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Aus: Ausgabe vom 19.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Alle total aufgeklärt

Olivia Wildes naive Highschoolkomödie »Booksmart«
Von Maximilian Schäffer
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Empowerment in der Wohlstandsgesellschaft: Molly (Beanie Feldstein, hinten) und Amy (Kaitlyn Dever) haben richtig gute Laune

Gendergerechtes, postmodernes Spaßkino aus den USA gibt es mit »Booksmart«. Die Highschoolkomödie handelt von Molly und Amy, die in einem Vorort von Los Angeles ihre mittelständische Jugend verbringen. Die zwei besten Freundinnen sind vor allem karrieregeil und sexuell desinteressiert – das macht sie in der Highschool ziemlich unbeliebt. Ideal besetzt sind die Rollen mit Beanie Feldstein und Kaitlyn Dever. Erstere (übrigens die Schwester von Jonah Hill) strahlte den natürlichen Charme einer ätzenden Hilfsschulvorsteherin bereits 2017 in »Ladybird« aus.

Als der Tag des Schulabschlusses naht, kapieren die beiden, dass sie ihre gesamte Jugend mit drögem Strebertum und dummer Enthaltsamkeit verbracht haben. Jetzt gilt es, hedonistisch nachzuholen, was nachzuholen ist, und die Nacht vor dem Abschied, mit lauter Privatpartys und Saufexzessen, ist da natürlich die perfekte Gelegenheit.

In ihrem Regiedebüt inszeniert Olivia Wilde eine kleine Odyssee durch die jungfräuliche Partynacht am Ende eines Lebensabschnitts zweier (vermeintlicher) Außenseiterinnen. Spielleiterin Wilde geht es darum, Konventionen des Genres zu durchbrechen, auch um nicht bei einem weiteren Aufwasch von »American Pie« zu landen. Dramaturgisch funktioniert das die meiste Zeit, denn narrative wie psychologische Wendungen nehmen die Anlage ihrer Figuren ernst. Problematisch wird es bei der Geschlechterrollen hinterfragenden Position, die zwar zu Selbstbewusstsein ermutigt, aber auch reichlich blauäugig daherkommt.

Amy ist nämlich lesbisch, Probleme mit ihrer sexuellen Orientierung hat sie jedoch keine. In der Schule ist’s kein Thema, da gibt es überhaupt nur sehr freundliche, aufgeklärte junge Menschen of Colour usw. Ebenso verhält es sich mit ihren streng religiösen, evangelikalen Eltern, die sich selbstverständlich überhaupt nicht daran reiben, dass die Tochter Frauen mag. Auf der Party findet Amy schnell Anschluss, denn als sich ihr Schwarm als heterosexuell entpuppt, findet sie auf der Toilette sofort eine noch attraktivere, paarungswillige Lesbe. Alles läuft wie am Schnürchen in dieser Illusionswelt Marke »Democratic Party 2019«, fehlt nur noch ein Mullah mit Regenbogenfahne.

Letztlich hat man es hier mit einem weiteren Beitrag zum Thema »Em­powerment in der Wohlstandsgesellschaft« zu tun, der oberflächlich mit Vorurteilen und Sexismus aufräumt, am Ende aber nicht viel mehr leistet, als gesellschaftliche Probleme durch positivistischen Formalismus zu negieren. Friede, Freude, Eierkuchen überall, ausschließlich tolle Menschen auf unserer kleinen Farm – bis auf den polizeilich gesuchten Mörder. Auf wen oder was soll man sich denn sonst als Feindbild einigen, die gesamte Restpopulation ist schließlich moralisch einwandfrei.

»Booksmart« ist trotzdem ein sehenswerter Film, vor allem weil er selten langweilig, oft sogar ziemlich lustig ist und – innerhalb des knappen Rahmens Hollywoodscher Möglichkeiten – ein paar gute Ideen Film werden lässt. Er taugt mindestens zur Überbrückung der Wintermonate, gibt ihnen Leichtigkeit und Zuversicht, man sollte sich nur nicht zu sehr einlullen lassen. Zu den besten Vertretern seiner Art gehört er selbstverständlich nicht, weder unter den Coming-Of-Age-Filmen noch unter denen mit queerer Thematik. An den letzten saisonalen Hype dieser Produktkategorien, den 2018 hochgelobten »Love, Simon«, erinnert sich heute allerdings auch kein Mensch mehr.

»Booksmart«, Regie: Olivia Wilde, USA 2019, 102 Min., bereits angelaufen

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