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Aus: Ausgabe vom 25.11.2019, Seite 12 / Thema
Sozialistische Wirklichkeit

Fortschritt und Perspektive

Die geistesgeschichtlichen Grundlagen der DDR
Von Detlef Kannapin
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Ihr Erbe war in der DDR gut aufgehoben. Der angestrebte staatsbürgerliche Humanismus sollte alle progressiven Elemente der bürgerlichen Kultur in den sozialistischen Kanon aufnehmen (Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar, Aufnahme vom November 1989)

Am 13. Oktober 1949 schickte der Generalsekretär des ZK der KPdSU, Josef W. Stalin, an die Regierung der gerade gegründeten DDR ein Telegramm: »Die Gründung der Deutschen Demokratischen friedliebenden Republik ist ein Wendepunkt in der Geschichte Europas. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Existenz eines friedliebenden demokratischen Deutschland neben dem Bestehen der friedliebenden Sowjetunion die Möglichkeit neuer Kriege in Europa ausschließt, dem Blutvergießen in Europa ein Ende macht und die Knechtung der europäischen Länder durch die Weltimperialisten unmöglich macht.« Auch wenn es heute noch bedeutend zu früh ist, eine fundierte historische Einschätzung der DDR zu liefern, so lässt sich doch bereits aufzeigen, in welche Richtung sich eine präzise geschichtliche Einordnung der DDR aus emanzipatorischer Sicht entwickeln wird. Doch immerhin sollte bereits gegenwärtig klar sein, dass ihre Gründung entgegen allen Behauptungen von »totalitärer Diktatur« der Wendepunkt war, von dem Stalin damals gesprochen hat.

Zum Kernpunkt der DDR gehört ihre Fixierung auf Fortschritt und Perspektive, wozu entsprechende geistesgeschichtliche Grundlagen gehören. Der Begriff »geistesgeschichtlich« bezieht sich hierbei direkt und mit vollem Wissen auf Carl Schmitt, dessen Abhandlung über »die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus« von 1923 auch methodisch und inhaltlich Modellcharakter hat. Schmitts Kritik am Zustand des Parlamentarismus deckte sich in dieser Schrift oft mit derjenigen Lenins, sein rechtssoziologischer Totalitarismus war noch nicht faschistisch, und geistesgeschichtliche Traditionslinien im Sinne von Ideengeschichte aufzudecken, sollte Gegenstand jeglicher historischer Interpretation sein. Schmitt stellte ja u. a. richtig fest, dass im wissenschaftlichen Sozialismus das »Bewusstsein zum Kriterium des Fortschrittes« wird;¹ und das ist eine Erkenntnis, hinter der Wohl und Wehe jeder sozialistischen Gesellschaftsordnung verborgen liegen, selbst wenn sie von der politischen Gegenseite formuliert wird.

Marx, Engels, Lenin

Das geistige Fundament der DDR waren natürlich die Werke von Marx, Engels und Lenin. Allerdings hätte ihre Bedeutung mit fortschreitender Dauer der DDR eigentlich abnehmen müssen, proportional zur verbesserten Entwicklung des Sozialismus im Lande. Marx und Engels als philosophisch relevante Stichwortgeber, Lenin als Ausgangspunkt eigenen politischen Handelns, um von hier aus eine originäre sozialistische Theorie und Praxis zu erarbeiten – das wäre adäquater Ausdruck des notwendigen Bewusstseinsstandes gewesen. Im weiteren Verlauf kamen in der frühen DDR die Schriften Stalins, in der mittleren die von Ulbricht hinzu, aber spätestens ab Mitte der 1970er Jahre versäumte man es, die Bewusstseinsbildung politisch, ideologisch, kulturell und theoretisch wirkungsvoll den neuen Herausforderungen der sozialistischen Gesellschaftsorganisation anzupassen. Offensive Verfechter des Sozialismus in der DDR wie Peter Hacks, Wolfgang Harich, Werner Lamberz oder Konrad Wolf gerieten erst in die Minderheit und dann in die Isolation oder starben zu früh, wohingegen die Mehrheit der geistigen Führungskader von Kurt Masur bis Heiner Müller eher gelangweilt bis gleichgültig auf das Phänomen DDR herabzublicken begann.

Wenn also von den geistesgeschichtlichen Grundlagen der DDR die Rede ist, dann geht es um Antifaschismus, staatsbürgerlichen Humanismus und sozialistisches Bewusstsein. Und darum, dass die Anerkennung sogenannter Lebensleistungen nicht ohne deren institutionellen und ideellen Hintergrund (die staatliche Verfasstheit der DDR) zu begreifen ist.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Totalverheerung Europas durch den deutschen Imperialismus 1945 kam der Antifaschismus wie von selbst auf die Tagesordnung. Die Mehrheit der Deutschen allerdings war eher sauer darüber, dass sie den Krieg verloren, und die Täter darüber, dass sie gemordet und am Ende nichts dafür bekommen hatten.2 Daher musste die Verordnung des Antifaschismus durch die Alliierten für das übriggebliebene Deutschland als Sofortprogramm in Angriff genommen werden. Dies war die einzige Chance auf eine absehbare Rückkehr Deutschlands in die zivilisierte Staatengemeinschaft.

In der Sowjetischen Besatzungszone legte die antifaschistisch-demokratische Periode bis 1949 mit den Maßnahmen zur Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher, der Bodenreform, der Teilvergesellschaftung der Hauptindustriezweige sowie der Säuberung des Staatsapparates und der öffentlichen Verwaltung den Grundstein für die Verhinderung eines öffentlichen Wiederauflebens des Faschismus. Dem folgte nach Gründung der DDR die Erhebung des Antifaschismus in den Verfassungsrang, was alle drei DDR-Verfassungen, die von 1949 (Art. 6), die von 1968 (Art. 6, Abs. 5) und die von 1974 (Präambel und Art. 6, Abs. 5) berücksichtigten. Gleichzeitig wurden öffentliche faschistische Bekenntnisse als Straftaten betrachtet und entsprechend geahndet. Zwar war damit noch nicht garantiert, dass sich faschistische Einstellungen und Überzeugungen nicht doch länger im Alltagsleben halten konnten – ihre öffentliche Artikulation war aber unmöglich und damit auch die Formierung zu politisch eingriffsbereiten Gruppierungen oder gar Parteien. Allein die Existenz der DDR hat über vier Jahrzehnte lang dafür gesorgt, dass Revanchismus und Grenzrevisionsansprüche (durch Vertriebenenverbände), Chauvinismus und Imperialismus (durch reaktionäre Klassenfraktionen) keine Politikfähigkeit erhielten.

Antifaschismus als Gradmesser

Eine der kulturellen Hauptleistungen der DDR bestand darin, den Antifaschismus als bewusstseinspolitischen Gradmesser in die Staatsräson eingeführt zu haben. Das betraf nicht nur offizielle Anlässe oder außenpolitische Bekundungen, sondern über eine intensive Gedenkstätten-, Museums-, Schul- und Kunstpolitik nahezu alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Selbst wer völlig distanziert oder desinteressiert den Belangen des Sozialismus in der DDR gegenüberstand, kam über den Lehrplan der Klassen 9 und 10 des polytechnischen Schulunterrichts in Geschichte oder Staatsbürgerkunde in jedem Fall mit antifaschistischem Bildungsgut in Kontakt, von der Vielzahl an Werken der Literatur, Fachwissenschaft, bildenden Kunst und nicht zuletzt Film und Fernsehen ganz zu schweigen. Dort wurde immer auch thematisiert, dass es Mitläufer gab, zum Teil Unbelehrbare, Missmutige oder solche, die dem Sozialismus ablehnend gegenüberstanden. Die Integrationsmaßnahmen der DDR zur Einbindung der früheren Anhänger des Faschismus mochten nicht überall von der Überzeugung begleitet gewesen sein, nun lupenreine Sozialisten erzeugt zu haben, aber für ein gesellschaftlich bedeutungsvolles Niederhalten faschistischer Ideen und Ressentiments waren sie von nicht zu unterschätzender Tragweite.

Zu diesem Zweck war es unbedingt erforderlich, einen mentalen »Austritt« aus der bisherigen deutschen Geschichte zu vollziehen und sich auf einen dezidiert antifaschistischen Standpunkt zu stellen, der auch die durchaus problematische Hinwendung zu den »Siegern der Geschichte« intendierte. An einem gewissen Punkt reichte es nicht mehr, nur »mea culpa« zu rufen und ansonsten die Opfer Opfer sein zu lassen. Hier bestand in der DDR die Aufforderung, mit Einsicht in die Notwendigkeit darauf zu beharren, dass die Konstitution der sozialistischen Gesellschaft und die Mitwirkung aller Bevölkerungsgruppen dafür sorgen sollten, den Faschismus ein für allemal als politische Option auszuschließen. Als sich in den 1980er Jahren über die Jugendkultur verstärkt Tendenzen des Neofaschismus auch in der DDR bemerkbar machten, wurde ihre Kriminalisierung nicht mit der Anstrengung verstärkter und den nachfolgenden Generationen angemessener neuer Aufklärungsarbeit verbunden, sondern sich auf dem Erreichten ausgeruht. Eine neue Generation stellte bekanntlich andere Fragen an die Geschichte, sie zuzulassen wurde größtenteils versäumt. Ihre substantielle Beantwortung unter sozialistischen Vorzeichen wäre sicher durchaus möglich gewesen, wenn die DDR länger Bestand gehabt hätte.

Schon mit den Revolutionsfeiern 1948 und im Goethe-Jahr 1949 machte die aufstrebende sozialistische Ordnung deutlich, dass für sie die kulturelle Hebung des Gesamtniveaus in der Gesellschaft essentieller Bestandteil der kommenden Umgestaltung war. Darin folgte die DDR dem Paradigma Lenins, der für den Erfolg der russischen Revolution die Kulturfrage als wesentlich ansah. Zum einen ging es darum, Bildung für alle zu organisieren, die alten bürgerlichen Bildungsprivilegien zu beseitigen und später die Herausforderungen der wissenschaftlich-technischen Revolution zu bewältigen. Dass dies bis Anfang/Mitte der 1970er Jahre, immer unter Klassenkampfbedingungen wohlgemerkt, soweit funktionierte, dass Produktion, Arbeitskräftequalifikation und Lebensstandard internationalen Ansprüchen mehr als genügten, hatte seine entscheidende Ursache in der Bildungsrevolution unter Walter Ulbricht, was selbst von wenig berufener oder freundlicher Seite zwischenzeitlich anerkannt werden musste.3

Bürgerliches Erbe

Zum anderen sollte ein staatsbürgerlicher Humanismus etabliert werden, der alle progressiven Elemente der bürgerlichen Kultur in den sozialistischen Kanon mit aufnahm. Dies umfasste die literarische Klassik ebenso wie die klassische Musik, den Aufbau von Kulturhäusern und Bibliotheken, die Pflege historischer Bauten und die Weiterentwicklung geistiger Strömungen aus sämtlichen fortschrittlichen Traditionen der deutschen und internationalen Geistesgeschichte. Dass dabei vieles auch sehr umstritten war (Hegel, Formalismus, Kleist, Moderne, Avantgarde etc.) und zu oft politisch restriktiv gehandhabt wurde, änderte an der Grundrichtung wenig: Jede Bürgerin und jeder Bürger der DDR sollte gleichermaßen die Möglichkeit erhalten, sich die ganze Bandbreite der Kultur erschließen zu können. Man fluchte vielleicht über den kollektiven Ausflug der Brigade ins Theater zu Schillers »Kabale und Liebe«, aber war man erst einmal da, dann bekam man die große Kunst auch mit und freute sich. Grundsatz wurde, dass proletarische Kultur von Kultur und nicht unmittelbar von Proletariat kommt. Zwischen 1954 und 1958 leitete der Dichter Johannes R. Becher das neugeschaffene Ministerium für Kultur der DDR und plädierte in seiner Doppeleigenschaft als Schriftsteller und Funktionär für die Vervollkommnung des poetischen Prinzips während der Aneignung einer neuen Lebensweise, die nicht auf der Zerstörung des bürgerlichen Erbes, sondern auf dessen produktiver Verarbeitung beruhen sollte und darüber hinaus die neu gewonnene Staatlichkeit der Werktätigen als deutliche Manifestation ihres eigenen Wirkens begriff.4 Fortschritt und Perspektive wurden nicht einfach nur proklamiert, sondern erschienen infolge der spürbaren Lebensveränderungen auch als lohnenswert. Andere DDR-Kulturpolitiker wie Alexander Abusch, Alfred Kurella, Hans Bentzien oder Klaus Gysi argumentierten ähnlich – bis hin zu einem sozialistischen Humanismusdiskurs, der die Potentiale des ganzheitlich gebildeten Menschen auslotete.5 Freilich sahen viele Künstler die ambivalente Position der Kulturpolitiker zwischen Aufsichtspflicht und Förderung der Kreativität meist nicht und vermuteten auch da Zensur und Verbot (die zu oft vorkamen), wo in der Regel der jeweilige Status des Sozialismus anhand der Werke zur Debatte stand.

Weitaus weniger souverän ging die DDR mit den Einflüssen der westlichen populären Kultur um, die zunächst vom Kino, später vom Fernsehen und letztlich von der Popmusik auf das sozialistische Gemeinwesen ausgingen. Zweifellos lagen die kapitalistischen Medien- und Ideen­arrangeure letztendlich mit der These richtig, dass die Produkte ihrer professionellen Kultur- und Bewusstseinsindustrie einen wesentlichen Beitrag zur Legitimationsunterhöhlung des Sozialismus leisteten. Hier hätte eine realistische Einschätzung der Akzeptanz solcher Kulturformen auch im Sozialismus eine praktische Verbindung bzw. Vermittlung mit den erreichten Kulturleistungen erfordert, was aber nur sehr zögerlich und eigentlich zu spät geschah.

Zum 20. Jahrestag der DDR veröffentlichte die Redaktion der Deutschen Zeitschrift für Philosophie 1969 ein Sonderheft mit dem Titel »Philosophie und Sozialismus«. Darin hieß es in der Einleitung: »Das sozialistische Bewusstsein, das geistige Leben überhaupt, wird zur wichtigsten Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung.«6 Hier wurde eine hochwichtige Einsicht gelassen ausgesprochen. Denn nach Abschluss des Aufbaus der Grundlagen des Sozialismus mit der Entstehung der Grundstoffindustrie und der Kollektivierung der Landwirtschaft bestand die entscheidende Aufgabe ab Mitte der 1960er Jahre darin, die gesellschaftliche Ausdifferenzierung und Spezialisierung für die Herausbildung und Verstetigung einer neuen Lebensweise auf Basis sozialistischer Einstellungen und Verhaltensweisen zu nutzen. Frida Hockaufs Leitsatz von 1953: »So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben«, musste um einem neuen Leitsatz ergänzt werden: »So wie wir heute leben, werden wir morgen Verantwortung dafür tragen.« Eigenverantwortlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung verlangten eine komplizierte Synthese aus Lenins sprichwörtlicher Köchin, die den Staat leiten kann, den Sorgen einfacher Arbeitskollektive um den Schutz der gemeinschaftlichen Güter, ohne davon persönlich einen Vorteil zu erhoffen, und der gesellschaftlichen Teilhabe am Regierungshandeln, wovon die Verfassungsdiskussion 1968 das sicherlich prägnanteste gelungene Beispiel war. Die verstärkte Rolle des subjektiven Faktors in der Gesellschaft, die Umsetzung des sozialistischen Realismus als bewusstseinsförderndes Gesamtorganisationsprinzip (nicht als ästhetischer Stil allein) sowie die anstehende Flexibilisierung staatlicher Entscheidungsstrukturen mischten sich zu einer komplexen Aufgabenstellung, die die Mitarbeit aller sozialen Klassen, Gruppen und Schichten erforderte.

Durchgekommen

Bis weit in die 1970er Jahre konnte von dieser Mitarbeit noch gezehrt werden, obwohl aus wenig nachvollziehbaren Gründen die Parteiführung unter Erich Honecker die Intensivierung bewusstseinsbildender Tätigkeiten vernachlässigte. Die geistigen Grundlagen der DDR, sinnfällig gemacht im »historisch-materialistischen Begreifen des gesellschaftlichen Fortschritts«,7 um den Individuen ein entsprechendes Ziel und die perspektivische Hoffnung auf Erreichen dieses Ziels (lebendige Gestaltung des eigenen Gemeinwesens frei von sozialen Zwängen der Selbsterhaltung) anzubieten, wurden nach und nach als selbstverständlich angesehen, ohne sich die Gefahr zu vergegenwärtigen, dass auch nichtantagonistische innere Widersprüche im Sozialismus erneut zu Widersprüchen unter Einflussnahme und Lenkung der bürgerlichen Gesellschaft werden könnten. Anhand des Defa-Spielfilms »Die besten Jahre« (1965, Regie: Günther Rücker) über den gesellschaftspolitischen Aufstieg des Neulehrers Ernst Machner (Horst Drinda) illus­trierte der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase in eindeutigen Worten, worum es bei der Pflege des Sozialismus durch ihre Erbauer und Nutznießer eigentlich gegangen ist – ums Ganze: »Wie ist er durchgekommen? Nicht mit Glanz und Gloria. Nicht mit dem fertigen Plan der Zukunft in der Tasche. Mit Schweiß. Mit Pervitin-Tabletten. Mit sehr langsam wachsendem Selbstvertrauen. Mit einem Herzknacks. Aber dennoch: Machner, der einmal nichts wollte als sich satt essen und Tuche weben und der, als er kaum Lehrer war, schon eine Schule leiten musste und den man, als er sich an die Dorfschule gerade gewöhnt hatte, als Rektor in ein Gymnasium schickte, der die Bücher einen Tag vor seinen Schülern las und der von Französisch nichts verstand und Englisch falsch aussprach und der nun auf das Ministerium losmarschiert und schon weiß, dass die gerade fertigen Lehrpläne schon morgen nicht ausreichen werden, Machner ist durchgekommen. Und indem darüber berichtet wird, erfahren wir etwas von dem offenen Geheimnis, warum wir alle durchgekommen sind, und mit uns dieses nüchterne und phantastische Unternehmen DDR.«8

Zu den größten Mythen der jüngeren Zeitgeschichte gehört die Legende, dass die Selbstabschaffung des Sozialismus 1989/90 durch Demonstrationen einer orientierungslosen Opposition und die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze durch den holprigen Zettelvortrag eines mediokren Parteibürokraten hervorgerufen worden sein soll. Ganz im Gegensatz dazu konnte der Zusammenbruch eines ganzen Weltsystems, das weder militärisch noch politisch, noch sozial besiegbar war (selbst ökonomisch hätte es für ein Weiterleben durchaus gereicht), nicht ohne Initiative und Vorleistung der dort herrschenden Klassen und Gruppierungen geschehen. Die Frage, warum die kommunistischen Parteien des Ostens die Arbeit am kommunistischen Projekt eingestellt und statt dessen den Kapitalismus restituiert haben, ist nur, wie der Kunstphilosoph Boris Groys betont hat, im Kontext der materialistischen Dialektik zu beantworten.9 Zu einem gewissen Zeitpunkt, der mangels Quellenabsicherung weiterhin schwer zu datieren ist, vermutlich aber in die Stagnationsphase der Breschnew-Ära (1964–1982) fällt, weil ab da die Entscheidungen der KPdSU widersprüchlich und international fragwürdig werden, scheint es für die Parteibürokratie attraktiver gewesen zu sein, statt die Bewusstseinsentwicklung voranzutreiben, ihren Frieden mit dem Weltkapital zu machen. Von da an mutierten viele Parteiverantwortliche zu Marktgläubigen, und nichts drückte die Defizite der bewusstseinsmäßigen Schulung der letzten DDR-Jahre besser aus als der Satz des stellvertretenden Kommandeurs für Politische Arbeit der Artillerieabteilung 3 des NVA-Regimentes 5, als er bei seinem SED-Austritt im Oktober 1989 ausrief: »Jetzt nützt mir die Partei nichts mehr.«

Frei zur Wiederholung

Die Entscheidung über die Selbstabschaffung des Sozialismus hat nicht nur Gründe, die in der Weltmarktunterwerfung und der technologischen Niederhaltung der sozialistischen Staaten zu suchen sind, sondern sie führt auch zu dem paradoxen Resultat, dass UdSSR, DDR und andere Länder des Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe nicht aus systemischen Gründen gescheitert sind. Der anfangs betonte Wendepunkt in der Geschichte Europas ist ja nicht dadurch aufgehoben, dass der Staat namens DDR nicht mehr existiert, sondern er lebt geistesgeschichtlich fort, weil das Gründungsereignis als solches überhaupt stattgefunden hat. Hinzu kommt, dass die antiutopische Gestalt des Sozialismus als Handlungsmotivation seine ureigenen Ansprüche, Fortschritt zu gewähren und seine Perspektive wirklich einzulösen, für eine gewisse Zeit auszufüllen vermochte. Damit erbrachte er im wahrsten Sinne des Wortes den handgreiflichen Beweis dafür, dass die Beseitigung des Kapitalismus möglich und notwendig ist. Von dieser Warte aus gesehen, gilt lediglich die erste Etappe der sozialistischen Gesellschaftsentwicklung als vollendet, die kommunistische Perspektive hat ihre historische Form gewonnen und damit ihre »irdische Inkarnation«, die »somit zu einer Wiederholung freigestellt« ist.10 Die positive Erinnerung an die geistesgeschichtlichen Grundlagen des »nüchternen und phantastischen Unternehmens DDR« kann dabei helfen, die zukünftige Solidargemeinschaft der Gleichen und Freien verbessert vorzubereiten.

Anmerkungen

1 Carl Schmitt: Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus (1923), Berlin 2017, S. 75

Vgl. Georg Seeßlen: Natural Born Nazis. Faschismus in der populären Kultur. Band 2, Berlin 1996, S. 113

Vgl. z. B. Ernst Richert: Die DDR-Elite oder Unsere Partner von morgen?, Reinbek bei Hamburg 1968, S. 21 f.

4 Vgl. Johannes R. Becher: Über Literatur und Kunst, Berlin 1962, S. 23–25, S.430 f.

5 Vgl. dazu (wenn auch mit abwertendem Unterton) Horst Groschopp: Der ganze Mensch. Die DDR und der Humanismus. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte, Marburg 2013, S. 338–460

6 Zum 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Sonderheft 1969: Philosophie und Sozialismus, S. 8

7 Vgl. Georg Mende/Rudolf Gehrke: Die geistigen Grundlagen der Deutschen Demokratischen Republik, in: Ebenda, S. 16

8 Wolfgang Kohlhaase: »Die besten Jahre«, in: Filmwissenschaftliche Mitteilungen 1/1966, S. 214. Der Film ist seit Juli 2019 als DVD erhältlich: https://alive-ag.de/gesamtkatalog/16810/die-besten-jahre-defa-filmjuwelen

9 Boris Groys: Das kommunistische Postskriptum, Frankfurt am Main 2006, S. 80

10 Ebenda, S. 96

Detlef Kannapin schrieb an dieser Stelle zuletzt am 7. Juni 2019 über die Superheldenfilme aus dem Marvel-Universum.

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