Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.11.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eine Frage des Stils

Von Arnold Schölzel
Der Schwarze Kanal: Eine Frage des Stils
Der Schwarze Kanal: Eine Frage des Stils
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Noch vor Eintreffen der Nachricht, dass Evo Morales seinen Rücktritt als Präsident Boliviens verkündet hatte, schrieb Katharina Schwirkus für die Montagausgabe der Tageszeitung Neues Deutschland (ND) einen Kommentar. Sie bezog sich darin jedenfalls allein auf die zunächst angesetzten Neuwahlen. Überschrift: »Morales spaltet extrem«. Untertitel: »Boliviens Präsident hat sich ins Aus manövriert«. Keine Rede davon, dass er am 20. Oktober einen Wahlsieg errungen hatte. Der Kandidat auf dem zweiten Platz, Carlos Mesa, hatte kurz nach Beginn der Auszählung »mit absoluter Sicherheit« gewusst, dass er in die Stichwahl gelangt war. Am 21. Oktober rief Mesa, wie zuvor angekündigt, seine Anhänger zu »Rebellion« und »Aktionen auf den Straßen« auf. Was die mit dem Werfen von Brandsätzen in Wahllokale, Steinwürfen und Angriffen auf Parteigänger von Morales sofort in die Tat umsetzten. Laut Frau Schwirkus waren aber allein die Reaktionen von Morales »unangemessen«. Er habe seine politischen Gegner beschimpft und ihnen vorgeworfen, einen Putsch anzustreben. Herr Mesa, lässt sich sagen, könnte den zumindest angedroht haben.

Am Dienstag stellte ihm Frau Schwirkus in einem ebenfalls im ND veröffentlichten Porträt unter der Überschrift »Kein Scharfmacher« eine Unbedenklichkeitsbescheinigung aus und rühmte seine »besonnenen Kameraauftritte«. Immer wieder habe er sich gegen Gewalt ausgesprochen – offenbar mit wenig Einfluss auf seine Fans. Außerdem sei er »im Medienbusiness« anerkannt und habe »zahlreiche Preise« gewonnen. Was ungefähr soviel bedeuten mag wie: Das ist wichtiger als ein Wählervotum. Gemessen an Morales’ Unangemessenheit ist Mesa, der schon Vizepräsident und Präsident Boliviens war, eine Lichtgestalt.

Ebenfalls in der Dienstagausgabe lässt das ND Katharina Schwirkus und Christian Klemm in Pro und Kontra kommentieren, ob der Morales-Rücktritt »eine gute Entscheidung« war. Frau Schwirkus bejaht das unter dem Titel »Loslassen lernen«. Es sei aber »nicht schön« gewesen, »wie sich Evo Morales aus dem Präsidentenamt verabschieden musste«. Die Betrachtung der Angelegenheit durch die Autorin als ästhetischer oder Stilfrage ist offenbar Gewohnheit. »Unangemessen« oder »besonnen« gelten im sozialliberalen Milieu als politische Kriterien. Bemerkenswert ist aber die Verwendung der Vokabel »musste«. Hat da doch jemand Zwang ausgeübt? Die Autorin springt leider ohne Klärung von der Geschmacks- zur Zeitfrage: Der Mann amtiert einfach zu lange. Für Boliviens Demokratie, schreibt sie, sei es »wichtig und richtig, dass endlich jemand anderes auf Morales folgt«. Anders formuliert: Morales muss weg. Wer Ähnliches zuletzt bei Angela-Merkel-Besuchen in Sachsen als Gebrüll gehört hat, täuscht sich nicht: Das Argumentationsniveau ist ähnlich, nur fehlt auf Papier die Lautstärke.

Der Verzicht auf Rücktritte, doziert Frau Schwirkus, ist aber in Bolivien und rundherum Gewohnheit, sozusagen ethnisch-geographisch-klimatisch bedingt. Ganz anders als in Berlin. Morales sei nur einer von vielen, »die ihre Macht nicht abgeben können«: »In Lateinamerika ist dieses Phänomen häufig zu beobachten. Andere Beispiele hierfür geben etwa Daniel Ortega in Nicaragua oder Nicolás Maduro in Venezuela. Trotz zahlreicher Proteste halten sie sich im Amt.« So ist er, der Latino.

Ein Glanzpunkt des Textes ist die Bezeichnung »Proteste« für die Putschversuche in Venezuela und den »Volksaufstand« in Nicaragua, mit denen die USA ja nichts zu tun haben. Eingreifen ist auch nicht nötig. Rassistischer Propagandadreck, der Erschießungskommandos fast überflüssig macht, reicht heute aus, wenn einer – letzter Satz im Ja-Durcheinander – wie Morales zum Rücktritt »gezwungen werden musste«.

Eingreifen ist auch nicht nötig. Der rassistische Propagandadreck, der Erschießungskommandos fast überflüssig macht, reicht aus, wenn einer wie Morales zum Rücktritt »gezwungen werden musste«.

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