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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Würde bewahren

Zum Tod des US-Schriftstellers Ernest Gaines
Von Michael Saager
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»Als ob wir keine Geschichte hätten« – Ernest Gaines (1977 in seinem Haus in San Francisco)

»Unser Leben wurde oft so erzählt, als ob wir keine Geschichte hätten«, sagte Ernest Gaines einmal. Der 1933 auf der River-Like-Plantage in Louisiana geborene afroamerikanische Schriftsteller machte in seinen Romanen also das Gegenteil. Er schrieb über den Alltag Schwarzer in einer rassistischen Gesellschaft, über Menschen, deren Leben er gut kannte. Etwa das seiner verkrüppelten Großtante Augusteen, von der Gaines großgezogen worden war und der er in dem 1971 erschienenen Roman »The Autobiography of Miss Jane Pittman« ein literarisches Denkmal setzte, eine Art Blues, rhythmisch stark, lakonisch.

Es ist durchaus erstaunlich, dass Gaines überhaupt Schriftsteller werden konnte, ein preisgekrönter zumal, denn als Kind war ihm, der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen war, der Zugang zu öffentlichen Bibliotheken untersagt – Bibliotheken waren nur etwas für Weiße. Dass sein bekanntester Roman »A Lesson Before Dying« in den USA längst zum Schulkanon gehört und auch hierzulande Stoff im Englischunterricht ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

»A Lesson Before Dying« ist kein leichter Roman, aber welches Buch oder Filme über Menschen in der Todeszelle wären je einfach zu lesen gewesen. Dass es keine Gerechtigkeit gibt für einen in den 40ern im Süden der USA zum Tode verurteilten Schwarzen, den die Weißen behandeln wie ein Tier oder schlimmer, kann man sich ja denken. Gaines lenkt den Fokus auf Themen wie den Zorn überwinden, seinen Frieden machen, Würde bewahren. Es gibt Anspielungen auf die Kreuzigung Jesu; 1993 gewann er mit seinem spirituellen, jedoch keineswegs rührseligen Roman den Book Critics Circle Award.

Acht Romane hat Gaines im Laufe seines Lebens geschrieben. Black-Power-Aktivisten fanden ihn vor allem nicht radikal genug. Doch er beschrieb lieber genau, was er beobachtet hatte, das ärmliche Leben im Süden, kleine große Dinge des Lebens; werturteilendes Schreiben war seine Sache nicht. Ob ihm die fünf Ehrendoktortitel von Colleges und Universitäten viel bedeutet haben – wer weiß. Am Dienstag, das teilten die Universität von Louisiana und die Baton Rouge Area Foundation mit, ist Ernest Gaines im Alter von 86 Jahren in seinem Haus im US-Bundesstaat Louisiana gestorben.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Christel Harke: Kleine Berichtigung »Die Geschichte der Jane Pittman« ist in der DDR als bb-Buch erschienen....
  • Rainer Beuthel: Gaines auf deutsch In dem Artikel über Ernest J. Gaines wird behauptet, sämtliche seiner Bücher seien nicht ins Deutsche übersetzt worden. Das ist falsch. Mehrere seiner Romane erschienen in deutschen Verlagen, bei Aufb...

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