was vor? Du kümmerst mich nicht mehr«, sagt eine Frau in »To telos« (»Das Ende«). Oder ein Vers aus »Das Verbotene«: »Dein Blick schlitzt mir die Brust auf, Rosalie, du hast mich dazu gebracht, die Welt mit anderen Augen zu sehen, doch ich rufe deinen Namen, und du drehst mir den Rücken zu.«

Wenn wir uns jetzt daran erinnern, dass alte Bluessongs oft als Code zu verstehen waren – wenn zum Beispiel eine Frau abgehauen war und beschimpft wurde, also eigentlich ein fieser Landlord beschimpft wurde, den man jedoch nicht offen beschimpfen konnte – , dann könnte man auch auf die Idee kommen, dass es in Papadopoulos’ dysfunktionalen Lovesongs vielleicht noch um etwas mehr geht. Vielleicht um die Straßensperren auf dem Highway to Hell via Hellas, vielleicht um weltliche Zustände, mit denen man nicht klarkommt … Fragen, die man nicht einem Sänger stellt, sondern sich selbst.

Bleibt noch der Zettel mit der »Sun Ra?«-Notiz. What the hell ist damit? Track 12 »Kati na sou po« (»Ich wollte dir was sagen«) hat uns doch irgendwie an Sun Ra denken lassen, und dass sein Spaceship, das mit der Vorstellung verbunden war, Menschen in eine bessere Galaxie rauszuholen, zur Zeit über Griechenland schwebt.

The Grexits: »For Sale« (Echokammer & Gutfeeling Records)

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