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Aus: Ausgabe vom 08.11.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
»Brexit«

Londons Geschäfte mit China

Lässt sich die ökonomische Kooperation mit der Volksrepublik und den USA nach dem »Brexit« verbinden?
Von Jörg Kronauer
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Werbung einer Wechselstube in Hongkong

Den Grundstein für eine potentiell sehr folgenreiche Erfolgsgeschichte hat die britische Regierung im Oktober 2013 gelegt. Damals gab sie bekannt, die City of London solle neben der früheren britischen Kolonie Hongkong der zweite internationale Handelsplatz für die chinesische Währung werden. Inzwischen zeigt sich: Das Geschäft boomt. Laut offiziellen Angaben aus der City ist das tägliche Handelsvolumen des Renminbi dort im ersten Quartal 2019 auf über 78 Milliarden britische Pfund gestiegen – 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit würden nun, hieß es, bereits 44,46 Prozent des weltweiten Renminbi-Handels in der britischen Metropole abgewickelt. Londons Finanzbranche partizipiert damit ganz unmittelbar an der wohl beeindruckendsten globalen Entwicklung der Gegenwart – am rasanten Aufstieg Chinas.

Der Renminbi-Handel in der City ist kein isoliertes Phänomen. Großbritannien hat sich in gleich mehrfacher Hinsicht für das Geschäft mit der zentralen Macht des angebrochenen pazifischen Jahrhunderts geöffnet. Es schlug außenpolitisch Wellen, als die britische Regierung im März 2015 gegen erheblichen Widerstand der USA beschloss, der von China gegründeten »Asian Infrastructure Investment Bank« (AIIB) beizutreten; damit verhalf sie übrigens auch der Mitgliedschaft der Bundesrepublik in der AIIB. Gleichzeitig hat sich das Vereinigte Königreich für chinesische Investitionen geöffnet; chinesische Investoren haben auf den britischen Inseln mittlerweile 46,9 Milliarden Euro angelegt, mehr als doppelt so viel wie an ihrem europäischen Investitionsstandort Nummer zwei, in Deutschland. Während die Vereinigten Staaten seit Jahren dem Telekommunikationskonzern Huawei Knüppel zwischen die Beine werfen, kooperiert Großbritannien mit ihm: Von 2012 bis 2017 investierte das Unternehmen 2,2 Milliarden Pfund im Vereinigten Königreich und kündigte 2018 weitere Investitionen im Wert von drei Milliarden Pfund an. Dem Huawei-Boykott der USA sucht sich London trotz starken Drucks aus Washington bislang hartnäckig zu verweigern.

Der Versuch, am Boomgeschäft des pazifischen Jahrhunderts zu partizipieren, ist freilich keine Einbahnstraße. Immer wieder schließt sich Großbritannien auch antichinesischen Maßnahmen der Vereinigten Staaten an. So nimmt die britische Kriegsmarine immer wieder an Patrouillenfahrten nahe der Inseln und Inselgruppen im Südchinesischen Meer teil, die darauf abzielen, den territorialen Ansprüchen Beijings in dem Gewässer offensiv entgegenzutreten. Schließlich will London in China zwar Geschäfte machen, das Land aber auch nicht allzu mächtig werden lassen. Beijing protestiert immer wieder, legt bislang aber großen Wert darauf, das Vereinigte Königreich, für China ein wichtiges Standbein im Westen, nicht zu verlieren.

Eine entscheidende Frage wird wohl sein, inwieweit sich die ökonomische Kooperation mit China in Zukunft mit dem weiteren Ausbau der Zusammenarbeit mit den USA nach dem »Brexit« verbinden lässt. In Washington wird es kaum Begeisterung hervorgerufen haben, dass die City of London im Oktober verkündete, sie wolle chinesische Unternehmen motivieren, nicht mehr in New York, sondern in der britischen Hauptstadt an die Börse zu gehen; mit einer allzu offenen Rivalität macht man sich schließlich auch in einer »Special Relationship« nicht unbedingt beliebt. Ob London seine pazifischen Interessen realisieren kann, hängt stark von seiner Stellung gegenüber den Vereinigten Staaten ab.

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