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Aus: Ausgabe vom 22.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Fernsehen

Ein Bart für Kinder

Heute vor 60 Jahren hatte »Unser Sandmännchen« Fernsehpremiere
Von F.-B. Habel
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»Seine Physiognomie hat etwas Kindliches und trägt zugleich das Merkmal der Weisheit und Würde des Alters«, erklärte Puppenvater Behrendt

»Den Abendgruß vom Fernsehfunk schaut jeden Abend Alt und Jung!« – Die zweite Strophe des Sandmannliedes wurde nach 1991 nicht mehr gespielt, denn der Deutsche Fernsehfunk, dessen beliebtester Star das Sandmännchen war, war schnöde abgewickelt worden. Fast hätte es auch den bärtigen Fernsehliebling selbst getroffen, aber als der Plan ruchbar wurde, gab es einen Entrüstungssturm in der halben neuen Republik, bei dem sogar Westzuschauer mitmachten.

Dass der erste Film ein Schnellschuss war, merkte ihm niemand an. In den oberen Etagen des Fernsehfunks wurden auch Westzeitungen gelesen, und da fand man Ende Oktober 1959 die Ankündigung, dass am 1. Dezember im SFB ein Sandmann auf Sendung gehen sollte – ausgerechnet zur Sendezeit des DFF-Abendgrußes. Dem wollte Adlershof zuvorkommen. Der damals 30jährige Puppengestalter und Regisseur Gerhard Behrendt erhielt den Auftrag, schnellstens einen Sandmann und eine Rahmenhandlung für den Puppentrickfilm zu entwickeln, und tatsächlich schaffte es sein kleines Kollektiv, den ersten Sandmannfilm am 22. November 1959, eine gute Woche vor dem SFB, auf Sendung zu bringen. Zwar wurde an der Puppe noch einmal etwas geändert, denn da er Müdigkeit symbolisieren sollte, trat er mit halb geschlossenen Lidern auf (»Schlafzimmerblick« nannte das die ältere Generation spöttisch), aber mit seinen Knopfaugen im zweiten Film war er dann fertig, seine Erfolgsgeschichte konnte beginnen. Puppenvater Behrendt erklärte die Wirkung des Sandmännchens so: »Seine Physiognomie hat etwas Kindliches und trägt zugleich das Merkmal der Weisheit und Würde des Alters.«

Im Laufe der Jahrzehnte entstanden Hunderte von Filmen, die vor allem die kleinen Zuschauer begeisterten. Faszinierend die Vielzahl von Verkehrsmitteln, die das Sandmännchen benutzte (obwohl es auch ganz gern mal zu Fuß ging). Da waren zum Beispiel Straßenbahn, Bus, Spreewaldkahn, Segelboot, Kutter, Schlitten oder Sattelschlepper. Der Sandmann landete auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld mit einer Sondermaschine der Interflug. Er flog im Hubschrauber über den Neptunbrunnen nach Berlin, wie es überhaupt mehr als ein Dutzend Sujets aus der Hauptstadt gab, die Weltfestspiele etwa erreichte er im Sonderbus. Auf die Leipziger Messe kam er in einem grünen Robur-Bus (weil der blaue des RBB noch nicht in Sicht war) und wurde vom Messemännchen begrüßt – auch eine Schöpfung von Gerhard Behrendt. Es gab Reisen im Eselskarren nach Bulgarien und mit dem fliegenden Teppich in den Irak. Er bereiste die Sowjetunion, Ungarn, Indien, Ägypten, Kuba und den Nordpol. Sogar Westdeutschland besuchte er mindestens zwei Mal, um sich mit den Bremer Stadtmusikanten zu treffen.

Gut, Juri Gagarin musste er 1961 den Vortritt lassen – aber dann flog auch der Sandmann ins All, und nicht nur einmal. Selbst auf einer Raumstation sorgte er für gesunden Schlaf.

Vieles davon kann man in der Ausstellung »Mit dem Sandmann auf Zeitreise« im Filmmuseum Potsdam sehen, wobei den Weltraumreisen ein ganzer Raum gewidmet ist. In einem weiteren kann man ins Märchenland eintauchen, denn das Sandmännchen besuchte Frau Holle, Schneewittchen und die sieben Zwerge, Rotkäppchen, Burattino und viele weitere Märchenfiguren.

Kuratorin Ugla Gräf und Ausstatter Wilko Drews haben die Ausstellung für die ganze Familie konzipiert. Für die Kleineren gibt es unten viel zu entdecken, auch Bildschirme, auf denen man die Filme sehen kann, die zu den Figuren in den Vitrinen gehören. Die Großen erfahren Wissenswertes zu den Hintergründen, etwa zur Geschichte der Sandmannfigur seit E. T. A. Hoffmann und Hans Christian Andersen, oder zeitgeschichtliche Hintergründe aus 60 Jahren »Sandmännchen«. Denn die Identifikationsfigur unterstützte auch immer mal ganz subtil politische Kampagnen. Trotz aller Reisen zog es das Sandmännchen in die »Heimat DDR«, es half gelegentlich auch guten Freunden von der NVA beim Brückenlegen oder fuhr im Schützenpanzerwagen. Das Abendbrot gab es dann aus der Gulaschkanone.

»Mit dem Sandmann auf Zeitreise«: Filmmuseum Potsdam, bis 30.12.2020, dienstags bis sonntags, 10 bis 18 Uhr, mit Workshops und Begleitprogramm

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