Gegründet 1947 Donnerstag, 21. November 2019, Nr. 271
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 8 (Beilage) / Wochenendbeilage

Palusami (»Vive les canaques!«)

Von Maxi Wunder

Das Ungerechte an Schimpfwörtern ist oft weniger die Beleidigung des Beschimpften als die Verunglimpfung dessen, was zum Schimpfwort degradiert wird. Klassisches Beispiel: »Dummes Schwein!« Bekanntlich gehören Schweine zu den intelligentesten Säugetieren und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Die wenigsten Menschen sind politisch korrekter als Schweine. Oder: »Fotze!« Völlig unangemessen, was die ursprünglich damit bezeichnete Sache angeht. Etymologisch geht das Wort nämlich auf das mittellateinische »fotrale« zurück, von dem auch das deutsche »Futteral« kommt, und bezeichnet eine spezielle Tasche als Teil eines Kleiderfutters, also einen wichtigen Bestandteil hochwertiger Konfektion. Eine der blödesten Beleidigungen übrigens ist »Kanake«, denn »kanaka« oder »kanaka maoli« meint auf hawaiianisch nichts anderes als »Mensch«. Die melanesischen Ureinwohner Neukaledoniens im Südwestpazifik nennen sich so.

Wir sind zu Gast bei Jean-Pierre Capiloutié (Name von der Redaktion geändert) von der FLNKS (Front de libération nationale kanak et socialiste, zu deutsch: Kanakische sozialistische Front der nationalen Befreiung) auf der »Grande Terre«, der Hauptinsel Neukaledoniens. Jean-Pierre erinnert uns doofe Reiseleitertanten netterweise daran, dass die Inselgruppe 1853 unter Napoleon III. französisch kolonisiert wurde und von 1864 bis etwa 1922 als Strafkolonie für aufsässige Kanaken und Franzosen genutzt wurde. Ich bin dankbar, denn ich habe die Daten nicht drauf, Sylvie hat auch keine Ahnung, sie macht Natur.

Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune 1871, erklärt der nette Genosse, kam auch die berühmte Kommunardin Louise Michel als Gefangene auf die Insel. Sie blieb dort bis zu einer Amnestie im Juli 1880. Mir dröhnt von der tropischen Sonne und einem polynesischen Bier namens »Hinano« zwar schon die Birne, aber jetzt möchte ich doch noch was aus der jüngeren Parteigeschichte wissen: »Wie erinnerst du dich, lieber Jean-Pierre, an die Geiselnahme unter dem Kommando der FLNKS 1988, bei der 19 Genossen getötet wurden?« Während ich noch radebreche, fällt mir auf, dass der junge Mann gerade mal Mitte 20 ist. Ich entschuldige mich für die blöde Frage, aber Jean-Pierre schlägt vor, dass ich mich gleich mit seiner Mutter unterhalten kann. Sie ist eine echte Kanakin, die noch im Erdofen kocht, und zwar Palusami.

Man hebe im Garten ein Erdloch aus, entfache darin ein Feuer aus Kokosnussschalen und Holz und lege Vulkansteine darauf. Wenn die richtig heiß sind, gare man darauf ein Päckchen aus in Taroblättern eingewickelten, vorher in Kokosmilch eingelegten Meeresfrüchten. Zum Ab­decken eignen sich Bananenblätter.

Nach dem Essen spekulieren wir bei drei Flaschen Cabernet Sauvignon über das voraussichtliche Ergebnis des für September 2020 angesetzten Referendums über die Unabhängigkeit Neukaledoniens von Frankreich. »Aber eins müsst ihr zugeben«, lalle ich: »Immerhin war der erste kommunistische Staat französisch: die Commune.« »Und eins musst du zugeben«, lallt Jean-Pierre. »Die deutschen Truppen waren an seiner Liquidierung kräftig mit schuld.« »Kein Streit!« befiehlt die Mutter. »Vive les canaques«, murmelt Sylvie. Es war ein schöner Abend.

Regio:

Mehr aus: Wochenendbeilage