Gegründet 1947 Sa. / So., 14. / 15. Dezember 2019, Nr. 291
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben

Ana & Bela

Von Helmut Höge
image2_crop.jpg

Im Januar 1978 wurden auf dem Westberliner Tunix-Kongress (gegen die Gleichschaltung der »drei Gewalten« im »Deutschen Herbst«) Pläne zur Gründung einer linken Tageszeitung (die spätere Taz) vorgestellt. Bis dahin gab es in fast jeder größeren Stadt in der BRD eine linke Stadtzeitung. Wir vom Frankfurter Pflasterstrand und Informationsdienst für unterbliebene Nachrichten waren gegen ein zentrales Medium, weil wir um die vielen regionalen Medien bangten, die dann auch tatsächlich nach und nach eingehen sollten.

Hier nun geht es um die Stadtzeitung Ana & Bela – Kölnisches Volksblatt, denn gerade hat die Kölnische Bibliotheksgesellschaft einen Reprint veröffentlicht. Im Begleittext schreibt der Kölner Alltagsforscher Martin Stankowski: Zwischen 1969 und 1972 erschienen von Ana & Bela 17 Ausgaben, den Reprints ist zu entnehmen: »Im Auflösungsprozess der Außerparlamentarischen Opposition« entstanden damals »autonome Projekte«, u. a. die »Sozialistische Selbsthilfe Köln«, die wie auch andere »Inis« eine »Randgruppenstrategie« verfolgte. Diese ging auf den in den USA lebenden Theoretiker Herbert Marcuse zurück, der gemeint hatte, die Arbeiter seien integriert, nur die Unterschichtsminderheiten an den Rändern seien zur Revolte bereit. Bereits bei der Lektüre der ersten Ausgabe von Ana & Bela merkt man: Es hat sich bis heute nicht viel verändert, mal abgesehen davon, dass nicht mehr die Linken, sondern die Rechten weltweit Konjunktur haben. 1969 wurde über Kinderläden berichtet, über Lehrlingsproteste in einem Industriebetrieb, die Antipsychiatrie-Bewegung und Trebegänger (aus Heimen entlaufene Jugendliche), über »Die Ausbeutung der Frau als Gebär- und Brutmaschine« anhand einiger Thesen von Wilhelm Reich, Aktionen gegen ein Kino, das einen den Vietnamkrieg verherrlichenden Film zeigte, die politische Polizei und Drogen. Rock und Pop wurden »als Teil der Protestkultur« diskutiert.

Stankowski schreibt: »So wie es Menschen gibt, deren Spuren seit Ana & Bela bis heute zu verfolgen sind, gibt es auch Themen, die andauern und mit ihrer Skandalisierung in Ana & Bela begonnen haben.« Er erwähnt etwa ein katholisches Kinderheim und die Kinderpsychiatrie. Später nimmt die Zeitung verstärkt »die Arbeitswelt in den Betrieben« wahr, aber auch die vielen Obdachlosen in Köln, obwohl ja mehr als 100 Häuser leerstehen. Sie berichtet über eine Hausbesetzung und die Fahrpreiserhöhung bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Stankowski sieht dabei eine »Entwicklung vom Szeneorgan bzw. Underground-Medium« (es gab einen »Underground Press Service« und eine »Underground Media Society«) zu einem »publizistischen Aufklärer«, was sich an der immer schärferen Kritik an der Berichterstattung des marktbeherrschenden Kölner Stadtanzeigers ablesen lasse. Ana & Bela wurde darüber zu einem »Medium der ›Alternativpresse‹, woraus 1974 schließlich das »Organ der Kölner Bürgerinitiativen«, das Kölner Volksblatt entstand.

Martin Stankowski hatte 1972 zusammen mit seinem Bruder Jochen eine Druckerei, den Betrieb am Niehl, gegründet, in der »über Jahrzehnte die Materialien der Kölner Initiativen gedruckt wurden«. 1973 entwickelten sie das erst monatlich und dann vierzehntägig erscheinende Kölner Volksblatt – Bürgerinitiativen informieren. Die Zeitung existierte bis 1999, die Artikel wurden dem Zeitgeist entsprechend nicht namentlich gezeichnet. Der Autor des Begleittextes zum Ana & Bela-Reprint stellt deswegen nun im Anhang alle Genossinnen und Genossen, die an diesem Projekt beteiligt waren, namentlich und mit Werdegang vor.

Zum Beispiel Rolf Henke, der mit Raubdrucken und Flugblättern für die Maoisten auf einer A4-Offset-Maschine angefangen hatte und dann einer der größten Szenedrucker in der BRD wurde, u. a. mit einer Druckerei in Westberlin, wo dann auch die Taz produziert wurde, die zuvor wegen ihres Berliner Formats in der Druckerei des ungeliebten Spandauer Volksblatts hergestellt worden war. Als nach der »Wende« ein Ableger der Taz in Ostberlin erschien, eröffnete Henke auch noch eine Großdruckerei in Hohenschönhausen, die er infolge der Zeitungskrise im Jahr 2015 aufgab. In Köln hat er noch den Graphischen Betrieb Henke, er selbst zog jedoch auf sein Gut Temmen in der Uckermark, wo er auf 3.500 Hektar Biologisches anbaut und züchtet. Zwei andere ehemalige Mitarbeiter von »Kölns ältestem Untergrundmagazin« betreiben im Regierungsviertel die Pizzeria »Ana Bella«.

Ähnliche:

  • Protest gegen die Umgestaltung des Innenraums vor der St.-Hedwig...
    20.09.2019

    Abriss aufgehalten

    Berliner Bezirksamt untersagt Arbeiten in St.-Hedwigs-Kathedrale
  • Taxifahrer in Köln nehmen an Protesten gegen die Deregulierung d...
    12.04.2019

    Uber expandiert weiter

    Fahrdienst startet in Köln. Taxibranche befürchtet Einbußen

Mehr aus: Feuilleton