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Aus: Ausgabe vom 30.11.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die reale Gefahr

In einer Botschaft an die kubanische Nationalversammlung ging Staatschef Fidel Castro im Dezember 2007 auf die Zerstörung der Atmosphäre durch Treibhausgase ein
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»Als wir uns den wachsenden Bedürfnissen gegenübersahen, die unsere Gesellschaft als Erbe der Yankee-Neokolonie am 1. Januar 1959 übernahm, träumten viele von uns davon, ein Land mit vollkommener Gerechtigkeit und totaler Unabhängigkeit zu schaffen«: Demonstrant vor der US-Botschaft in Berlin im Juli 2001

Kollegen der Nationalversammlung! Eure Arbeit ist sehr hart. Als wir uns den wachsenden Bedürfnissen gegenübersahen, die unsere Gesellschaft als Erbe der Yankee-Neokolonie am 1. Januar 1959 übernahm, träumten viele von uns davon, ein Land mit vollkommener Gerechtigkeit und totaler Unabhängigkeit zu schaffen. In dem beschwerlichen und ungleichen Kampf kam aber ein Zeitpunkt, an dem wir völlig allein blieben.

Unser Stolz ist heute, da wir kurz vor dem 50. Jahrestag unseres Sieges stehen, wohl begründet. Denn wir haben dem mächtigsten je in der Geschichte geschaffenen Imperium fast ein halbes Jahrhundert widerstanden. (…)

Das, was die internationale Presse in den vergangenen Tagen in ihren Berichten über Kuba am meisten unterstrichen hat, war der Satz, den ich am 17. dieses Monats in einem Schreiben an den Direktor der Podiumsgespräche des kubanischen Fernsehens schrieb und der besagt, dass ich nicht jemand bin, der sich an die Macht klammert. Ich kann hinzufügen, dass ich das eine Zeitlang aufgrund zu jugendlichen Alters und fehlenden Bewusstseins war, als ich ohne jeglichen Lehrmeister meine politische Unkenntnis überwand und zu einem utopischen Sozialisten wurde. Das war eine Etappe, in der ich zu wissen glaubte, was zu tun sei, und es auch tun wollte. Was führte zu meinem Wandel? Das Leben selbst, und zwar in dem Maße, in dem ich die Denkweise von José Martí (1853-1895, kubanischer Schriftsteller und Revolutionär, jW) und der Klassiker des Sozialismus tiefer studierte. Je mehr ich kämpfte, desto besser erkannte ich mich genau in ihren Zielen wieder und lange vor dem Sieg dachte ich schon, dass es meine Pflicht sei, für diese zu kämpfen oder im Kampf zu fallen.

Andererseits lauern große Gefahren, die die menschliche Gattung gefährden. Das ist etwas, was für mich immer offensichtlicher wurde, seitdem ich das erste Mal im Juni 1992, vor mehr als 15 Jahren, in Rio de Janeiro vor der Gefahr des Aussterbens unserer Gattung infolge der Zerstörung ihrer natürlichen Lebensbedingungen warnte. Gegenwärtig wächst die Zahl derjenigen, die diese reale Gefahr begreifen, von Tag zu Tag. Ein vor kurzem herausgegebenes Buch, ein Bestseller in den USA, von Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, ehemaliger Vizepräsident der Weltbank und bis 2001 führender Wirtschaftsberater von US-Präsident William Clinton, enthält Angaben zum Thema, die unwiderlegbar sind (Deutsche Ausgabe: »Die Chancen der Globalisierung«, München 2006).

Es bringt an die Öffentlichkeit, dass die Vereinigten Staaten, ein Land, welches das Kyoto-Abkommen nicht unterzeichnet hat, dasjenige mit den größten Emissionen von Kohlendioxid ist und jedes Jahr sechs Milliarden Tonnen in die Luft ausstößt. Das bringt die Atmosphäre, ohne die Leben unmöglich ist, aus dem Gleichgewicht. Hinzu kommt, dass die USA der größte Schadstoffemittent sind. (Das Protokoll von Kyoto zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen wurde am 11. Dezember 1997 beschlossen. Es legt erstmals völkerrechtlich verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern fest. Die USA lehnten 2001 die Ratifikation des Protokolls ab, Kanada stieg 2011 aus dem Abkommen aus. jW)

Wenige Menschen kennen diese Daten. Das Wirtschaftssystem, das die unhaltbare Energieverschwendung durchgesetzt hat, verhindert, dass jenes Buch von Stiglitz verbreitet wird: Seine ausgezeichnete Studie ist auf wenige tausend Exemplare beschränkt, um den Gewinn zu sichern. (…)

Heutzutage weiß man, dass das Leben auf der Erde von der Ozonschicht beschützt wird. Sie befindet sich in der äußeren Erdhülle, in der als Stratosphäre bekannten Zone zwischen 15 und 50 Kilometer Höhe, und dient der Erde als Schutzschild gegen jenen Teil der Sonneneinstrahlung, der schädlich sein kann. Es gibt Treibhausgase, die mehr Erderwärmung als das Kohlendioxid erzeugen können und die das Ozonloch über der Antarktis vergrößern. Deren Ozonschicht verliert jedes Frühjahr bis zu 70 Prozent ihres Volumens, ein Phänomen, das größer wird und vom Menschen verursacht ist. Um eine genaue Vorstellung zu bekommen, reicht es aus, darauf hinzuweisen, dass der durchschnittliche Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid in der Welt 4,37 Tonnen beträgt, in den Vereinigten Staaten beträgt er 20,14 Tonnen, d. h. fast fünfmal mehr. In Afrika sind es 1,17 Tonnen, in Asien und Ozeanien 2,87.

Die Ozonschicht schützt also vor ultravioletten Strahlen und Wärmestrahlung, die das Immunsystem, die Sehkraft, die Haut und das Leben der Menschen beeinträchtigen. Unter Extrembedingungen, wenn diese Schicht vom Menschen zerstört wird, würde das jede Art von Leben auf dem Planeten gefährden.

Der Text wurde dem deutschsprachigen Fidel-­Cas­tro-Archiv entnommen: fidelcastroarchiv.blogspot.com

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