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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Fotografie

He got eyes

Noch bis Ende des Monats: Robert Franks frühe Fotografien im Berliner Amerikahaus
Von Sabine Lueken
Schockierend wahrhaftig: »Frauen, Stadt, Café, ›Latinos‹« (1948)
Schockierend wahrhaftig: »Frauen, Stadt, Café, ›Latinos‹« (1948) von Robert Frank

Als der Anfang September verstorbene Robert Frank 1947 als junger Mann aus der Schweiz nach New York ging, war er schon ein bekannter, gut ausgebildeter Fotograf. Behütet aufgewachsen und gerade eingebürgert, wurde es dem 1924 in Zürich geborenen zu eng. Sein Vater, ein Innenarchitekt aus Frankfurt am Main, war nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz gegangen und durch das Reichsbürgergesetz der Nazis als Jude staatenlos geworden. Der Sohn wollte weg, was Neues anfangen. Er begann beim Magazin Harper’s Bazaar als Modefotograf, aber das war nicht sein Ding. Er pendelte zwischen Europa und den USA, fotografierte in London, Paris, Wien, Wales, Spanien, Peru und Bolivien, bis er 1955 ein Stipendium der Guggenheim Foundation erhielt, um eine Bildreportage über die USA zu machen. Zwei Jahre lang fuhr er mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in einem alten Ford Tausende von Kilometern quer durch das Land. Mehrmals erregte er das Misstrauen der Polizei, wurde festgenommen und kam sogar in Haft. 767 Filme mit 27.000 Aufnahmen waren das Ergebnis. Nur 83 von ihnen wählte er aus für sein Fotobuch, das ein Klassiker werden sollte. »The Americans« von 1959 ist bis heute ein einzigartiges Dokument über die US-Amerikaner und ihre Lebensumstände. Ein Dokument der Menschlichkeit, so wahr, dass es die Betrachter damals schockierte. Zu düster, zu schonungslos, zu »unamerikanisch«. Wütenden Protest rief auch Franks Art zu fotografieren hervor: Schräg, angeschnitten, unscharf, mit Spiegelungen, unterbelichtet, grobkörnig. Der Avantgarde-Verlag Grove Press verkaufte nur wenig mehr als tausend Exemplare und druckte nicht nach.

Die französische Ausgabe, die ein Jahr früher mit kommentierenden Essays bekannter Schriftsteller erschienen war, mochte Frank gar nicht. Seine Bilder sollten für sich sprechen, sollten ein einziges langes Gedicht sein, ohne Text, Bildunterschriften und Seitenzahlen. In der US-Ausgabe fand sich nur ein begeistertes Vorwort von Jack Kerouac, dem Autor von »On the Road«, der ihm bescheinigte: »You got eyes«. Frank hatte sich mit Kerouac, Allen Ginsberg und anderen Künstlern der New Yorker Beat-Generation angefreundet, er teilte ihren Geschmack und ihr Lebensgefühl. Gleich nach der Veröffentlichung von »The Americans« hatte er genug von der Fotografie und wurde Regisseur und Kameramann, er gilt manchen als Erfinder des Independent-Films. Kunst und Erfolg interessierten ihn nicht. Er wollte Wirklichkeit: das sehen (und zeigen), »was für andere unsichtbar ist«.

Die Ausstellung »Unseen« mit frühen Arbeiten, die noch bis zum 30.11. in der Galerie C/O Berlin zu sehen ist, zeigt, dass Frank diese Fähigkeit bereits in der Schweiz ausgebildet hatte. Auf seinen Aufnahmen sieht man z. B. Männer im Kanton Appenzell bei einer Abstimmung in der »Landsgemeinde«, wie eine Herde, mit archaischen Gesichtern. Alle sehen gleich aus, hier war nie ein Fremder hingekommen. Im Vergleich dazu seien die Menschen in den USA frei, schrieb Frank seinen Eltern. In Autos, Drive-ins, Diners, Barbershops, Tankstellen, Flugzeugen, Parks, Bussen, Eisenbahnen, Bahnhöfen, Kneipen, auf Straßen und Friedhöfen fand er sie und lichtete sie ab mit »spontaner Intuition«, wie er sagte: schnell, heimlich, unverstellt, so, wie sie waren. Die Gesichter erzählen, wie es ist, in den Staaten zurechtkommen zu müssen: »Rassentrennung«, Entwurzelung, Hochmut, Aggressivität, Stolz, Trauer, Überlebenswillen. Frank war als Fremder, als Außenseiter in das Land gekommen und fand sich selbst in diesen Gesichtern wieder.

Drei Tage, bevor die Berliner Ausstellung eröffnet wurde, starb Robert Frank 94jährig in Nova Scotia, Kanada, wo er seit 1971 lebte. Die vielen Nachrufe, die seinen bahnbrechenden Einfluss auf die Fotografie feiern, lassen vergessen, dass er selbst an Einfluss und Erfolg überhaupt nicht interessiert war. »I like to walk out of the fucking frame« (»Ich mag es, aus dem Rahmen zu laufen«), sagt er in dem sehenswerten Dokumentarfilm »Don’t blink« der befreundeten Filmemacherin Laura Israel. Seine Arbeit diente ihm zunehmend zur Selbstvergewisserung, als Mensch und als Künstler. Und er versah sie mit Textfragmenten: »Help me«, »Help us«, »Hope«.

Robert Frank Unseen. Bis 30.11. 2019 im C/O Berlin, Amerikahaus, Hardenbergstr. 22–24. Berlin-Charlottenburg. Täglich 11 bis 20 Uhr.

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