Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.11.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kadu Borani

Von Maxi Wunder

»Kommt ’n Mann zum Frisör. Fragt der den Kunden: Kannda Haarschnitt diesmal kürzer sein?« Ich finde den Witz wahnsinnig komisch (danke, R. P.!), doch Amir schaut mich entgeistert an. Er kommt aus Kandahar, Afghanistan, und ist mein sprachbegabtester Schüler in der Migrantenklasse, die ich zur Zeit in »DAF« (Deutsch als Fremdsprache) auf B1-Niveau unterrichte. Die Lektion »Sag mal ’n Satz mit Kandahar« war aber vielleicht doch noch zu früh.

Nach der Schule gehen wir in den Park: »Warum hast du deine Frau und dein Kind nicht gleich mitgenommen?«, will ich von Amir wissen. »Der Familiennachzug ist doch noch mal eine Riesenhürde.« »Ich habe zwei Frauen. Mit der einen zwei, mit der anderen drei Kinder.« Amir dreht sich einen Joint. Er wollte sich bestimmt den Zickenkrieg ersparen, denke ich, aber es ist anders: »Ich wusste nicht, ob ich auf der Flucht einen Menschen töten muss«, erklärt er mir. »Meine Kinder sollten ihren Vater nicht töten sehen.«

Man muss sich das immer wieder einhämmern im beschaulichen Europa: Die Leute kommen aus Ländern, wo das Töten an der Tagesordnung ist. Genau deshalb wollen sie ja weg, z. B aus Afghanistan. Aber wie wir wissen, zeigt sich die Bundesregierung von immer neuen Meldungen über Anschläge und Gräueltaten unbeeindruckt und hält an Abschiebungen in das Kriegsland fest.

Amir hat selbst niemanden umgebracht auf der Flucht, Leichen und Sterbende sah er dennoch zuhauf. Nachts, wenn er die Augen schließt, sieht er sie vor sich: Die Gesichter von Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben sind.

Damit es dieser Artikel doch noch auf die Idylleseite schafft, hier das Happy-End: Amir erreichte trotz betrügerischer Schlepper und maroder Schlauchboote Westeuropa, fand mit Hilfe eines deutschen Rentnerpaares eine Wohnung in Berlin und einen Ausbildungsplatz in einem internationalen Hotel, was seine Abschiebung quasi unmöglich macht.

Darauf ein: Kadu Borani (afghanisches Kürbissauté):

Den Ofen auf 200°C vorheizen. 125 ml Tomatenmark, etwas Wasser, eine gepresste Knoblauchzehe, 1/2 TL Salz, 1/4 TL schwarzen Pfeffer, Cayennepfeffer und einen TL Koriander vermengen und abgedeckt in einer Backform für 30 Minuten in den Ofen geben. 1 ½ Kilo Butternusskürbis schälen, in ein bis zwei cm große Würfel schneiden und in einer großen Pfanne mit etwas Öl leicht braun anbraten. Die fertige Tomatensauce mit sechs weiteren fein gehackten Knoblauchzehen und 250 ml Wasser in einer Schüssel vermengen und in die Pfanne mit dem Kürbis geben. Abdecken und mindestens 25 Minuten bei niedriger Hitze köcheln lassen, bis der Kürbis weich und die Sauce leicht verdickt ist. 300 g Naturjoghurt, eine gepresste Knoblauchzehe und 1/4 TL Salz in einer Schüssel vermengen.
Das Kürbissauté auf einen Teller geben, darüber die Joghurtsauce gießen, die mit fein gehackter Minze bestreut wird. Dazu Fladenbrot reichen. Als Getränk passt ein heißer Gewürztee mit Zimt, Nelken und Kardamom, etwas Honig und Milch.

»Kundus du in Zukunft etwas lustigere Witze erzählen?«, fragt mich Amir nach dem Joint.

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (17. November 2019 um 11:31 Uhr)
    Aha! Seit wann bekomme ich diese Texte.?

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