Schwarzer Kanal
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Rote Kapelle

Von Helmut Höge
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Die Gestapo fasste ihre Ermittlungen über ein Netzwerk von Regimegegnern unter dem Namen »Rote Kapelle« zusammen. Ich selbst lernte einiges über die »Rote Kapelle«, als die Treuhandanstalt 1996 ihr »märkisches Sorgenkind« – ein Rittergut samt den dazugehörigen Bewohnern des Dorfes Liebenberg – zum Verkauf anbot. Weil das Schloss mit Kapelle, Post, Sägewerk und Gutshof aber nie ein Rittergut war und man nicht einfach irgendwelche Dorfbewohner verkaufen darf, organisierte die Treuhand einen Shuttle-Service und Catering, um die aufgebrachten Journalisten vor Ort zu verköstigen und zu besänftigen.

Im Schloss war die 1913 in Paris geborene Dichterin Libertas Haas-Heye aufgewachsen, es gehörte den Eulenburgs, Libertas’ Mutter war das jüngste von acht Kindern des preußischen Diplomaten Philipp zu Eulenburg. 1936 heiratete die Dichterin in der Schlosskapelle den Publizisten Harro Schulze-Boysen.

Ihr Widerstand gegen das Hitlerregime wird heute mit einer Sonderausstellung über die »Rote Kapelle« gewürdigt. Das Schloss beherbergt derzeit ein Hotel. Den Gutshof, der zuletzt ein Staatsgestüt war, bewirtschaftet die »Agrar GmbH Bergsdorf« des Dorfes Liebenberg.

Zum Schloss gehört ein Seeschloss. Im Kaminzimmer veranstaltete der Fürst zu Eulenburg einst »Ritterspiele« mit Kaiser Wilhelm II. Nach Öffentlichmachung durch den Journalisten Maximilian Harden wurde daraus einer der größten Skandale des deutschen Kaiserreichs. Betroffen waren laut Wikipedia »prominente Mitglieder des Kabinetts in den Jahren 1907 bis 1909«. Ihr homoerotischer Zirkel um den Kaiser wurde »Liebenberger Kreis« genannt.

Die Deutsche Kreditbank (DKB) erwarb das Seeschlösschen: Die bayerischen Banker ließen alles gründlich renovieren und hängten über 100 Geweihe in der Eingangshalle ab. Auf fast allen stand »Erlegt: Alfred Neumann« – ein zusammen mit Walter Ulbricht in Ungnade gefallenes Mitglied des Politbüros des ZK der SED, ehemaliger Spanienkämpfer, der sich dorthin gern zurückgezogen und das SED-Gästehaus quasi besetzt hatte. Ähnlich war es dann mit dem »One Dollar Man«, den die Treuhand als Verwalter einsetzte: Er krallte sich in das Seeschlösschen, und als man ihn endlich rausgeklagt hatte, fehlten Gemälde. Die bayrischen Banker, die daraus dann ein Hotel mit Partypavillon am Seeufer machten, hatten nicht gedacht, dass die Vergangenheit des Ortes diesen bis heute prägt – insofern das Seeschlösschen-Hotel nach der Eröffnung zu einem Hide-Away für Berliner Schwule wurde.

Im dazugehörigen Kutscherhaus hatte sich nach der »Wende« ein westdeutscher Hubschraubertestpilot im Ruhestand, Baron von Engelhardt, Neffe der Widerstandskämpferin Libertas, mit seiner Frau eingemietet. Ihm ging es um seine Erinnerungen. Einmal, berichtete er dem Rundfunk, habe Hermann Göring ihn auf seinen Schoß gezerrt und er, der damals Siebenjährige, habe dem Reichsmarschall eine runtergehauen. Auch Libertas wurde mehrmals auf den Schoß des Reichsjägermeisters gesetzt.

Für kurze Zeit trat sie der NSDAP bei, ab 1942 sammelte sich jedoch heimlich und gemeinsam mit dem Schriftsteller Alexander Spoerl in der Kulturfilmzentrale Bildmaterial über Gewaltverbrechen an der Ostfront. Diese Informationen wurden zum Ausgangspunkt für ein Flugblatt. Nach der Entschlüsselung geheimer Funksprüche des Nachrichtendienstes der Roten Armee konnte die Gestapo sie und ihren Mann verhaften.

Eine »Rote Kapelle« gab es bis 1979 – bis zum Tod von Reinhard Gehlen. Der BND-Gründer und -Chef glaubte fest an ihre Weiterexistenz nach ihrer Zerschlagung und steckte mit seiner Paranoia auch seine Umgebung im Nachrichtendienst an. So gab eine seiner Mitarbeiterinnen, Rosemarie Beyer, im Rang einer Oberregierungsrätin, Ende 1967 im Bundespräsidialamt zu Protokoll, dass in der Führungsspitze des BND eine »Rote Kapelle« existiere, die nun den Dienst ihrerseits systematisch zerschlage. Noch heute widmet der BND sich in seinem neuen Domizil in der Berliner Chausseestraße am liebsten »den Russen«, allerdings ist nach 1989 noch »Rauschgift« dazu gekommen.

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