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Aus: Ausgabe vom 13.11.2019, Seite 15 / Antifa
Faschisten-Plattform »Iron March«

Datenbank von Neonaziforum im Netz

Unbekannte veröffentlichen Angaben zu mehr als 3.500 Profilen von »ironmarch.org«
Von Marc Bebenroth
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US-Neonazis in Charlottesville, Virginia (12.8.2017)

Hunderte Nutzerinnen und Nutzer des faschistischen US-Forums »ironmarch.org« müssen um ihre Enttarnung fürchten. Unbekannte haben in der vergangenen Woche die Datenbank des 2017 vom Netz genommenen Portals veröffentlicht. Einem Bericht des britischen Guardian vom Donnerstag zufolge enthalten die anonym verbreiteten Informationen Benutzernamen, E-Mail-Adressen, IP-Adressen, Forumeinträge sowie Direktnachrichten. Laut Nachrichtenportal t-online.de handelt es sich um Daten aus dem Zeitraum von September 2011 bis September 2017. Insgesamt gehe es um Angaben zu 3.548 Nutzerprofilen.

Einige von ihnen seien mit E-Mail-Adressen deutscher Anbieter angelegt worden, wovon manche zudem mit Konten auf »sozialen Netzwerken« wie Twitter, Facebook oder anderen Plattformen verknüpft gewesen seien. Dem Bericht von t-online.de vom Freitag zufolge sind aber »zum großen Teil« Konten über den Umweg von VPN-Servern eingerichtet worden, was die Verschleierung des eigenen Standortes ermöglicht.

Hinweise auf im Forum organisierte Neonazis aus der Bundesrepublik gebe es vorerst nicht. Doch hätte sich die rechtsterroristische US-Gruppe »Atomwaffen Division« (AWD) auf der Plattform zusammengefunden. Einen Ableger in der BRD haben deutsche Behörden bereits seit Juni 2018 im Visier. Man verfolge »die Aktivitäten dieser sogenannten ›Atomwaffen Division‹ sehr intensiv«, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am 4. November in Berlin.

Eine erste Auswertung der veröffentlichten Datensätze durch die Redaktion von t-online.de habe ergeben, dass auch mögliche Angehörige der Bundeswehr auf »Iron March« aktiv waren. Ein Nutzer habe sich beschwert, dass es in Deutschland »immer schwieriger« werde, »sich irgendwo wirklich einzubringen. Jede Sekunde kann es eine Razzia geben.« Dabei behauptete er, »Jahre in der Infanterie« verbracht zu haben und empfahl anderen Nutzern, »rauszugehen« und sich »Training« zu holen. Im Vergleich zum Großteil der Neonaziszene im deutschsprachigen Raum würden sich »Iron March«-Nutzer für eine Elite halten, sich mit der SS vergleichen. Andere Gruppierungen seien eher »primitive Banditen« wie die SA, so ein Nutzer.

Laut Guardian werde AWD in den Vereinigten Staaten mit mindestens vier Mordfällen, einem geplanten Terroranschlag und dem Angriff auf Nazigegner in Charlottesville (Virginia) von 2017 in Verbindung gebracht. Damals hatte ein Anhänger der faschistischen »Vanguard America«, die auch in dem Forum unterwegs war, am Aufmarsch von »Unite the Right« (»Vereint die Rechte«) teilgenommen und schließlich eine antirassistische Aktivistin mit seinem Pkw ermordet.

Weltweit vernetzen sich Faschisten mittels moderner Kommunikationsplattformen. Neben Foren nutzen sie dabei geschlossene Chatgruppen, kaum oder gar nicht regulierte Plattformen wie »vk.com« oder »8chan« sowie im sogenannten Darknet versteckte Internetseiten. Auf diesen Wegen rekrutieren die Gruppierungen neue Mitglieder und stacheln sich gegenseitig an, bis einige bereit sind, Anschläge zu begehen. Auf diese Weise soll sich auch der Attentäter von Halle »radikalisiert« haben, der zuvor nicht als Neonazi aufgefallen sei.

Die Seite »ironmarch.org« wurde von mindestens neun internationalen faschistischen Gruppen genutzt, wie die Nichtregierungsorganisation Southern Poverty Law Center am 15. Februar berichtete. Genannt werden die »Serbische Aktion«, die italienische »Casa Pound«, die griechische »Goldene Morgendämmerung«, die »Antipodean Resistance of Australia«, »Skydas« aus Litauen und das ukrainische Asow-Bataillon.

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