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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Ans rettende Ufer

Das Österreichische Filmmuseum in Wien zeigt Partisanenfilme
Von Christian Kaserer
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Ungewöhnlich hohes Budget, erschreckend realistische Aufnahmen: »Die Schlacht an der Neretva« (1968) von Veljko Bulajic

Alljährlich widmet sich das Österreichische Filmmuseum in Wien anlässlich der Viennale einer Retrospektive. Dieses Mal steht die Rückschau im Zeichen des »paneuropäischen Partisanenfilms«. 48 Filme aus 20 Produktionsländern werden im Rahmen von »O Partigiano!« gezeigt. Ihnen gemein und für’s Genre insgesamt kennzeichnend ist der aus der Bevölkerung kommende Widerstand gegen den Faschismus als zentrales Element der Handlung.

Erste Partisanenfilme entstanden während des Zweiten Weltkriegs, etwa Roberto Rossellinis berühmtes Werk »Rom, offene Stadt«. Im September 1945 erstmals uraufgeführt, fingen die Dreharbeiten bereits 1944 an, zwei Monate nachdem die deutsche Wehrmacht Rom geräumt hatte. Rosselinis Film handelt vom gemeinsamen Kampf der Kommunisten, Sozialisten, Monarchisten und des Klerus gegen die Naziarmee, welche, nachdem Italien 1943 die Fronten gewechselt hatte, Rom besetzte. Die Widerstandskämpfer, verantwortlich für tödliche Anschläge auf die Besatzer, werden allerdings verraten, und einen von Ihnen, den Ingenieur Giorgio, foltert man zu Tode, während Priester Don Pietro von einem Deutschen erschossen wird, nachdem das italienische Erschießungskommando ihn verfehlte.

Nicht nur die Partisanen, auch die Deutschen werden in »Rom, offene Stadt« erfreulich differenziert dargestellt, die Bandbreite reicht von fanatischen Kommandeuren bis zu ernüchterten Offizieren. Rosselinis Werk gilt heute nicht nur als hervorragender Partisanenfilm, sondern auch als Meisterwerk des italienischen Neorealismus; selbstredend ist er Teil der Retrospektive. Wie auch »Das blaue Kreuz« (1955) des polnischen Regisseurs Andrzej Munk oder »Ein Mann zuviel« (1967) seines griechischen Kollegen Costa-Gavras. An großen Namen mangelt es also nicht.

Gefragt war der Partisanenfilm bis in die frühen 60er Jahre, ehe das Genre in den 80ern nahezu vollständig verschwand. In puncto Popularität und filmhistorischer Relevanz wurden bisweilen Parallelen zum US-amerikanischen Western gezogen. Die Werke dieser Zeit waren nicht allein nationale, die jeweilige Geschichte reflektierende Produktionen, sondern mitunter auch von internationaler Zusammenarbeit geprägt. So etwa der jugoslawische Film »Die Schlacht an der Neretva« (1968) von Veljko Bulajic. Er handelt von der legendären Schlacht am Fluss Neretva 1943, als eine faschistische Armee aus Deutschen, Italienern, jugoslawischen Tschetniks und kroatischen Ustascha-Verbänden die jugoslawischen Partisanen unter Führung Titos vernichten wollte. Mit Hilfe eines trickreichen Manövers gelang den Partisanen die Flucht über den Fluss. Das Budget des beinahe dreistündigen Monumentalfilms zählt zu den höchsten des Genres, es wurde von Tito persönlich genehmigt, der aufgrund guter internationaler Kontakte auch bewirken konnte, dass bekannte Schauspieler wie Sergej Bondartschuk, Yul Brynner, Franco Nero und Orson Welles Rollen übernahmen. Pablo Picasso erklärte sich bereit, eines der Filmposter zu entwerfen, als Gegenleistung wollte er eine Kiste jugoslawischen Weins.

Aber nicht nur die teils auch heute noch bekannten Partisanenfilme zeigt das Filmmuseum in seiner Retrospektive, sondern auch unbekannte. Oder so gut wie vergessene Werke, darunter »Ein guter Junge« des sowjetischen Regisseurs Boris Barnet. Seine 1942 mit Genehmigung Stalins entstandene Musicalkomödie handelt von einem französischen Piloten, der sich den Partisanen anschließt, die ihn gerettet haben.

Der Mix aus bekannten und fast vergessenen Werken aus vielen Teilen Europas macht den besonderen Reiz der Retrospektive aus. Ergänzt wird sie durch einen hilfreichen englischsprachigen Katalog.

»O Partigiano! Paneuropäischer Partisanenfilm« – Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum, Augustinerstraße 1, Wien, bis 4. Dezember, www.filmmuseum.at

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