Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 16.11.2019, Seite 15 / Geschichte
Probleme der Islamisten

Fundis gegen Fundis

Vor 40 Jahren besetzte eine islamistische Gruppe die Große Moschee in Mekka
Von Knut Mellenthin
Saudi_soldiers,_Mecca,_1979 Kopie.jpg
Saudische Soldaten in den Katakomben der Großen Moschee

Vor 40 Jahren, am 20. November 1979, besetzten bewaffnete Fundamentalisten die Große Moschee in Mekka. Erst zwei Wochen später, am 4. Dezember, konnten Saudi-Arabiens Einsatzkräfte den letzten Widerstand im Heiligtum brechen und die noch lebenden Aufständischen gefangennehmen. Am frühen Morgen des 9. Januar 1980 wurden in acht Städten des Königreichs insgesamt 63 Männer, die an der Besetzung beteiligt gewesen waren, darunter ihr Anführer, öffentlich enthauptet, um eine maximale Abschreckung zu erreichen. Zahlreiche Menschen, die in irgendeiner Weise mit der Revolte in Verbindung gebracht wurden oder einfach nur fundamentalistischen Bewegungen angehörten, wurden zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Nach offiziellen Angaben der saudischen Regierung wurden während der Kämpfe 127 Soldaten und Polizisten, 117 Rebellen und 26 Geiseln getötet. Viele Darstellungen gehen aber von mindestens tausend Toten aus.

Die über mehrere Wochen hin genau geplante und gut vorbereitete Aktion hatte kurz nach 5 Uhr während des Morgengebets begonnen. Die Annahmen über die Zahl der beteiligten Aufständischen liegen zwischen 300 und 500. Das Datum war bewusst gewählt: Nach islamischer Zeitrechnung war der 20. November 1979 der erste Tag des Jahres 1400. Einer alten Legende zufolge soll die Erscheinung des Mahdi, einer Art Messias, zu Beginn eines neuen Jahrhunderts stattfinden.

Gegen die »Ungläubigen«

Vor 50.000 bis 100.000 Pilgern, die sich zum Gebet in der Großen Moschee versammelt hatten, bemächtigte sich der Führer der Rebellen, Dschuhaiman Al-Utaibi, des Mikrophons und stellte seinen Freund und Schwager Mohammed Abdullah Al-Kahtani als Mahdi vor. In seiner Ansprache bestritt er die Legitimität des saudischen Herrscherhauses, das korrupt sei, den Islam verraten und das Land dem »ungläubigen« Westen ausgeliefert habe. Die Aufständischen bezogen Verteidigungsstellungen in der weitläufigen Anlage einschließlich des Systems unterirdischer Räume und Gänge. Die meisten Pilger, die sich gerade in der Moschee befunden hatten, durften diese sofort verlassen. Nur einige hundert Menschen wurden bis zum Schluss als Geiseln festgehalten.

Im Vorfeld der Aktion hatten deren Organisatoren mit Hilfe von bestochenen oder vielleicht auch sympathisierenden Wächtern Waffen und Munition ebenso wie Lebensmittel und Wasser zum Überstehen einer längeren Belagerung auf das Gelände der Moschee schaffen lassen. Weitere Waffen wurden angeblich zum Morgengebet in Särgen eingeschmuggelt. Es gehört zur Tradition, dass Verstorbene mitgeführt werden, um sie segnen zu lassen.

Al-Utaibi, ein Angehöriger des Beduinenstammes der Utaiba, der als einer der größten Saudi-Arabiens gilt, war 43 Jahre alt. Von 1955 bis 1973 war er Soldat und Offizier der Nationalgarde gewesen. Nach seiner Dienstzeit hatte er sich in Medina einer salafistischen Bewegung angeschlossen und später eine eigene Gemeinschaft gegründet. Er nannte sie Al-Ichwan nach einer Organisation, die in den Jahren 1927–1929 einen Aufstand gegen das saudische Herrscherhaus unternommen hatte, um nach ihrem eigenen Anspruch die Rückkehr zum »authentischen« Islam der Gründerjahrzehnte um 600 zu erzwingen. Diese Bewegung hatte sich hauptsächlich auf nomadische und halbnomadische Teile der Bevölkerung gestützt.

Das war, zusammen mit armen Stadtbewohnern, auch der soziale Hintergrund der Anhängerschaft von Al-Utaibi. Seine nicht genau ausformulierte Programmatik richtete sich in der Hauptsache gegen »Verwestlichung« und »Modernisierung«, gegen die Zusammenarbeit mit den USA, gegen die Instrumentalisierung der Religion zur Aufrechterhaltung der Herrschaft des Saudi-Regimes und in diesem Zusammenhang auch gegen den Apparat der wahhabitischen Staatsreligion. Diese Glaubensrichtung hatte sich, beginnend im 18. Jahrhundert, aus ähnlichen sozialen Voraussetzungen entwickelt und den gleichen Anspruch auf Restauration des »ursprünglichen« Islam erhoben, aber aus Sicht der Fundamentalisten »ihre Ideale verraten«.

Die Besetzung der Großen Moschee trug entscheidend dazu bei, dass das Saudi-Regime und der wahhabitische Klerus noch enger zusammenrückten. Um die Revolte niederschlagen zu können, benötigte das Herrscherhaus dessen Zustimmung und Unterstützung. Auf dem Gelände des Heiligtums ist nach islamischem Glauben die Anwendung von Waffen verboten. Um die Aufständischen bekämpfen zu können, war zunächst eine Fatwa – im traditionellen Sinn ein Rechtsgutachten einer Autorität – erforderlich, mit der die Aufhebung des Verbots unter den konkreten Umständen für zulässig erklärt wurde.

Die praktische Durchführung der Rückeroberung war dennoch schwierig und langwierig. Hilfe leisteten französische Spezialeinheiten, die zu diesem Zweck eingeflogen worden waren. Entgegen damaligen Presseberichten sollen diese aber nicht an den Kämpfen auf dem Gelände der Moschee – dessen Betreten allen »Ungläubigen« streng verboten ist – teilgenommen haben, sondern nur von außen planend und beratend tätig gewesen sein. Außerdem lieferte Frankreich das Kampfgas, mit dem schließlich die letzten Verteidiger der Gänge und Räume unterhalb des Heiligtums außer Gefecht gesetzt wurden.

Etwa zwei Wochen vor dem Beginn des Aufstands in der Großen Moschee, am 4. November 1979, hatten iranische Studenten die US-amerikanische Botschaft in Teheran besetzt. Vor diesem Hintergrund zogen westliche Medien sofort die Verbindung von den Ereignissen in Mekka zur »Islamischen Revolution« im Iran und beschuldigten dessen neue Führer als Anstifter und Organisatoren der Revolte gegen das saudische Herrscherhaus.

Iran nicht beteiligt

Der »Oberste Revolutionsführer« Ajatollah Khomeini wies den Vorwurf nicht nur zurück, sondern drehte den Spieß um: Die Besetzung der Moschee sei ein Angriff der USA und Israels gegen das höchste Heiligtum des Islam. Khomeinis Rede löste in vielen Ländern der islamischen Welt heftige antiwestliche Proteste aus. In der pakistanischen Hauptstadt Islamabad setzten Demonstranten Teile der US-amerikanischen Botschaft in Brand, nachdem sie Breschen in deren Schutzmauer gebrochen hatten.

Dass die Anschuldigung gegen den Iran falsch war, wusste die US-Regierung von Anfang an. In einem Telegramm, das die US-Botschaft in Riad am 21. November an das Außenministerium schickte, hieß es: »Es gibt keine, wiederhole, keine direkte Verbindung zum Iran.« Unter den gefangenen Rebellen, die am 9. Januar 1980 hingerichtet wurden, waren 41 Bürger Saudi-Arabiens, zehn Ägypter, sieben Jemeniten, drei Kuwaiter, ein Iraker und ein Sudanese. Aber kein einziger Iraner.

»Moschee in Mekka von mutmaßlichen Kämpfern aus dem Iran besetzt«

Eine Gruppe bewaffneter muslimischer Fundamentalisten, die vermutlich aus dem Iran stammen, hat heute die Große Moschee in Mekka besetzt. (…)

Weil die Saudis zeitweise die Verbindungen abgeschnitten hatten und wegen der Isolation Mekkas und der Tatsache, dass der Ort für Nichtmuslime verboten ist, sagen amerikanische Regierungsvertreter, dass die genaue Identität und die Motive der Angreifer unklar seien. Ein hochrangiger amerikanischer Geheimdienstmann erzählte Reportern, dass die Gruppe aus Mitgliedern des schiitischen Zweigs der Muslime im Iran bestehe.

Regierungsangestellte in Washington vermuten, dass die Einnahme der Großen Moschee eine Antwort auf die jüngsten Aufrufe von Ajatollah Ruhollah Khomeini, des iranischen Revolutionsführers, zu einem allgemeinen Aufstand der fundamentalistischen Muslime im Nahen und Mittleren Osten sein könnte.

Mitarbeiter des Außenministeriums erklärten, es gebe in Saudi-Arabien, dessen Bewohner dem sunnitischen Hauptzweig des Islam angehören, keine schiitische Minderheit. Die einigen Iraner, die dort leben, seien Arbeiter. (…)

Heute ist der erste Tag des Muharram, des ersten Monats des muslimischen Jahres, und der erste Tag des islamischen 15. Jahrhunderts. Für den schiitischen Zweig des Islam hat Muharram eine besondere Bedeutung, weil er an den Märtyrertod von Hussein, des Sohnes von Ali, erinnert. Die Schiiten sehen in Ali, dem Schwiegersohn Mohammeds, den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten.

(New York Times, 21. November 1979)

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (17. November 2019 um 19:16 Uhr)
    Nun (Sufi – also bestinformiertes Niveau daselbst – der »Ägypter«), das war wohl »Politkriegsgroßmeisterschach« mit »Bauern(trottel)opfer«, die eigene Stellung konsolidierend, um das Heft des Handelns »stückweise« (vor dem genauso »blöden«, ja volliditiotischen Irak-Iran-Krieg) wieder in die US-NATO-Hand zu bekommen.

    Bin Ladens (der ist auch so ein Saudi-Araber wie die »Rebellen« damals) Al-Qaida ist ähnlich »positioniert« und »strukturiert«.

    Ja (doch wirklich!), bei der Finanzkrise 1929 haben sich die Broker noch selbst freiwillig vom Hochhaus gestürzt.

    Eine große »Zugumstellung« (bei der vielen Analyse der 1929-Weltkrieg-Partie nicht verwunderlich) – Twin-Tower-Attentat 2001 bis Finanzkrise 2005, und wir erkennen das böse Spiel leicht wieder.

    Die Ressourcen der historischen, traditionellen »Original«-Terroristen des Islam (Keim: Assassinenorden) sind allerdings in jeder Hinsicht im Vergleich zu ihren »billigen Minikopien« allüberall von weit, weit größerem Kaliber, wie jeder unumwunden zugeben muss.

    Ja, die Assoziation, Allianz macht’s – was »dunkel und verworren« Khomeini wohl geahnt zu haben scheint.

    Das ist wirklich die realdialektische List der Vernunft Hegels. Nützliche blinde übereifrige »empörte« Vollidioten.

    (NATO-)Geheimdienst hilft da fiesest nach! (Großmeisterlich.)

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