Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

»Vandam« dreht durch

Sinnlose Opfer einsamer Helden: Rückblick auf das 29. Festival des osteuropäischen Films in Cottbus
Von Bernd Müller
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»Mehr hat das Ganze nicht gebracht« – Szene aus »Nationalstraße«

Beim 29. Festival des osteuropäischen Films (FFC), das am Sonntag in Cottbus endete, ging der Hauptpreis in der Kategorie »Bester Film« an die bulgarische Produktion »Schwester« (»Sestra«). Drei Frauen schlagen sich in dem Spielfilm mit dem Töpfern neckischer Figuren durch, wobei es natürlich vor allem darauf ankommt, das Kunsthandwerk skrupellos zu verkaufen. Der Wettbewerb war geprägt von einer jüngeren Generation von Filmemachern. Fast alle seien nach dem Mauerfall sozialisiert worden, sagte FFC-Programmdirektor Bernd Buder gegenüber jW. Geprägt worden seien sie von Aufbruchshoffnungen, Wild-Ost-Kapitalismus und Überbleibsel einer autoritären politischen Kultur. Sie hätten mit Nostalgie nichts am Hut, seien skeptisch gegenüber Solidargemeinschaften, sei es die Familie oder das Vaterland. So stünden ihre Helden denn auch weitgehend allein im Kampf für Gerechtigkeit oder das, was sie dafür halten.

Den Spezialpreis für die beste Regie erhielt der slowakisch-tschechische Beitrag »Mit einem scharfen Messer« (»Ostrym nozom«, Regie: Teodor Kuhn). Erzählt wird die Geschichte eines Vaters, der den gewaltsamen Tod seines Sohnes aufklären will. Inspiration war ein bis heute unaufgeklärter Mord aus dem Jahr 2005. Vater und Sohn gehen nach einer Schulabschlussfeier in Unfrieden auseinander, am nächsten Morgen überbringt die Polizei den Eltern die Nachricht, dass ihr Sohn erstochen aufgefunden wurde. Die Täter sind schnell gefunden. Vier Neonazis wurden bei der Tat von einer Videokamera aufgenommen, doch das Gericht setzt sie wieder auf freien Fuß, weil die Kamera ohne die notwendige Lizenz betrieben wurde. Die »illegale« Filmaufzeichnung wird nicht als Beweis zugelassen, so verfügt die Richterin die Freilassung.

Der Vater will das nicht auf sich beruhen lassen. Er kämpft gegen ein allgemeines Desinteresse, stößt auf Verfahrensfehler und Korruption. Schließlich wendet er sich an die Öffentlichkeit. Als das zu nichts führt, verkauft er sein kleines Ladengeschäft und bietet das Geld demjenigen an, der wichtige Informationen zum Fall beisteuert. Am Ende kommt es tatsächlich zu einer Verurteilung, aber das Strafmaß fällt gering aus.

Von der Festivaljury nicht bedacht wurde die tschechische Romanverfilmung »Nationalstraße« (»Narodni trida«, Regie: Stepan Altrichter, nach dem gleichnamigen Roman von Jaroslav Rudis). Auch hier geht es um individualistischen Widerstand gegen strukturelle Gewalt, um sinnlose Opfer eines einsamen Helden. »Vandam« will in seiner Prager Plattenbausiedlung Ordnung schaffen. Wer abends achtlos Papier wegwirft oder an einen Baum pinkelt, muss mit dem Zorn dieses Schlägers rechnen. In einer Kneipe trifft er sich jeden Abend mit anderen aus dem Viertel, säuft und schmachtet die Frau hinter der Theke an. Dort erfährt er, dass die Kneipe verkauft und das Viertel umgestaltet werden soll. Der Plan des Bürgermeisters wäre womöglich noch zu vereiteln, doch dafür müssten innerhalb weniger Tage rund 40.000 Euro aufgetrieben werden. Vandam versucht es im Alleingang. Als sein wohlhabender Bruder ihm kein Geld geben will, stiehlt Vandam dessen teures Auto und verhökert es. Als er das Geld dem Immobilienspekulanten geben will, sind die Verträge aber schon gemacht. Vandam dreht durch, schlägt den Spekulanten zusammen und wird verhaftet. Mehr hat das ganze nicht gebracht.

Neben neuen Filmen konnte man in Cottbus auch einige Klassiker bestaunen. »Schönheit der Sünde« etwa wurde 1986 in Jugoslawien produziert und spielt in den Bergdörfern Montenegros. Eindrucksvoll ist in dieser Parabel das Nebeneinander von modernem Tourismus und archaischen Traditionen in Szene gesetzt. Zu Beginn kommt ein Mann nachts in sein Dorf geritten und erwischt die Frau mit einem anderen. Die Gesetze des Dorfes sehen vor, dass er sie tötet, und so gehen die beiden schließlich in die Berge, wo er ihr mit einem großen Holzhammer den Kopf einschlägt. Einige Zeit später heiratet die junge Jaglika. Der Bräutigam führt sie ins Schlafzimmer, legt ihr auf althergebrachte Weise ein Tuch über das Gesicht und nimmt sie. Liebe hat hier offenbar nichts mit Lust und Leidenschaft zu tun.

Irgendwann verlassen Jaglika und ihr Mann das Dorf und suchen an der Küste einen Paten auf, der ihnen Arbeit versprochen hat. Dieser soll Personal für einen Nudistenklub rekrutieren. Mit einigen Tricks gelingt es ihm, Jaglika zur Annahme des Jobs zu bewegen. Die allgegenwärtige Nacktheit in dem Urlaubsareal zu ertragen, fällt ihr nicht leicht. Aber sie gewöhnt sich daran. Als sie am Ende ihrem Mann gesteht, gesündigt zu haben, ist die Auflösung der dörflichen Traditionen weiter vorangeschritten. Es gibt nun andere Zwänge: die Freizügigkeiten des Liberalismus. Jaglikas Mann bringt es nicht übers Herz, ihren Kopf mit dem Holzhammer zu zerschmettern, sondern erschießt sich selbst.

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