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Aus: Ausgabe vom 26.11.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskampf

Brauer wehren sich

Hannover: Seit Monaten kämpft die Gilde-Belegschaft gegen Tarifflucht
Von Steve Hollasky
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Gilde-Geschäftsführer Mike Gärtner (r.) und der damalige Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) hauen drauf (Hannover, 29.6.2018)

Er hat schon viele Arbeitskämpfe erlebt, sagte Jürgen Hinzer, Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft Betrieb und Gewerkschaft der Linkspartei Hessen, am Montag im Gespräch mit junge Welt. »Aber was die Kollegen hier an Mut beweisen, habe ich selten erlebt«, so der 71jährige ehemalige Bundesstreikbeauftragte der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) über den Arbeitskampf bei der Brauerei Gilde in Hannover weiter.

Bereits seit September dieses Jahres kämpfen die Beschäftigten der Gilde-Brauerei in Hannover gegen die Tarifflucht der Betriebsleitung. Trotz insgesamt sechs Warnstreiks zeigt sich die Unternehmensführung jedoch unbeirrbar und verweigert Verhandlungen mit der NGG über einen Tarifvertrag. Dabei war die älteste Hannoveraner Brauerei bereits seit 1950 tarifiert. Das änderte sich mit dem Betriebsübergang am ersten Januar 2016. Damals übernahm der TCB-Konzern das Hannoveraner Traditionsunternehmen.

Schnell wurde klar, dass das Sanierungskonzept des Unternehmens mit Sitz im brandenburgischen Frankfurt an der Oder zu Lasten der Beschäftigten in Niedersachsen gehen würde. Durch die Übernahme verloren die Gilde-Beschäftigten auch ihre Tarifbindung. Lediglich für Altbeschäftigte, die schon vor dem Januar 2016 im Unternehmen gearbeitet hatten, galt weiterhin Bestandschutz. Alle anderen verdienen weitaus weniger. Die NGG geht von einer finanziellen Benachteiligung der neu eingestellten Bierbrauer von 15.000 Euro brutto im Jahr aus. Gut die Hälfte der Belegschaft ist erst nach dem Stichtag bei Gilde eingestellt worden.

Doch auch die seit längerer Zeit bei Gilde arbeitenden Brauer haben durch den Verlust der Tarifbindung Nachteile zu erdulden. Seit 2016 wurde der Entgelttarifvertrag in der Braubranche »zweimal gekündigt«, wie Lena Melcher, die zuständige Sekretärin der NGG, am Montag im Gespräch mit jW erklärte. In beiden Fällen seien Erhöhungen der Entgelte erkämpft worden, die auch den Altbeschäftigten bei Gilde nicht zugute gekommen seien.

Diese Ungleichbehandlung wollten aber weder die langjährig Beschäftigten noch die in den letzten Jahren zum Betrieb gekommenen Brauer länger hinnehmen. Trotz der Spaltung der Belegschaften sei die Solidarität unter den Beschäftigten »sehr groß«, so Melcher. Zumal es längst um mehr ginge als die fällige Erhöhung der Löhne oder gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit. So habe TCB inzwischen angekündigt, Gilde in vier kleinere Unternehmen aufzugliedern. Aus Sicht der NGG sei diese »Umstrukturierung leider nicht zu verhindern«, so Melcher. Allerdings wolle man von TCB zumindest die Zusicherung, dass der siebenköpfige Betriebsrat bei Gilde auch nach der Auflösung des Betriebs weiter die Interessen der Beschäftigten vertreten könne. Eine derartige Regelung solle tariflich festgehalten werden. Bislang weigert sich TCB jedoch, eine entsprechende Übereinkunft zu unterschreiben, was bei der NGG und den Beschäftigten die Alarmglocken schrillen lässt. So fürchtet man, im Zuge der Umstrukturierung von Gilde könne auch der existierende Betriebsrat zerschlagen werden.

Unterstützung kommt indessen aus der Politik: Während einer Kundgebung vor dem Niedersächsischen Landtag am letzten Mittwoch erklärten sich Mitglieder der Linkspartei sowie Abgeordnete von SPD und Grünen mit dem Arbeitskampf solidarisch.Die Unternehmensführung von TCB scheint darüber nicht besonders erfreut zu sein. Anlässlich der Urabstimmung über einen Erzwingungsstreik am Montag, deren Ergebnis bei Redaktionsschluss noch nicht feststand, zog die Unternehmensleitung die Schrauben deutlich an. Dem Vernehmen nach wurden vor dem Termin Einzelgespräche mit Beschäftigten geführt. Laut TCB-Führung würde ein Streik die Arbeitsplätze bei Gilde gefährden.

Dieses Vorgehen passt zur Unternehmenspolitik von TCB. Der Konzern führe sich auf »wie im finsteren Mittelalter«, stellte Hinzer am Montag gegenüber jW fest. Ihren »seltenen Mut« wird die Belegschaft also weiterhin brauchen.

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