Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 12.11.2019, Seite 5 / Inland
Another Blick on the Wall 9

Langweilige Veranstaltung

jW-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blicken zurück auf den November 1989
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jW-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter aus Ost und West erinnern sich an die Zeit rund um den 9. November 1989. Im neunten Teil der Serie blickt Arnold Schölzel, damals wissenschaftlicher Mitarbeiter der Humboldt-Universität Berlin, heute ständiger Autor der jungen Welt, zurück:

Ob meine Frau oder ich an diesem Donnerstag Sohn und Tochter aus dem östlichen der beiden Kindergärten auf der Fischerinsel geholt hatten, weiß ich nicht mehr. Aber das Abendbrot mit ihnen war schon vorüber, als ich nach 18 Uhr den Fernsehapparat einschaltete und mir die Direktübertragung der Pressekonferenz mit Günter Schabowski ansah. Bekannt war, dass eine neue Verordnung für die sogenannte ständige Ausreise aus der DDR vorgestellt werden sollte.

Die Veranstaltung verlief langweilig. Die, wie heute bekannt ist, bestellte Frage des Vertreters der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, Riccardo Ehrmann, kurz vor 19 Uhr war akustisch nicht zu verstehen, wohl aber Schabowskis Ankündigung, es gehe auch um Privatreisen mit Rückkehr in die DDR. Erst die Nachfrage des Bild-Reporters Peter Brinkmann, ab wann das gelte, und Schabowskis »sofort, unverzüglich« machten mich munter. Später war zu erfahren, dass Bild die Nachricht schon vorher hatte.

Meine Frau und ich wollten die Kinder nicht allein lassen und hatten außerdem keine Lust, am nahen Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße zu testen, was ARD, ZDF und SFB über die Grenzöffnung berichteten. Wir gingen relativ früh schlafen und brachten die Kinder am Freitag in den Kindergarten. Am Sonnabend, dem 11. November, fand dort der Herbstsubbotnik statt, d. h. Eltern beseitigten Laub und Äste auf dem Gelände. Wir waren im Vergleich zu früher nicht sehr viele, sahen allerdings auf der nächsten Brücke über den Spreekanal das Ende einer Menschenschlange, die offensichtlich vom mehr als einen Kilometer entfernten Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße bis auf die Fischerinsel reichte – also Tausende. Die Bewegung »Völker, leert die Regale« (so der Westberliner Kabarettist Martin Buchholz) hatte begonnen. Als es nach zwei Wochen ohne Anstehen möglich war, besuchten wir mit den Kindern meine Schwester, die seit Oktober Studentin in Westberlin war, in Neukölln. Sie war von unserem Besuch – Telefon hatte sie nicht – völlig überrascht. So richtig ernst hatte sie den 9. November und die Invasion nicht genommen.

Das Kindergartengebäude existiert noch, der Kindergarten nicht. 2010 mussten meine Frau und ich nach 27 Jahren aus unserer Wohnung ausziehen: Die Erbengemeinschaft, die bald nach dem Anschluss Anspruch auf das Haus erhoben hatte, konnte ihre »Rückgabe«-Forderung in der Wirtschaftskrise endlich versilbern. Die Flucht ins Ostberliner »Betongold« hatte eingesetzt.

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