Gegründet 1947 Sa. / So., 14. / 15. Dezember 2019, Nr. 291
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Aus: Ausgabe vom 30.11.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Kolumbien

Antikoloniale Praxis

Zöpfe flechten und die eigene Herkunft erforschen. Eine Reise in die Geschichte und Gegenwart des schwarzen Widerstands in Kolumbien
Von Ani Dießelmann, Cali
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Traute sich erst nicht, wurde überzeugt und ist heute begeistert davon, auf der Straße zu malen: Die afrokolumbianische Künstlerin Teca

Der Klang von Flöten, Trommeln und der Marimba, einem traditionellen meterlangen Holzxylophon, schallt durch die Viertel der westkolumbianischen Metropole Cali. Tausende Menschen tanzen auf einer staubigen Wiese, vom Grün ist nicht viel übrig. Sand und Erde sind von den wilden Sprüngen freigetrampelt. Das Festival »Petronio Álvarez«, das jedes Jahr im August stattfindet, ist das größte Fest für schwarze Musik in Kolumbien – und das einzige für die Musik von der Pazifikküste Lateinamerikas. Nicht nur Schwarze tanzen hier, sondern die ganze Stadt scheint auf den Beinen, dazu viele Hunderte Touristen aus zahllosen Ländern. Das Motto lautet »Todos somos pacífico« – »Wir sind alle Pazifik«. Jedoch ist von der jahrhundertelangen Geschichte der Schwarzen am Pazifik nur ein winziger Ausschnitt zu erleben. Statt dessen überall Stände vom Marketing der Stadt. Nicht ohne Eigeninteresse ist der Veranstalter seit einigen Jahren das Amt für Tourismus und Kultur. Unter den mehr als 100.000 Besuchern lassen sich auch Diana Tenorio Caicedo und Andres P. (Name der Redaktion bekannt) durch das Gedränge schieben.

»Es ist gut, dass wir Schwarze hier einen Ort des Austauschs haben«, erzählt Andres, Sprecher des PCN, des größten Verbands der schwarzen Gemeinschaften in Kolumbien, im Gespräch mit junge Welt. Aber er kritisiert auch: »Von den Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung hier ist leider keine Rede, die Kultur wird auf den Tanz und die Musik reduziert. Der Pazifik ist die ärmste Region des Landes, stark geprägt vom bewaffneten Konflikt.« Trotz dieser Kritik ist gerade die Kultur auch ein wichtiges Element der Identitätspolitik der Afrokolumbianer. Denn das Land ist bis heute geprägt vom Kolonialismus. »Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch im Denken«, sagt Andres. »Jede postkoloniale Praxis beginnt daher beim Kennenlernen der eigenen Geschichte.«

Zöpfe als Metapher

Diana Tenorio Caicedo malt Zöpfe. Die schwarze Frau nennt sich mit Künstlernamen Teca. Sie malt auf riesige Wände geschwungene Linien, verflicht diese zu bunten Mustern. Aber sie bemalt nicht nur Hausfassaden, sondern zeichnet auch, malt Bilder und gestaltet T-Shirts. Das Motiv der Zöpfe wiederholt sich auf allen Materialien. Für die junge Künstlerin aus Cali sind sie ein mystisches Symbol – für schwarze Kultur, für Feminismus aus dem globalen Süden, für eine postkoloniale Praxis, für Widerstand. »Frau und schwarz zu sein hat immer bedeutet, sich verteidigen zu müssen. Der Zopf ist eine Metapher für beides«, sagt sie nachdenklich im Gespräch mit jW. Und er verflicht beide Themen zu einem wunderschönen engen, festen Strang.

Zöpfe sind für Teca auch ein Anlass zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familie und Geschichte – der Geschichte der Afrobevölkerung Kolumbiens. Schon als Kind hat ihre Mutter ihr Zöpfe geflochten. Mit ihrer Kunst macht sie gewissermaßen einen Schritt rückwärts. Indem sie farbige Zöpfe symbolisch verwebt, trifft sie sich mit sich selbst und entwirrt dabei ihre eigene Geschichte. »Ich setze mich mit der Vergangenheit auseinander. Über die Herkunft der Familie meiner Mutter habe ich bereits viel herausgefunden. Aber seitens meines Vaters fehlt das Bewusstsein über unsere Wurzeln.«

Das gilt nicht nur für die Familie ihres Vaters, sondern allgemein für die Geschichte der Schwarzen in Kolumbien. Erst jetzt finden viele Nachforschungen zur Herkunft der afrokolumbianischen Bevölkerung statt. Andres gräbt mit den Genossen vom PCN in Archiven der Städte Dokumente über den Verkauf ihrer Vorfahren aus, über den Erhalt der Freiheit in wenigen Fällen, über verschiedene Entwicklungen in den unterschiedlichen Regionen, über die Herkunft einzelner Personen und damit auch über die Verbindungen in die Herkunftsländer der damaligen Sklaven.

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Zöpfe als verbindendes Element von schwarzer Kultur, einem eigenständigen Feminismus aus dem globalen Süden und einer widerständigen postkolonialen Praxis

So konnte der PCN belegen, dass von den 1,5 Millionen Sklaven, die von den Kolonialmächten nach Lateinamerika verschleppt wurden, in Kolumbien etwa 800.000 landeten. In der Karibikstadt Cartagena machten Versklavte um 1600 bis zu 15 Prozent der Bevölkerung aus. Sie wurden nicht nur zur harten körperlichen Arbeit im Bergbau und in der Landwirtschaft eingesetzt. In den reichen spanischen und portugiesischen Familien wurden schwarze Frauen auch als Sklavinnen im Haushalt und als Köchinnen eingesetzt – sie galten sogar als Statussymbol. Ab dem 16. Jahrhundert lässt sich starke Widerstand belegen, als die Schwarzen zu fliehen begannen und eigene Dörfer gründeten, hauptsächlich an der Pazifikküste, wo sie sich dem Bergbau, der Landwirtschaft und der Fischerei widmeten. Aber nicht nur Flucht war eine Form des Widerstands.

Die Stadt Santa Marta wurde mehrfach von protestierenden Sklaven zerstört, viele dieser Aufstände endeten in Verhandlungen mit den Kolonialherren und zumindest kleinen Verbesserungen der Lebensbedingungen. Der erfolgreichste Sklavenaufstand Südamerikas, angeführt von Benkos Biohó, mündete in der Gründung der ersten freien schwarzen Siedlung San Basilio de Palenque. Im Jahr 1691 musste die spanische Krone den Ort und die Freiheit der Bewohner per Dekret anerkennen. Aber erst 1851 wurde die Sklaverei in Kolumbien offiziell abgeschafft – 41 Jahre nach der Unabhängigkeit und Gründung der Republik. Der Abschaffung der Sklaverei ging ein langer Prozess voraus, der nicht zuletzt einen Bürgerkrieg zwischen Sklavenhaltern und Liberalen auslöste. Letztendlich wurden die versklavten Männer und Frauen nicht aus humanistischen Motiven, sondern aus Angst vor weiteren Gewaltausbrüchen freigelassen.

Bis heute leben die meisten Schwarzen in der Pazifikregion. Und auch bis heute gibt es sehr unterschiedliche Bewegungen innerhalb der afrokolumbianischen Bevölkerung. Es gibt schwarze Gemeinschaften – »Comunidades negras« – mit eigenen Regierungsstrukturen, es gibt die »Raizales«, eine ethnische Gemeinschaft an der kolumbianischen Karibikküste, die bis heute das Kreol als eigene Sprache erhalten. Und es gibt aus der Kolonialzeit stammende freie Dorfgemeinschaften, die »Palenques« oder »Quilombos«. Sie alle beziehen sich wie auch Andres noch immer auf ihre rebellischen Vorfahren, »Negros cimarrones«, die vor den Sklavenhaltern geflohen waren oder Aufstände gegen sie angezettelt hatten. Bis heute gelten in diesen Autonomieregionen andere Gesetze als im Rest des Landes, zum Beispiel gibt es Gemeinschaftsbesitz und einen Rat als höchste Autorität.

Auch in den Städten spielt die Afrokultur eine wichtige Rolle – und verschafft sich durch Menschen wie Teca über die Kunst Aufmerksamkeit. Cali ist eine der am stärksten von der Afrokultur geprägten Städte Lateinamerikas, über die Hälfte der Einwohner sind schwarz, mehr leben in Lateinamerika nur in der brasilianischen Stadt Salvador de Bahia. Trotzdem sind sie in den wichtigen Positionen der Gesellschaft unterrepräsentiert, rund 40 Prozent der Schwarzen in Cali sind arbeitslos. Laut den Vereinten Nationen ist bis heute vor allem Rassismus verantwortlich für Armut, Unterentwicklung und soziale Exklusion. Aber die Statistiken sind trügerisch, denn viele Schwarze in Kolumbien würden sich selbst nicht als Afrokolumbianer bezeichnen. Postkoloniale Strukturen und rassistisch bedingte soziale Segregation haben in den vergangenen Jahrzehnten dazu beigetragen, dass viele schwarze Menschen sich selbst lieber als »Mestizo« beschreiben – als »Mischling«. Hinzu kommt, dass viele Schwarze in den Städten als Vertriebene Zuflucht suchen vor der bewaffneten Gewalt des Bürgerkriegs in ihren Dörfern. Der PCN will dagegensteuern und ein schwarzes Selbstbewusstsein schaffen.

Die Kunst ist dem vielleicht einen Schritt voraus, denn in der Afrokultur erkennen sich viele wieder. In der Musik, im Tanz, in der Sprache. Diese sind so vielfältig wie die verschiedenen Regionen Afrikas, aus denen Menschen verschleppt wurden, und so vielfältig wie die Lebensbedingungen in Kolumbien. Daraus hat sich etwas anderes und Neues entwickelt. So eben auch Teca. In dieser Kultur spielen Zöpfe eine wichtige Rolle. Sie sind ein Element der Identität. »Während der Sklavenzeit wurden sie als Landkarten auf die Köpfe geflochten. Darin konnten Schwarze, die ihren Herren entflohen waren, Berge, Flüsse und Küsten identifizieren und so in den Palenques zusammenfinden«, erzählt Teca. Zöpfe verbinden für sie nicht nur Haare, sondern stehen symbolisch für Gemeinschaft und den kollektiven Widerstand der Schwarzen. »Außerdem wurden darin Samen oder sogar kleine Goldklumpen versteckt und auf diese Weise von den weißen Kolonialherren geklaut«, beschreibt Teca und deutet sie so auch als Symbol für Freiheit.

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Das in Kolumbien heimische Gürteltier, gemalt von Teca: Auch hier findet sich das Zopfmuster wieder

Antikolonialer Feminismus

Andres weist darauf hin, dass die Kolonialmächte die Geschlechterrollen nach ihren Vorstellungen geprägt haben. Das zuvor in afrikanischen und indigenen Kulturen übliche weite Spektrum von Geschlechtsidentitäten hätten sie oft mit Gewalt eingeengt. Teca fügt hinzu, dass geschlechtsspezifischer Neokolonialismus, unter anderem in Form von evangelikalen Kirchen, auch heute noch aktuell sei. Kunst kann ein Element der Selbstbestimmung sein und der Fremdbestimmtheit entgegenwirken. »Sich selbst definieren ist notwendig«, findet Teca. »Wir wollen keine exotischen Objekte sein, sondern unsere eigene Identität finden.«

Mit der feministischen, postkolonialen Kritik erhoben Schwarze sowie »Third World«-Feministinnen erstmals ihre Stimme und kritisierten die Universalisierung der Kategorie »Frau«. Durch diese Vereinheitlichung seitens des europäischen und US-amerikanischen Feminismus wurden die historischen und gegenwärtigen Hierarchien zwischen Frauen verschleiert. Teca und viele andere Frauen aus dem globalen Süden versuchen daher, die strukturelle Diversität sichtbar zu machen. »Feminismus hatte für mich immer den Beigeschmack von weißen Frauen aus Europa«, erzählt sie über ihre politische Auseinandersetzung mit den Mitteln der Kunst. Mit dem Begriff Feminismus konnte sie sich nicht identifizieren: »Es geht mir darum, als Frau zu kämpfen, aber dabei die Unterschiedlichkeiten aller Frauen einzuschließen. Damit das kleine Mädchen und die alte Greisin friedlich leben können. Egal ob du dich schminkst oder nicht, ob du dich rausputzt oder nicht. Wir alle haben dieselben Unsicherheiten.«

Und mit Unsicherheiten kennt sich Teca aus: Vor drei Jahren hat eine Freundin sie das erste Mal eingeladen, draußen auf der Straße zu malen. Sie hat sich nicht getraut. Nachdem sie von Freunden motiviert und überzeugt wurde, hat sie schließlich ihre Angst überwunden. »Ich kannte keine Frauen, die das machen«, erklärt sie im Rückblick. »Und dann war ich total begeistert.« Sie hat sich mit anderen zusammengetan und ein Kollektiv gegründet. »Wir sind nur Frauen. Aber das bedeutet nicht, dass wir nur Frauenthemen malen.« Sie wollen als Künstlerinnen anerkannt werden – gleichberechtigt mit ihren männlichen Freunden. Diese Einstellung eröffnet neue Möglichkeiten, neue kulturelle Räume und historische Erfahrungsgemeinschaften.

Sowohl Teca als auch Andres sind in ihrem Bereich Teil einer kontinentalen Bewegung. Sie vernetzen sich mit Gleichgesinnten aus Argentinien, Ecuador oder Venezuela ebenso wie mit Migranten in Europa oder in den USA. »Es ist wichtig, das weltweite Geschehen als Zusammenhang zu begreifen«, sagt Andres und fügt hinzu: »Aber ebenso wichtig ist es, mikropolitische Prozesse und Widerstandsformen als Voraussetzung kritischen Denkens zu beachten.« Postkoloniale Kritik und Praxis sollten als Ausdruck eines globalen Widerspruchs gelesen werden. Um bis heute bestehende strukturelle Machtungleichheiten zu bekämpfen, sind Nachforschungen über die eigene Geschichte unerlässlich.

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