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Aus: Ausgabe vom 11.11.2019, Seite 8 / Ansichten

Götzenverehrer des Tages: Reagan-Fans

Von Michael Merz
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Enthüllung der Reagan-Statue auf der Dachterrasse der Berliner US-Botschaft mit dem Herrn des Hauses, Richard Grenell, Außenminister Mike Pompeo und Reagan-Stiftung-Chef Fred Ryan (v. r. n. l.)

Seit Freitag abend steht eine Ronald-Reagan-Statue auf der Ronald-Reagan-Terrasse der US-Botschaft neben dem Brandenburger Tor. Glücklicherweise bleibt dieser Anblick Normalsterblichen erspart. Bild schäumte vor Wut über den »rot-rot-grünen« Berliner Senat – »Beton in den Köpfen« –, der mit diesem Machwerk keinen öffentlichen Platz verschandeln wollte. Wenn es nach dem Kampfblatt gegangen wäre, hätte wohl sogar die Quadriga Platz machen müssen für das Bronzemonster. Es wird das Geheimnis Richard Grenells bleiben, wofür er, als offen schwul lebender Abgesandter Trumps in Berlin, eine derartige Verehrung des Homohassers Ronald Reagan, für den AIDS die »Rache der Natur an Schwulen« war, an den Tag legt.

Die Verdrängung und Verdrehung historischer Tatsachen wirkt. Rechte in den USA malen den größten kalten Krieger seit geraumer Zeit in den schillerndsten Farben. Jetzt auch in Berlin, da lohnt ein Blick zurück. Reagans harmlosestes Verbrechen waren seine schlechten Cowboyfilme. Geschenkt. Doch schon damals verpfiff er, dem die Sowjetunion das »Reich des Bösen« war, als FBI-Spitzel seine Kollegen an die Kommunistenhasser rund um J. Edgar Hoover. Als Gouverneur von Kalifornien ließ Reagan 1969 Studentenproteste blutig niederschlagen, sein Wahlkampf war zuvor geprägt von intensiver Pflege rassistischer Ressentiments. In seiner Präsidentschaft schlitterte die Welt nicht nur einmal an den Abgrund des Atomkrieges. Dabei war er immer zum Scherzen aufgelegt und sagte Sätze ins Mikro wie diesen, gerichtet an Moskau: »We begin bombing in five minutes«. Zehntausende Menschen wurden mit Reagans Hilfe in El Salvador, Nicaragua und, nach der Invasion von US-Truppen, auf Grenada ermordet. Wie viele Opfer Reagans Politik genau forderte, wird nie gezählt werden. Wie war das noch mal mit dem »Beton im Kopf«?

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