Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.11.2019, Seite 5 / Inland
Umweltschutz

Klimastreik erfasst Unis

Studierende rufen zu bundesweiter Aktionswoche an den Hochschulen auf. Hunderte Wissenschaftler bestärken sie. Rektorate stellen sich quer
Von Ralf Wurzbacher
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Demonstrantin von »Fridays for Future« mit Transparenten bei Protestzug in Hamburg (20.9.2019)

Die Schüler von »Fridays für Future« bekommen Verstärkung. In der kommenden Woche steigt an bundesweit über 40 Hochschulen eine sogenannte Public Climate School. Dabei sind von Montag bis Freitag alle Interessierten eingeladen, in Seminaren, Vorlesungen und Workshops über Auswege aus der Klimakrise zu diskutieren und zu beraten, wie die Politik zu einem radikalen Kurswechsel in der Frage zu bewegen ist (siehe jW vom 22.11., Interview mit Lea Knoff). Ziel der Aktivisten ist es außerdem, die Proteste endlich auch an den Universitäten sichtbar und die Alma Mater zu einem weiteren Stützpunkt der Bewegung zu machen. Höhepunkt der Aktionen wird am 29. November der globale Klimastreiktag sein, zu dem in mehr als 300 deutschen Städten mobilisiert wird.

»Das Klimapaket der Bundesregierung ist ein einziger Witz«, findet Linda Maily Pham. Sie studiert »Lehramt an Gymnasien« an der Universität Leipzig und ist dort Sprecherin der Initiative »Students for Future«. Wenn Millionen Menschen auf der Straße nicht dazu führten, dass die politisch Verantwortlichen »auch nur einen Finger krumm machen, dann ist unsere Antwort klar«, betonte sie am Freitag im Gespräch mit jW. »Wir machen weiter, werden mehr und sind bereit, anzuecken – mit der Regierung, aber auch mit der Kohle- und Autoindustrie«. Selbst vor einem Unistreik schreckt die 21jährige nicht zurück. »Wenn es sein muss, verzichte ich auch auf einen Schein oder verliere ein Semester.« Das sei aber nur sinnvoll, wenn viele mitziehen. »Alleine die Uni zu schwänzen ändert nichts.«

Aber allein ist sie offenbar nicht. Seit die Initiative im April dieses Jahres aus der Taufe gehoben wurde, bildeten sich bereits 60 Ortsgruppen von Students for Future. Diese trugen maßgeblich dazu bei, dass bei den zurückliegenden Freitagsdemonstrationen vermehrt Studierende als sichtbare Größe in Erscheinung getreten sind. Das allerdings soll nur der Anfang sein. »Ich würde sagen, wir haben den Grundstein für eine breite studentische Klimabewegung gelegt, die in die Gesellschaft ausstrahlen kann und will«, bemerkte Maily Pham.

Erste größere öffentliche Aufmerksamkeit hatte das Bündnis am vergangenen Dienstag bei einer Pressekonferenz an der Berliner Humboldt-Uni erregt. »Unser Streik richtet sich nicht gegen die Hochschulen, sondern vielmehr wollen wir gemeinsam ein großes Zeichen setzen«, äußerte sich Lea Knoff, die an der Leipziger Uni beim Studierendenverband »Die Linke SDS« aktiv ist. Man sei überzeugt, dass die Hochschulen eine gesellschaftliche Verantwortung tragen und es an ihnen und allen ihren Angehörigen sei, »diese Verantwortung jetzt endlich zu übernehmen«. Neben dem studentischen Dachverband FZS gehören unter anderem der Jugendverband von Verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zu den Unterstützern der Initiative. Außerdem erklärten sich über 260 Wissenschaftler als Erstunterzeichner eines eigenen Aufrufs mit der Initiative solidarisch. Man werde während der Aktionswoche »keine regulären Lehrveranstaltungen anbieten, und wir appellieren an die Hochschulleitungen, den Lehrbetrieb auszusetzen«, heißt es darin. Der Hochschulstreik sei »nicht nur ein wirksames Druckmittel, das die Politik zum Handeln verpflichten soll, sondern auch ein Labor für nachhaltige Zukunftsentwürfe«. In der Zwischenzeit haben sich dem Appell Hunderte weitere Professoren und Dozenten angeschlossen. Sie alle vereint die Überzeugung: »Die Dramatik einer Situation, in der die Gewissheit über den bevorstehenden Klimakollaps sich nicht in effektives politisches Handeln übersetzt, macht außerplanmäßiges Handeln zur Pflicht.«

Mit auf dem Pressepodium saß am Dienstag Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin. Er ist ein profilierter Vertreter der Initiative »Scientists for Future«, die im März mit einer von mehr als 26.000 Wissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gezeichneten Resolution an die Öffentlichkeit gegangen war. »Wir haben es hier mit dem größten Problem und der größten Bedrohung der jüngeren Menschheitsgeschichte zu tun«, warnte Quaschning. Man müsse schauen, dass man in der »Ausbildung und der Forschung« auf diesem Gebiet noch mehr Gewicht lege. Deshalb sei es so wichtig, dass an den Hochschulen etwas in Bewegung komme. Leider sehen das nicht alle so. Viele Rektorate haben bereits signalisiert, den Lehrbetrieb während der Aktionswoche regulär durchziehen zu wollen.

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