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Aus: Ausgabe vom 05.11.2019, Seite 8 / Inland
Aufklärung faschistischer Morde

»Die Behörden sind dazu nicht in der Lage«

Rassistisch motivierte Morde in Berlin-Neukölln: Initiative fordert unabhängige Ermittlungsgruppe. Ein Gespräch mit Helga Seyb
Interview: Gitta Düperthal
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Teilnehmer einer Mahnwache für Burak Bektas und Luke Holland befestigen ein Transparent mit der Aufschrift »Wir fordern Aufklärung« (Berlin, 5.11.2015)

Sie recherchieren seit Jahren zu den Hintergründen des Mordes am Anwalt Luke Holland 2015 und einem weiteren mutmaßlich von einem faschistischen Täter begangenen Mord in Berlin-Neukölln. Nun ist Hollands Mutter vor kurzem gestorben. Welche Rolle spielte dabei der gewaltsame Tod ihres Sohnes?

Frau Holland hat sehr gelitten, wollte nicht mehr leben und wünschte sich, mit ihrem Sohn auf diese Weise wieder verbunden zu sein. Sie nahm viele Medikamente ein und wünschte keine Behandlung mehr.

Das Berliner Landgericht verurteilte Rolf Zielezinski im Juli 2016 wegen des Mordes an Luke Holland zu elfeinhalb Jahren Haft, hatte aber kein neonazistisches Mordmotiv erkennen wollen.

Es gibt eine merkwürdige Tradition, rechtsextreme Mörder als eine Art kuriose Waffennarren einzustufen. Weil in Rolf Zielezinskis Wohnung auch ein historischer Feuerwehrhelm und eine DDR-Fahne hing, war die Rede von einem Sammler- oder Herrenzimmer. Ein Gutachter vor Gericht beschrieb ihn als unpolitisch. Er interessiere sich für Geschichte, hieß es. Stellt sich die Frage, für welchen Teil davon: wohl nicht für Pyramiden! Der Richter konstatierte eine Affinität zu Waffen, er sei normal intelligent, habe ein Alkoholproblem. Rassismus und Ausländerhass zog er nicht in Betracht, da Luke ein weißer Brite mitteleuropäischen Aussehens gewesen sei.

Welche Hinweise auf die Motivation des Täters gab es?

Zeugen hatten gesehen, dass Rolf ­Zielezinski am 20. September 2015 den damals 31jährigen Briten Luke Holland auf offener Straße in Neukölln mit einer Schrotflinte erschossen hat. Er kannte ihn nicht. Bei einer darauffolgenden Hausdurchsuchung zeigte sich, dass die Wohnung von Zielezinski voll war mit Nazidevotionalien, Bilder von NS-Führungspersonal, Hitler-Büsten, einem Landser-Plakat, manipulierten, schussfähigen Waffen und Munition, sowie einem Kilo Schwarzpulver. Dem Gericht war auch bekannt, dass er sich in der Bar »Del Rex«, bevor er den Mord beging, darüber beschwert hatte, dass nur noch Englisch gesprochen werde. Als Frau Holland ihn nach der Urteilsverkündung fragte, warum er es getan hat, sagte er »Englisch«. Es war das einzige Wort, das er vor Gericht sagte.

Welche Verbindung besteht zum bis heute unaufgeklärten Mord in Neukölln 2012 an Burak Bektas?

Der Name Zielezinskis fiel im Zusammenhang damit bereits 2013. Ein Zeuge hatte über ihn ausgesagt, den Täter damals gefahren zu haben. Letzterer habe ihn nach Munition für eine Pistole gefragt und geäußert, zu seinem Bruder zu wollen, um dort »herumzuballern«. Den Hinweisen war aber nicht nachgegangen worden. Der ermittelnde Kommissar hatte auf einem Zettel vermerkt: »keinen Bezug zu Neukölln«. Offenbar war ihm nicht mal der Wohnort von Zielezinskis bekannt.

Die Familie Holland hat vermutlich recht: Wäre im Fall Burak Bektas im Hinblick auf Zielezinski sorgfältig ermittelt worden, würde ihr Sohn noch leben. Deshalb fordern wir eine unabhängige Ermittlungsgruppe, weil offensichtlich ist, dass die Behörden dazu nicht in der Lage sind.

Wie groß ist in Neukölln die von Neonazis ausgehende Gefahr?

Es gab rassistisch motivierte Angriffe und auch welche auf Aktivistinnen und Aktivisten, die dafür bekannt sind, dass sie sich gegen rechts stellen. Brandanschläge gegen ein Jugendhaus der »Sozialistischen Jugend Deutschlands (SJD) – Die Falken« wurden verübt, Autos wurden angezündet etc. Ein Polizist äußerte anlässlich gewalttätiger Angriffe auf eine Gruppe Jugendlicher auf Neuköllner Straßen: Er habe nicht gewusst, was er machen sollte, weil es so viele Neonazis gewesen seien. Reichsbürger warfen in Briefkästen linker Gruppen, antirassistischer Einrichtungen und von Leuten mit arabisch klingendem Namen ein achtseitiges Pamphlet, worin es hieß, all diese Menschen sollten auf der Straße standrechtlich erschossen werden. Ich selber erhielt auch eines.

Helga Seyb ist Mitglied der »Initiative für die Aufklärung des ­Mordes an Burak Bektas« und ­arbeitet bei der Opferberatungsstelle »Reach out« in Berlin

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