Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 22.11.2019, Seite 15 / Feminismus
Femizide

»Problem in der Mitte der Gesellschaft«

Fast täglich wird in der BRD eine Frau getötet, jede dritte vom Partner oder Expartner. Gespräch mit Vanessa Bell
Von Carmela Negrete
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Ein »Die-in« am Platz der Republik aus Protest gegen Femizide und Gewalt gegen Frauen (19.10.2019, Paris)

Demnächst stellt das Bundeskriminalamt seine Statistik zur Partnerschaftsgewalt im Jahr 2018 vor. 2017 wurden laut BKA deutschlandweit 147 Frauen von ihrem Partner oder Expartner getötet. Hinzu kamen Morde zur Verdeckung von Sexualdelikten und weitere Motive. Insgesamt starben 351 Frauen durch Mord oder Totschlag. Wäre nicht ein größerer Aufschrei gegen diese Verbrechen nötig?

Ja, das sehen wir auch so – und wir wollen etwas dagegen tun. Am 13. November haben wir eine Aktion am Brandenburger Tor in Berlin organisiert, um darauf aufmerksam zu machen, dass Frauen in Deutschland getötet werden, nur weil sie Frauen sind. Diese spezifischen Morde nennen wir Femizide. Die Professorin Kristina Wolff hat eine Petition unter dem Titel »Stoppt das Töten von Frauen« auf den Plattform Change.org gestartet, die bereits 70.000 Menschen unterschrieben haben. Die Zahl solcher Morde ist einfach schrecklich. Ein Problem ist aber auch, dass es in Deutschland keine systematische Datenerhebung zu Femiziden gibt. Und das, obwohl unser Land eines der reichsten Europas ist und einem hohen Bildungsstandard hat. Trotzdem wird hier nichts getan, und die Augen werden vor diesen strukturellen Problemen verschlossen. In anderen europäischen Ländern wie Spanien, Italien oder Großbritannien wird bereits öffentlich über Femizide diskutiert. Das ist hier ein gravierender Mangel.

Es gibt bereits eine Debatte darüber, ob Femizide als eigener Straftatbestand gelten sollen. Wie sehen Sie das?

Ein erster Schritt wäre, Femizide überhaupt richtig zu benennen, denn mit der Sprache fängt alles an. Deshalb fordern wir von der Bundesregierung, den Begriff anzuerkennen, damit ein Umdenken in der Bevölkerung stattfinden kann. In Mexiko und anderen Ländern gibt es Femizid als Straftatbestand. Wir brauchen die Datenerhebungen und gründliche Forschung zu dem Problem, damit wir seine Ursachen benennen können.

Warum ist der Begriff Ihnen so wichtig?

Der Begriff Femizid steht dafür, dass Gewalt in der Beziehung keine Privatsache sein darf. Begriffe wie Beziehungstat, Familientragödie oder Familiendrama beschreiben nicht die Realität, weil es sich um Morde an Frauen handelt. Wenn wir die Sprache ändern, auch juristisch, können Richter dementsprechend auch die Täter verurteilen. Doch bisher ist die Bundesregierung nicht mal in der Lage, die Aussage zu treffen, dass es hier Femizide gibt.

In der TV-Sendung »Report Mainz« gab es kürzlich einen Beitrag über den Umgang mit Anzeigen von Opfern häuslicher Gewalt. Oft argumentieren Staatsanwaltschaften, dass kein öffentliches Interesse bestehe, und stellen die Ermittlungen ein. Wie beurteilen Sie das?

Das ist fatal, das darf nicht sein. Man sieht also, dass es noch Probleme in der Rechtsprechung gibt, genau deswegen, weil Gewalt in der Beziehung als Privatsache angesehen wird. Dazu kommt, dass einige Trennungstötungen als minderschwere Fälle von Totschlag betrachtet werden.

Hierzulande sterben mehr Frauen durch »Trennungstötungen« und infolge sexualisierter Gewalt, als es Todesopfer durch islamistischen und neofaschistischen Terror gibt. Ist das nicht auch ein Problem der öffentlichen Ordnung?

In der islamischen Kultur spricht man von »Ehrenmord«, hier möchte man dagegen das Problem gar nicht benennen. Zwei Drittel der Tatverdächtigen sind Deutsche, und das Thema ist immer noch ein Tabu. Die Gesellschaft verschließt die Augen davor, dass wir eben ein Problem in der Mitte der Gesellschaft haben. Da muss ein Umdenken stattfinden, und die Politik muss endlich handeln.

Es gibt das Notruftelefon mit der Nummer 08000 116 016. Wie wird dieses Angebot angenommen?

Das Hilfetelefon kann jeder heutzutage schnell und unkompliziert in Internet finden. Es gibt immer mehr Frauen, die es nutzen.

Frauen haben auch die Möglichkeit, in Frauenhäuser zu flüchten. Wie sieht die Lage diesbezüglich aus?

Davon gibt es aber viel zu wenige. Man geht davon aus, dass rund 15.000 Plätze in Frauenhäusern fehlen. Es mangelt aber auch an unabhängigen Koordinierungsstellen, wie sie in der Istanbuler Konvention zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen vorgesehen sind, die Deutschland unterschrieben hat. Und wie erwähnt, kritisieren wir seit Jahren fehlende Datenerhebungen.

Sind prekarisierte Frauen oder Hartz-IV-Bezieherinnen besonderes gefährdet?

Wenn sie vom Mann abhängig sind und keine finanziellen Mittel haben, um der Gewaltspirale in einer Beziehung zu entkommen, haben sie natürlich zusätzliche Probleme, da viele Plätze in Frauenhäusern fehlen. Sie können sich oft nicht einmal eine Fahrkarte leisten, um in einer anderen Stadt einen Platz in einem Frauenhaus zu finden. Wenn sie Kinder haben, sind die Kosten noch höher. Und dann müssen sie noch hoffen, dass es dort überhaupt einen Platz für sie gibt. Solchen Schikanen sind sie ausgesetzt, obwohl sie per Gesetz ein Recht auf Hilfe bei Gewalt haben. Jede Frau in Not sollte Anspruch auf einen Platz in einem Frauenhaus haben.

Vanessa Bell ist Referentin für häusliche und sexualisierte Gewalt beim Verein Terre des Femmes. Die Frauenrechtsorganisation fordert eine bessere Analyse der Lage und mehr Hilfsangebote für Betroffene.

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