Gegründet 1947 Sa. / So., 14. / 15. Dezember 2019, Nr. 291
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Aus: Ausgabe vom 30.11.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Der Meinungsfreiheit eine Gosse

Kommentare zur Zeit
Von Eike Geisel
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»Je toter der Kommunismus ist, desto eifriger wollen viele bei seiner historischen Hinrichtung dabei sein.« (Eike Geisel, hier beim Schach)

Dieser Tage erscheint in der Edition Tiamat der Band »Die Gleichschaltung der Erinnerung« mit Kommentaren des 1997 verstorbenen Publizisten Eike Geisel, dem die vorliegenden Texte entnommen sind. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Die Befreiung von den Befreiten

Es gab in der deutschen Nachkriegsgeschichte mal eine kurze Zeit, da nährte sich die Empörung über die bestehenden Verhältnisse am Hass auf deren Herkunft. In der Bundesrepublik war kurzfristig einmal ein Bewusstsein darüber vorhanden, woher diese Gesellschaft kam und weshalb sie so beschaffen war, dass sie von der Ermordung von sechs Millionen Juden umstandslos zur Herstellung von sechs Millionen Volkswagen übergehen konnte.

50 Jahre nach Kriegsende freilich sieht es aus, als gäbe es nur noch Klippschüler. Wie anders soll man verstehen, dass selbst Leute, die es einmal besser wussten, nun rätseln, ob der 8. Mai 1945 ein Datum der Befreiung oder ein Tag der Niederlage war. Und ehemalige Linksradikale, für die früher jede Niederlage der deutschen Fußballnationalmannschaft Anlass zu einem Straßenfest bot, haben inzwischen vergessen, dass die militärische Niederlage Deutschlands 1945 die erfreulichste Niederlage der Menschheitsgeschichte war. Wenn Alfred Dregger1 dieses Datum für einen Tag der Trauer hält, gut so. Er und seinesgleichen haben damals verloren, gut so. Man sollte ihnen jährlich eine kleine Statue des britischen RAF-Generals Harris2 überreichen: zur Erinnerung daran, was passiert, wenn sie es nochmals versuchen sollten.

Doch seit sich herausgestellt hat, dass die Deutschen langfristig den Zweiten Weltkrieg doch noch gewonnen haben, wollen auch die Kritiker von einst ganz zur siegreichen Mannschaft gehören. Aber sie trotten bloß den Spielmachern hinterher. Während der Bundeskanzler am 9. Mai nach Moskau fährt und mit einem alten Spruch von Wolfgang Neuss (»Wir schaffen es – auch ohne Waffen-SS«) sich als fairen Gewinner feiern lässt, entdecken dessen langjährige Opponenten plötzlich, dass die ehemaligen Gegner der Deutschen die Spielregeln nicht immer eingehalten haben. Zwar hatte der Bundespräsident kürzlich in Dresden den einstigen Alliierten verziehen, dass sie mit der kriminellen Vereinigung Deutschland Schluss gemacht hatten, aber nun sind auf einmal andere so nachtragend wie vordem bloß die Rechtsradikalen.

Man dürfe die »Vertreibungsverbrechen« nicht tabuisieren, tönt es aus der Taz, als habe es dieses Tabu je gegeben. Und je toter der Kommunismus ist, desto eifriger wollen viele bei seiner historischen Hinrichtung dabei sein. Die 50jährige Wiederkehr der Befreiung von Buchenwald wurde allerorten als Aufforderung verstanden, sich von den Überlebenden zu befreien, endlich die ehemaligen Häftlinge zu entnazifizieren.

»Elite des Grauens« war etwa ein Bericht im Berliner Tagesspiegel überschrieben. Und damit waren nicht die SS-Wachmannschaften, sondern die inhaftierten Kommunisten gemeint. Im Untertitel des Berichts hieß es: »Die roten Kapos waren diszipliniert, gehorsam, zuverlässig und halfen der SS, das Lager zu verwalten.« Welche Neuigkeit. Ähnliches war längst aus allen Konzentrations- und Vernichtungslagern bekannt. Eigentlich, so durfte man nun aus den aktuellen Rückblicken schließen, saßen die Kommunisten nicht ganz zu Unrecht im Lager. Sie waren weniger Opfer als vielmehr eine vielleicht etwas benachteiligte Unterabteilung der SS gewesen. Die »300 roten Kapos«, so erfuhr man, hätten der SS bei Selektionen zugearbeitet und es so geschafft, zur erfolgreichsten Überlebensgruppe zu werden. »Haben sich die Kommunisten«, so fragte ein schreibender Kapo, »die nationalsozialistische Rassenideologie zu eigen gemacht. Kann man das, was sie taten, überhaupt als Widerstand bezeichnen? … Was die Nazis ›minderrassig‹ nannten, hieß für die Kommunisten ›völlig undisziplinierbar‹. Das Ergebnis war dasselbe: Zigeuner, Ostjuden, Russen.« Der Umschuldungshistoriker Ernst Nolte3 hatte immer behauptet, die Verbrechen der Nazis seien Nachahmungen bolschewistischer Untaten gewesen. Seine Schüler korrigieren ihn nun vorsichtig: nicht Kopie, sondern Joint Venture.

Mit solcher Auskunft freilich enthüllt sich ein nur notdürftig verborgener Sinn der »Befreiung«, deren Jahrestag jetzt gefeiert wird. Auf den ersten Blick scheint das Erinnerungsfestival ein bloßer Schwindel zu sein, denn bekanntlich wurden die übbriggebliebenen Insassen von Lagern und Gefängnissen befreit. Die anderen, die diese betrieben oder die Welt in Schutt und Asche legten, wurden militärisch besiegt: Sie wurden gegen ihren Willen und mit Gewalt allenfalls davon befreit, ihren Massenmord bis zur völligen Selbstvernichtung fortzusetzen. Nur durch ihre Niederlage blieben sie am Leben. Dass man den 8. Mai dennoch als Tag der Befreiung begreifen darf, ist die gute Nachricht, welche Historiker und Publizisten angelegentlich der Feier in Buchenwald verkündeten: Befreit wurde nicht, wen die Nazis noch übriggelassen hatten, befreit wurde das Lager Buchenwald von kommunistischer Herrschaft. Und damit hatten die Alliierten einen Fehler wiedergutgemacht, nämlich die Torheit, damals das verlässlichste Bollwerk gegen den Bolschewismus zu zerstören. Mit ihrem Sieg über die kommunistischen Kapos hatten sie begonnen, dieses Bollwerk wiederaufzurichten.

Und die Überlebenden? Weil davongekommen, waren sie doch mindestens halbe SS-Leute. Jean Améry, Primo Levi und viele andere hätten wahrscheinlich Gnade vor den Augen des publizistischen Volksgerichtshofs gefunden. Denn ganz offensichtlich hatten sie die richtige Konsequenz gezogen. Doch leider folgten zu wenige ihrem Beispiel. »In der DDR drängte diese rote KZ-Elite in Ordnungsfunktionen« erläuterte der Tagesspiegel die Herkunft der nicht nur beim Kanzler beliebten Ansicht, die DDR sei ein einziges KZ gewesen. Im Westen andererseits hatte man die Überlebenden konsequent entnazifiziert. Heuss etwa hatte dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, aber dass er Häftling eines Lagers gewesen wäre, das konnte man ihm nun wirklich nicht vorwerfen. Lübke hatte von außerhalb etwas mit den Lagern zu tun gehabt, aber doch nicht als deren Insasse. Und um etwa der Peinlichkeit zu entgehen, ein ehemaliger KZ-Häftling könnte der erste Botschafter in Israel werden, schickte man vor genau 30 Jahren einen einwandfreien ehemaligen Wehrmachtsoffizier4 dorthin. Seit Stasi gleich Nazi ist, muss für den nachholenden Antifaschismus die Gleichung auch rückwirkend stimmen. Stimmig freilich an dieser neuerlichen Geschichtsentsorgung, die nicht von rechts kommt, ist nur, dass die Gnade der späten Geburt wie so oft mit der Strafe der frühen Verblödung einhergeht.

Die Kapos von einst, ob deutsche Juden in Westerbork, polnische Juden in Auschwitz oder deutsche Kommunisten in Buchenwald – sie wurden, was sie waren, unter mörderischem Druck und im Angesicht des Henkers. Die schreibenden Kapos von heute freilich verüben ihre Schäbigkeiten freiwillig und stehen damit bloß in der Tradition der selbstlosen Gemeinheit ihrer Väter (und Mütter!).

19955

Bauch- und Büttenredner

Über das Kursbuch »Verräter«

Ihre Niederlagen waren noch ihre besten Zeiten. Jetzt, wo sich die Altlinken auf die Seite der Sieger stellen, machen sie sich nur noch lächerlich. Je inniger sie den Feind von einst umarmen, den sie nun statt Kapitalismus zärtlich Zivilgesellschaft rufen, desto unverblümter schlägt ihnen gerade dort Verachtung entgegen, wo sie gelegentlich ihren neophytischen Eifer zur Schau stellen dürfen und nachplappern, was schon immer in der FAZ stand.

Wenn Claus Leggewie6 im Kursbuch (Nr. 116) von der »hegemonialen Omnipräsenz des Achtundsechzigertums in heutigen Meinungskämpfen« spricht, dann reagiert das Zentralorgan in Frankfurt angewidert ob solcher Zudringlichkeit. Dort sitzen keine Leninisten, die nützliche Idioten brauchen, sondern instinktsichere Herrschaften, die derlei Avancen bloß höhnisch abbügeln. Über den ehemaligen Straßenkämpfer und wiedergeborenen Demokraten Josef Fischer etwa hieß es vor einiger Zeit in der FAZ: »Was sollen wir eigentlich von der Urteilsfähigkeit eines Politikers halten, dessen bisherige Analysen alle falsch waren und der dem verdutzten Publikum nunmehr die Positionen des politischen Gegners als neueste Einsichten anpreist?«

Diverse Anpreisungen sind nun als Kursbuch unter dem bombastischen Titel »Verräter« erschienen. Genauso gut könnten Ladendiebe ihre Erinnerungen unter dem Titel »Das Millionending« herausbringen. Leute, die niemandem etwas zuleide getan haben, sondern nur ihre linke Vergangenheit loswerden wollen, schmücken sich nun mit diesem abenteuerlichen Titel, um ihrem Wandel durch Anbiederung den Anschein unabhängigen Denkens zu verleihen. Herausgekommen ist ein Sammelband von Konformisten, die sich für Abweichler halten.

Ähnlich wie ihre Eltern laufen die Protagonisten der zweiten erfolgreichen Resozialisierung der Bundesrepublik ihrer eigenen Geschichte davon. Während jene jedoch meist verdrückt schwiegen, können die jüngeren Vergangenheitsbewältiger den Mund nicht voll genug nehmen. »Vergesst 68!« fordert Claus Leggewie, als müsste man noch irgend jemanden zum Vergessen oder gar zum Verrat ermuntern. Und dem konformierenden Nachvollzug folgt die der Marlboro-­Reklame abgelauschte Aufforderung: »Denkt gefährlich!«

Im Tratschteil der Woche gibt es regelmäßig einen Fragebogen. Der Kandidat wird unter anderem gefragt: »Wie würden Sie einem Blinden Ihr Äußeres beschreiben?« Eine Auskunft könnte lauten: »In der Syntax streift die gegenwärtige Zeit mit einem kurzen Knirschen die Zeitlosigkeit des gegenwärtigen Diskurses. Es scheint daher keinen Realwiderstand zu geben beim Sprung von einer Zeitscholle zur nächsten.« Die Antwort des Blinden wäre: »Dann müssen Sie Klaus Hartung7 sein.«

Lichtet sich der Nebel, den Hartung (früher beim Kummerkasten der Taz, später in der Abteilung Waber & Laber der Zeit) aus dem »zerbrochenen Gehäuse Utopie« entweichen lässt, dann hört das Volk die Signale: »Der Schutz der Minderheiten wäre sicherer, wenn es als Schande für die Deutschen begriffen würde, dass Ausländer auf der Straße gejagt werden. Das aber setzt eine Identifikation mit der eigenen Nation voraus.« Doch leider ziehen die Landsleute den Originalton vor, sie wünschen kein Plagiat; sie wollen die Trompeter, nicht die Bauchredner des Nationalen.

Auch die Bekenntnisse einer Sibylle Tönnies8 machen einen nachgerade dankbar, dass die Protestbewegung in Deutschland gescheitert ist. Früher war sie in einer »Basisgruppe«, heute sitzt sie im Überbau. Aber sie hat von dort noch immer die »Nöte der heimischen Massen« im Blick: Sie ist voller »Skepsis gegenüber zu großer Permissivität angesichts des Ausländerzustroms«. Ein Artikel für die FAZ, den sie, »ohne das Beiwerk von Rassismus und Egoismus als die moralische Zuwendung zu den Nöten der einheimischen Massen« verstand, brachte ihr zwar eine Einladung »in die besseren Kreise«, aber ungerechterweise nicht deren Zuwendung.

Als verspätetes BDM-Mädchen bei einer Vietnam-Demonstration »der ›Bewegung‹ sehr nahe gekommen« (»ich hatte das ›Komm, komm lockt ihr Schritt‹ wohl verspürt«), weiß sie im geläuterten Zustand einer Hochschullehrerin die Zeiten von einst zu schätzen als frühen intellektuellen Vitaminstoß. »So folgenlos dieses Denken praktisch war, es wirkte doch nachhaltig aufräumend auf den Geist.« Aber »kleine Fünkchen glimmen noch«, nämlich die »verstreuten ethischen Fünkchen«. Womit es das Funkenmariechen bis zur Büttenrednerin gebracht hat: »Was aber bleibt, ist ein etwas freierer Mensch.« Das sollte man doch vertonen.

19949

Der Meinungsfreiheit eine Gosse

Nach den zaristischen Pogromen Ende des vergangenen und Anfang dieses Jahrhunderts fragte ein besorgter Zeitgenosse in einer russischen Tageszeitung: »Den Pogrom haben die Juden weder erfunden noch betrieben. Aber wären sie dazu in der Lage? Die hypothetische Antwort muss lauten: Ja.« Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass es schon damals Leute gab, die den Juden nicht verzeihen wollten, dass sie massakriert wurden – aber diese Anekdote ist frei erfunden.

Nicht erfunden hingegen ist, was ein um das deutsch-jüdische Verhältnis besorgter Zeitgenosse am vorvergangenen Freitag (10.2.1995) im Tagesspiegel schrieb. Sein programmatischer Kernsatz zur Endlösung der deutsch-jüdischen Versöhnungsfrage hieß: »Den industriellen Massenmord haben Juden weder erfunden noch betrieben. Aber wären sie dazu in der Lage? Eine widerliche Frage: die hypothetische Antwort muss lauten: Ja.«

Was war geschehen, dass sich ein Redakteur zu einem derart flammenden Plädoyer für eine neue Gleichberechtigung von Deutschen und Juden hinreißen ließ? Auschwitz als Fluchtpunkt deutsch-jüdischer Egalität? Unter der Überschrift »Das Wasser auf den Mühlen der Lügner« kommentierte Thomas Lackmann die Entscheidung des Piper Verlags, das bereits fertiggestellte Buch »Auge um Auge – Opfer des Holocaust als Täter« von John Sack nicht auszuliefern. Der Verlag hatte erklärt, Sacks Buch könne Anlass zu einem Missverständnis bieten: nämlich zu der vom Autor mit einem sadistischen Politporno illustrierten wie vom Piper Verlag geteilten Auffassung, jüdische Überlebende der Massenvernichtung in Polen hätten die »Rolle ihrer Peiniger übernommen«.10

Einerseits über jedes Missverständnis erhaben, schlummerte dieser Gedanke andererseits als Vorverständnis im Kopf eines Feuilletonredakteurs. Er wird deshalb die beklagte Zensur leicht verschmerzen. Er kennt das Buch nicht, aber schon längst dessen Botschaft: »Die Umstände«, heißt es im Tagesspiegel über eines der Internierungslager in Polen, »unterschieden sich nicht vom Niveau eines Nazi-KZ«. Irgendwann, wir werden es noch erfahren, muss also eine jüdische Wannsee-Konferenz stattgefunden haben. Bei dpa freilich war diese Vermutung schon zur sicheren Tatsachenfeststellung geworden. Die Agentur vermeldete den Rückzug des Piper Verlags unter der Überschrift: »Piper zieht Holocaust-Buch zurück.«

Weder von der Sache selbst noch von der fraglichen Publikation hatte der Tagesspiegel-Kolumnist auch nur die geringste Kenntnis. Mehrere amerikanische Zeitschriften, unter ihnen The New Yorker, so berichtete Lackmann, hätten John Sacks Recherche mit Vorschüssen finanziert, aber das Ergebnis dann abgelehnt zu drucken. Nur: The New Yorker hat nie etwas mit John Sack zu tun gehabt. Dort würde man einen Autor, dessen Ruf sich auf die Memoiren von Leutnant William Calley, des Killers von My Lai, gründet, nicht einmal mit dem Pförtner reden lassen. Als Sacks Bericht, so Lackmann weiter, schließlich als Buch unter dem Titel »An Eye for An Eye – The Untold Story of Jewish Revenge against Germans in 1945« erschienen sei, »wurde er von den meisten Rezensenten ignoriert«. In Deutschland haben derartige Auskünfte ihren besonderen Reiz, nicht erst seit Bitburg,11 als wieder öffentlich über den jüdischen Einfluss auf die amerikanische Presse räsoniert wurde. Gegen derlei hilft die Wahrheit wenig. Dennoch: Rezensionen, Kommentare oder Berichte über Sacks Buch erschienen in: New York Magazine, Daily News (New York), New York Times, The New York Observer, Los Angeles Times, San Francisco Chronicle, The Washington Post, The New Republic, The Nation, um nur die wichtigsten Zeitungen zu nennen.

Im Tagesspiegel ist offenbar keines dieser durchweg besseren Blätter bekannt. Man weiß nun, wie es auch kulturell um die vielbeschworene Westbindung bestellt ist: Sie reicht bis zum nächsten Kiosk in der Potsdamer Straße,12 denn dort gibt es Die Zeit, in der vor einigen Monaten eine fünfseitige und John Sacks Bericht abgelauschte Infamie erschienen war. Aus ihr hat Lackmann abgeschrieben, was er seinen Lesern auftischte.

Wie damals Die Zeit, wurde nun auch der Tagesspiegel angesichts eines Buches, das Überlebende als SS-Doubletten schildert, von einer aus der neuen deutschen Selbstfindung bekannten Frage bedrängt. Waren die Opfer der Deutschen, die »Märtyrer auf dem Sockel«, wirklich so unschuldig? Und sind die Überlebenden nicht so wie wir? Erst mit der Anverwandlung an Deutsche hat offenbar ein Ende, was Lackmann die »Ikonisierung der Opfer« nennt. Erst also, wenn man nicht nur die unermessliche Unschuld der Opfer anzweifelt, sondern die in diesem Zusammenhang entdeckte Übereinstimmung von Massenmördern und Überlebenden bekräftigt, erst dann erhält man die Antwort auf die Frage: »Sind etwa Juden Menschen wie du und ich?« Das hätte Thomas Lackmann gern.

Nach der Lektüre seines Textes wird Juden bestimmt die Frage immer noch egal sein, ob sie sich von den nichtjüdischen Mitbürgern unterscheiden. Andererseits muss man kein Jude sein, um Wert darauf zu legen, sich von Thomas Lackmann zu unterscheiden.

Aus freilich ganz anderen Gründen muss man bedauern, dass der Verlag das Buch zurückgezogen hat. Hätte er es ausgeliefert, wäre der verdiente Schaden für den Verlag und der Unterhaltungsgewinn für die Öffentlichkeit noch viel größer geworden. Denn amüsanter als der Einspruch eines Redakteurs, der der Meinungsfreiheit eine Gosse bahnen möchte, wäre doch die Neuauflage der beliebten Lichterketten gewesen. Sie hätten wieder einmal das Ansehen Deutschlands retten können. Mit leuchtenden Davidsternen und einer Rede des Bundespräsidenten, der nach den Alliierten nun auch den Juden verzeiht.

199513

Anmerkungen

1 Alfred Dregger (1920–2002), CDU-Politiker und wichtigster Protagonist deren rechten »Stahlhelm-Flügels«. 1967 bis 1982 der Landesvorsitzende der CDU Hessen, 1977 bis 1983 stellvertretender Bundesvorsitzender, 1972 bis 1998 Abgeordneter des Deutschen Bundestags und dort 1982 bis 1991 Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion. 1995 beteiligte er sich am »Appell 8. Mai 1945 – gegen das Vergessen«, in dem Rechtsintellektuelle die Bezeichnung des Tags der Kapitulation Nazideutschlands als »Tag der Befreiung« als »einseitig« kritisierten, da er »auch den Beginn von Vertreibungsterror und neuer Unterdrückung im Osten und den Beginn der Teilung unseres Landes« bedeute.

2 Sir Arthur Travers Harris (1892–1984), genannt »Bomber-Harris«, hochrangiger Offizier der britischen Luftwaffen. Ab 1942 Oberbefehlshaber des RAF Bomber Command, ordnete Flächenbombardements deutscher Städte an, u. a. die Zerstörung Dresdens 1945.

3 Ernst Nolte (1923–2016), rechter Historiker und Philosoph. Löste 1986 mit der These eines »kausalen Nexus« zwischen Verbrechen der sowjetischen Kommunisten und der Judenvernichtung durch die Nazis den Historikerstreit aus.

4 Rolf Friedemann Pauls (1915–2002), 1934 bis 1945 Offizier der Wehrmacht, später Diplomat der Bundesrepublik. Er war von 1965 bis 1968 der erste Botschafter der BRD in Israel. Anschließend BRD-Botschafter in den USA (1968–1973), in der VR China (1973–1976) und bei der NATO (1976–1980).

5 Erstveröffentlichung in: Kölner Stadtrevue 5/1995.

6 Claus Leggewie, Politikwissenschaftler und Mitherausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik.

7 Klaus Hartung, Journalist, u. a. für Taz und Zeit. Ehemaliges Mitglied des SDS.

8 Sibylle Tönnies (1944–2017), deutsche Juristin, Soziologin und Publizistin. Profilierte sich regelmäßig mit Kritik an einem angeblichen »linken Salonatavismus« und der Frankfurter Schule.

9 Erstveröffentlichung in: junge Welt vom 9. Juni 1994.

10 Dass der Piper Verlag das Buch von John Sack zurückzog, war dem Artikel »Die Protokolle der Rächer von Zion« von Eike Geisel zu verdanken, der in Konkret und der Frankfurter Rundschau erschien und eine große Debatte auslöste. Der Artikel ist enthalten in »Die Wiedergutwerdung der Deutschen« (Edition Tiamat, 2015).

11 Am 5. Mai 1985 besuchten der damalige US-Präsident Ronald Reagan zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl die Kriegsgräberstätte Bitburg-Kolmeshöhe in Bitburg und die Gedenkstätte des KZ Bergen-Belsen bei Celle. Der Besuch samt Kranzniederlegung am Soldatenfriedhof in Bitburg führten zu einer Kontroverse, da dort neben Soldaten der deutschen Wehrmacht auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind.

12 In der Potsdamer Straße befand sich damals des Verlagshaus des Tagesspiegel.

13 Erstveröffentlichung in: junge Welt vom 20. Februar 1995.

Eike Geisel, am 1. Juni 1945 in Stuttgart geboren, lebte als freier Autor, Kurator, Filmemacher und Übersetzer in Berlin. Er schrieb u. a. in Konkret, Taz und junge Welt. Er starb am 6. August 1997. 2015 erschien der Band »Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken« (Edition Tiamat).

Eike Geisel: Die Gleichschaltung der Erinnerung. Kommentare zur Zeit. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Klaus Bittermann. Edition Tiamat, Berlin 2019, 488 Seiten, ca. 24 Euro

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