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Aus: Ausgabe vom 15.11.2019, Seite 6 / Ausland
Nach Selbstverbrennung

»Armut tötet«

Frankreichs Studierende erheben sich gegen unerträgliche Lebensbedingungen
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Tränengas gegen »Gelbwesten« am 44. Protesttag in Nantes, 14. September 2019

In Lyon kämpften die Ärzte am Donnerstag weiter um das Leben von Anas K. Der 22jährige hatte sich am vergangenen Freitag vor der Universitätsverwaltung in Lyon selbst in Brand gesteckt. Er wollte damit gegen die Lebensbedingungen der französischen Studenten protestieren, die von Armut, Wohnungsnot und Leistungsdruck geprägt seien. Er beschuldigte Staatschef Emmanuel Macron und dessen Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy und François Hollande, ihn »getötet« zu haben.

Seither kommen die Hochschulen des Landes nicht mehr zur Ruhe. Mit Unterstützung der Gewerkschaften gingen in den vergangenen Tagen junge Menschen in allen großen Städten auf die Straße. In Lille verhinderten zornige Studenten im Auditorium der Universität die Vorstellung des neuen Buchs des früheren sozialdemokratischen Präsidenten Hollande mit dem Titel »Auf die Krise der Demokratie antworten«. Hollande sei »in Sicherheit gebracht«, sein Vortrag abgesagt worden, ließ die Hochschulverwaltung erklären.

Vor den Behörden des Wissenschaftsministeriums lieferten sich Hunderte junge Menschen Straßenschlachten mit der Polizei. Während ihr nach Auskunft der Ärzte zu 90 Prozent verbrannter Kommilitone noch um sein Leben kämpft, blockierten sie in Lyon und Lille den Campus. Hörsäle blieben am Mittwoch und Donnerstag geschlossen, Seminare fielen aus. Die Regierungspolitik der vergangenen 15 Jahre habe den Studenten ein Leben und Lernen in Würde nahezu unmöglich gemacht, erklärten Gewerkschaftssprecher in Fernsehinterviews.

Die Ministerin für Hochschule, Wissenschaft und Forschung, Frédérique Vidal, beschränkte sich bislang auf eine am Dienstag veröffentlichte Stellungnahme: »Die tragische Geste des jungen Mannes macht emotionale Reaktionen verständlich. Gewalt kann an der Universität aber nicht geduldet werden.« Vidal ist unter Macron zuständig für eine umfassende »Hochschulreform« und soll im Verein mit Erziehungsminister Jean-Michel Blanquer eine elitäre Bildungspolitik mit scharfen Auswahlverfahren und der Förderung sogenannter Exzellenzstudenten umsetzen. Das Wahlversprechen des Staatschefs und seines rechtskonservativen Premierministers Édouard Philippe, den Studierenden ausreichend Wohnraum zur Verfügung zu stellen, blieb dagegen bisher unerfüllt. In Paris, wo die Universitäten Sorbonne und Nanterre die weitaus höchste Zahl der französischen Studierenden aufnehmen müssen, ist die Not am größten. Im Großraum der Hauptstadt lernen und wohnen nach Angaben des Statistischen Amts rund eine halbe Million Studierende. Die Mieten für sogenannte Studios, zehn bis 15 Quadratmeter kleine Einzimmerwohnungen, liegen dort bei 800 bis 1.000 Euro monatlich.

Mit dem Schlachtruf »Armut tötet!« protestierten die Studierenden auch in Paris. Dort versuchten sie am Donnerstag, die eisernen Tore zum Wissenschaftsministerium einzureißen. Im alten Universitätsviertel Quartier Latin am linken Ufer der Seine setzten sie sich mit Brandsätzen gegen die gepanzerten Polizeieinheiten zur Wehr.

Unterdessen verdient sich die politische Kaste mit politischen Büchern und sogenannten Analysen ein nicht unerhebliches Zubrot zur präsidialen Rente. Sarkozys in den Feuilletons eher belächelte Liebeserklärung an »sein« Frankreich, »Passions«, verkaufte sich nach Angaben des Verlags in wenig mehr als einem Monat 230.000mal. Sein früherer Konkurrent Hollande wurde mehr als 150.000 Exemplare seiner »Lektionen der Macht« los. Der 2017 abgewählte Sozialdemokrat, der nach eigenen Angaben über eine erneute Präsidentschaftskandidatur 2022 nachdenkt, will demnächst sogar ein »Buch für Kinder ab fünf Jahren« auf den Markt bringen. Geplanter Titel: »Ihre Republik – erklärt für die Jungen und weniger Jungen«.

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