Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 26.11.2019, Seite 2 / Ausland
Solidarität mit Venezuela

»Arbeiter und Angestellte stehen zur Revolution«

Gelebter Internationalismus: Delegation der DKP in Venezuela. Solidarität mit Schwesterpartei. Ein Gespräch mit Patrik Köbele
Interview: Marc Bebenroth
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Gemüsemarkt in Caracas (18.8.2018)

Sie waren vom 13. bis 18. November in Venezuela. Was war der Anlass?

Ich bin auf Einladung der Kommunistischen Partei Venezuelas, unserer Schwesterpartei, dorthin gefahren. Mein Besuch war schon länger geplant, weil wir als DKP eine intensive Solidaritätsarbeit für die KP Venezuelas gemacht haben.

Welche Rolle spielt die KP im dortigen Parteiengefüge?

Sie übt von links Druck aus auf die regierende PSUV (Vereinte Sozialistische Partei Venezuelas, jW). Und sie drängt auf die Fortsetzung der Bolivarischen Revolution, was dringend geboten ist. Wesentliche Produktionsmittel sind in den Händen der venezolanischen Kapitalistenklasse. So zum Beispiel die Transportmittel. Das führt dazu, dass es sich für viele Arbeiter und Angestellte de facto nicht lohnt, zur Arbeit zu gehen. Denn die Transportkosten sind höher als das, was sie als Lohn erhalten.

Welche Orte konnten Sie besuchen?

Wir waren in Caracas, dort auch im Bezirk des 23. Januars (benannt nach dem Tag des Sturzes von Diktator Marcos Pérez Jiménez 1958, jW). Dieser zählt zu den ärmeren Teilen der Stadt, aber auch zu den revolutionären. Wir besuchten zudem auch ein kleines Städtchen 80 Kilometer östlich der Landeshauptstadt.

In welchem Zustand war die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung?

Regierungsprogramme gewährleisten die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln. Allerdings gibt es zuwenig tierische Proteine, also Fisch oder Fleisch. Das ist ein riesiges Problem. Und das ganze Land leidet unter der Hyperinflation.

Welchen Einfluss auf die Stimmung der Menschen hatte der Staatsstreich in Bolivien?

Eher einen motivierenden. Denn man hatte erneut erlebt, wie schnell eine Regierung weggeputscht werden kann. Auch am 15. November – dem Tag der beiden Großdemonstrationen von Anhängern der Regierung und der Opposition – war auffällig, dass die Arbeiter auf dem Land und in der Stadt sowie die Angestellten zur Revolution stehen. Sie wissen, dass die Alternative für Venezuela letztlich wäre, zum Anhängsel des US-Imperialismus gemacht zu werden – wie es derzeit in Bolivien versucht wird.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Bolivien und Venezuela: Das venezolanische Militär setzt sich nicht aus Angehörigen der Oberschicht und der Kapitalisten zusammen. Sondern bis in die Führung hinein rekrutiert sich die Armee aus Arbeitern und Campesinos. Die Volksmassen und das Militär stehen hinter der Bolivarischen Revolution.

Wie sind die offiziellen Gespräche verlaufen?

Wir waren verwundert darüber, dass wir von hochrangigen Regierungsvertretern begrüßt worden sind. Schließlich waren wir auf Einladung der KP dort. Aber wir hatten dann auch eine Diskussionsveranstaltung im Außenministerium. Bei der Abschlusskundgebung der Großdemo am 15., dem »antiimperialistischen Marsch«, hat man uns auf die Bühne gebeten.

Woran waren Ihre Gesprächspartner besonders interessiert?

Es bestand großes Interesse an der Klassenkampfsituation in Deutschland und in der EU. Wir wurden auch danach gefragt, wie man besser internationale Solidarität entwickeln und Druck auf die deutsche Bundesregierung mit ihrer verheerenden Venezuela-Politik aufbauen kann.

Ich konnte leider kein sehr optimistisches Bild vermitteln. Viele traditionelle Kräfte der Solidarität mit Venezuela fürchten heute darum, Schmuddelkinder zu werden, sollten sie sich zur Bolivarischen Revolution bekennen. Anders herum war man froh, dass man mit uns reden konnte als Vertreter einer Partei, die eine klare Haltung dazu hat. Es brodelt in Lateinamerika. Bei den Angriffen auf Venezuela und Bolivien geht es faktisch ebenfalls um eine Attacke gegen Kuba. Und die deutsche Linke kann da nicht auf dem Sofa sitzenbleiben.

Wie sah Ihre Solidaritätsarbeit mit der KP zuletzt aus?

Wir haben ihnen unter anderem ermöglicht, selbst Publikationen zu drucken. Auch unsere Spendensammlung werden wir weiterführen. Derzeit laufen Gespräche über Besuche in der BRD, beispielsweise anlässlich der Luxemburg-Liebknecht-Gedenkdemonstration im Januar.

Wir müssen die Schilderung der Situation in Venezuela auch für unsere Kämpfe hier nutzen. Es geht darum, in der Arbeiterklasse der Bundesrepublik den verschütteten proletarischen Internationalismus wieder zu entwickeln.

Patrik Köbele ist Vorsitzender der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP)

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