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Aus: Ausgabe vom 30.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Sonderbare Begebenheiten

Der tolle kanadische Songwriter John Southworth geht auf Tour
Von Markus von Schwerin
john southworth by cory bruyea -boudoir.jpg
Songs über Mädchen, die auf dem Mond flanieren: John Southworth

»Der achtjährige Junge, dessen Haar völlig grau geworden war, ging ungern zur Schule, da man sich dauernd über ihn lustig machte. Lieber verbrachte er die Tage auf einem lettischen Frachter, der kürzlich am Hafen angelandet war und mit Säcken voll frischer Kartoffeln beladen wurde. Seine sich sorgenden Eltern waren entsetzt, als sie ihren kleinen grauhaarigen Jungen eines Tages in der Kombüse entdeckten, wo er am Tisch mit drei lettischen Matrosen traurige Shanties sang und Kartoffeln schälte.«

Diese Novellenminiatur findet sich in John Southworths erstem Kinderbuch »Daydreams for Night«, das der kanadische Songwriter und studierte Filmregisseur zusammen mit dem renommierten New Yorker Illustratoren David Ouimet 2014 herausbrachte. Sie korrespondiert wunderbar mit den sonderbaren Begebenheiten, von denen seine Lieder seit über zwanzig Jahren erzählen. Bereits auf seinem 1996er Debüt »Mars, Pennsylvania« gab es sowohl angejazzte Torch Songs über Mädchen, die auf dem Mond flanieren, als auch ausgelassene Oden an Lieblingsgemüsesorten von Lovin’-Spoonful-scher Leichtigkeit. Wer sich auf johnsouthworthmusic.ca durch seine Diskographie klickt, kann nur staunen über die früh gewonnene Geschmackssicherheit. Wobei der heute 47jährige mal zugab, dass auch er sich kurz am Geschrei seiner Generation beteiligt hatte, um dann entschieden Grunge gegen Gershwin, Arlen und Weill zu tauschen.

Als sein 2014er Opus Magnum »Niagara« die Jahrescharts des deutschen Rolling Stone anführte, fragten sich manche, weshalb sie von dieser Begabung, der es mühelos glückt, die ergreifendsten Momente der Post-Beatles-Platten von Harrison und Lennon mit der lakonischen Lyrik und Arrangementkunst von Leonard Cohens »New Skin For The Old Ceremony« zu verknüpfen, noch nichts gehört hatten. Die Antwort lag schlicht in der kaum vorhandenen Verfügbarkeit der in Kleinstauflagen erschienenen Southworth-Alben, die oft nur durch Zuschüsse des »Canada Council for the Arts« gepresst werden konnten. Dank des britischen Labels Tin Angels Records, das schon länger ein Faible für kanadische Songwriter pflegt, sind inzwischen vier seiner Werke auch in Europa erhältlich. So wurde fast zeitgleich zur live im Studio eingespielten aktuellen LP »Miracle in the Night« auch das in identischer Quintettbesetzung entstandene 2010er Album »Human Cry« wieder zugänglich gemacht, das die somnambulen neuen Stücke so kongenial ergänzt wie seinerzeit die »Canadian Side« die »American Side« auf dem Doppelalbum »Niagara«.

John Southworth live: 1.12.: Jena, Trafo; 2.12.: Berlin, Monarch; 4.12.: Hamburg, Thalia Theater/Nachtasyl

Das Album »Miracle In The Night« ist bei Tin Angel Records/Indigo erschienen

Regio:

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