Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 23.11.2019, Seite 4 / Inland
Linke Debatte zur Klimakrise

Religion und Treibhaus

Frankfurt: Veranstaltung mit Dietmar Dath zu Klimakrise, Kleinbürgertum und Klassenkampf
Von Milan Nowak
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Fridays for Future-Demonstration vor dem Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main (1.11.2019)

Wieso wird der Klimaschutzbewegung Fanatismus vorgeworfen? Das beschäftigte am Mittwoch abend etwa vierzig Leute, vorwiegend Studenten und junge Arbeiter, im autonomen Zentrum »Exzess« in Frankfurt am Main. Hier läuft seit Juni eine Veranstaltungsreihe zur Klimathematik.

Diesmal gab der FAZ-Redakteur und Schriftsteller Dietmar Dath einen Aufschlag. Die Verhöhnung der Klimaschutzbewegung, so Dath, diene Kleinbürgern zur Apologie ihrer tatenlosen Skepsis: »Warum etwas ändern, was niemand genau versteht?« Konservatismus trete als scheinbarer Realismus auf: »Es gab immer Katastrophen. Mensch und Natur sind Feinde. Hört auf zu träumen!« Doch die Bezeichnung »Klimareligion« passe nicht, denn Religion sei dogmatisch gerechtfertigt und furchtgetrieben, dagegen Fortschrittsgedanken vernunftbegründet und sozial motiviert. Am Anfang stehe das Sichausmalen einer besseren Welt. Doch dann müssten Analyse und Praxis folgen.

Kleinbürger prägten laut Dath die Umweltbewegung seit den 1970er Jahren. Anthropologisierungen wie »Der Mensch ist das Problem der Natur!«, Technikfurcht und Panik vorm Klimawandel seien nutzlos, aber erklärbar: Jahrhundertelang hätten jene Kleinbesitzer, die nicht an Naturkatastrophen oder Monopolen starben, den beruhigenden Gedanken kultiviert: »Was ich mir oft genug vorstelle, passiert nicht.« Das erkläre die Inflation »grüner« Science-Fiction, die die bessere Welt im Nebel belasse oder nur Apokalypse und Wiederaufbau von Subsistenzwirtschaft imaginiere. Kleinbürger könnten die Probleme zwar sehen, aber nicht lösen: Dank relativer materieller Sicherheit könnten sie Fähigkeiten erwerben und kluge Einfälle haben, aber wähnten sich zu oft bei den Gewinnern. Vor die Wahl gestellt, entweder mit ihren Unterdrückern auf die Subalternen herabzutreten oder gemeinsam mit den Schwachen zu kämpfen, würden sie meist bei der Ausbeutungsfrage innehalten.

Den Klimawandel stoppe man aber nicht mit Verweisen auf sichtbare Schäden. Nicht die Natur des Menschen, sondern die Entfremdung von Mensch, Arbeit und Natur sei das Problem. Zur Erholung des Mensch-Natur-Stoffwechsels müsse eine planvolle Produktionsweise ausformuliert werden, auch um konkrete Alternativen zum Kapitalismus aufzuzeigen. Die Klimaschutzbewegung dürfe sich an den zahlreichen Fronten nicht gegeneinander ausspielen lassen. Nicht nur um die Zukunft, auch um die Vergangenheit werde gerungen: Herrschaftslügen müssten zur Immunisierung im Gedächtnis bleiben, Erfolge und Fehler aufgearbeitet werden.

Nach dem Vortrag wurden Erfahrungen ausgetauscht. Ein Diskussionsteilnehmer lobte die Arbeit mit »Fridays for Future«. Die Studenten könnten viel von der politischen Klarheit der Schüler lernen. Es wurde debattiert, ob die politische Linke klüger werde: weniger anfällig für Gelaber, weniger illusionär, dafür solidarischer untereinander. Ein Student schilderte seine Zukunftserwartungen: immer arbeiten, niemals reich werden, stets auf die Schulden aufpassen. Dath zitierte die Kritik von Engels am Erfurter Programm der SPD: Nicht nur absolutes Elend, sondern auch wachsende Unsicherheit sei im Kapitalismus unerträglich.