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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 7 / Ausland
Putsch in Bolivien

Schock in Havanna

In Kuba sorgte die Nachricht vom Putsch in Bolivien für Entsetzen. Eindrücke aus einem Hotel der Hauptstadt
Von Volker Hermsdorf, Havanna
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Boliviens Präsident Evo Morales (vorne) und sein Stellvertreter Álvaro García Linera erklären am Sonntag in Cochabamba ihren Rücktritt

Das kleine staatliche Hotel »Colina« in Havanna liegt gegenüber der Universität der kubanischen Hauptstadt. In der Lobby checken am Sonntag nachmittag (Ortszeit) einige ausländische Studenten und Besucher wie üblich ihre E-Mails. Das Hotel wird derzeit zwar von Grund auf renoviert, doch die Terrasse und der Eingangsbereich sind geöffnet. Hotelangestellte bieten Kaffee und Erfrischungsgetränke zum Kauf an, und die Internetverbindung über das Netz der kubanischen Telefongesellschaft Etecsa ist hier schnell und zuverlässig. Auf einem Fernseher läuft der lateinamerikanische Sender Telesur.

Gegen 15.30 Uhr wird das laufende Programm plötzlich für eine Eilmeldung unterbrochen. Der Nachrichtensender meldet den Rücktritt des bolivianischen Präsidenten Evo Morales als Reaktion auf den von rechten Kräften organisierten Staatsstreich. Das kubanische Personal und einige Gäste drängen sich sofort um den Fernseher und verfolgen die von Telesur mehrfach wiederholte Rede des linken Staatschefs. Ein Angestellter informiert die zur Tür hereinkommenden neuen Gäste: »Putsch in Bolivien!«

Nach den ersten Minuten des Schocks, in denen niemand etwas sagt, schüttelt die hinter ihrem Tresen hervorgekommene Kellnerin ungläubig den Kopf. »Nach all dem, was dieser Mann in den letzten Jahren für sein Volk erreicht hat«, sagt sie. Als Morales in seiner Fernsehansprache die Gewaltexzesse rechter Oppositioneller anprangert, kommentiert der Fahrer eines vor der Tür parkenden Taxis: »Das gleiche Spiel wie in Venezuela und Nicaragua«.

Andere erinnern daran, dass Morales bei den Wahlen am 20. Oktober klar vor seinem rechten Herausforderer gelegen habe. Nun versuche die Rechte, ihre Niederlage in einen Sieg zu verwandeln: »Wenn sie bei Wahlen unterliegen, probieren sie es mit Gewalt«. Verständnis oder gar klammheimliche Freude für den Putsch in Bolivien kommt bei keinem der rund 20 Anwesenden in der Lobby des kleinen Hotels auf. Die Gesichter drücken Sorge aus. Nach Venezuela und Nicaragua versuchen konterrevolutionäre Gruppen nun mit Gewalt und Terror, das dritte progressiv regierte Land einer Region zu destabilisieren, die noch vor einigen Jahren von allen Repräsentanten der 33 Staaten Lateinamerikas und der Karibik zu einer »Zone des Friedens« erklärt worden war. Jeder hier weiß, dass das Ziel der rechten Offensive auf dem Kontinent die Beseitigung des sozialistischen Gesellschaftsmodells auf Kuba ist.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ursula Zierz, Dresden: Mit allen Mitteln Nicht erst seit Venezuela und Nicaragua werden rechte Putsche gegen diese linken Regierungen organisiert. Seit Beginn der Klassengesellschaften ist den Besitzenden großer Latifundien, der Banken und I...

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