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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die Ausrotter

Von Arnold Schölzel
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Am Donnerstag verkündete Annegret Kramp-Karrenbauer in einer Bundeswehr-Universität, dass »wir, um unsere Werte und Interessen zu schützen, mehr tun müssen«. Und sich auf den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck berief, der 2014 gefordert hatte, Deutschland solle sich »früher, entschiedener und substantieller einbringen«. Also die Bundeswehr öfter ins Ausland schicken.

Das ministerielle Vereinnahmungs-»Wir« bewegte sich ungefähr auf dem Niveau der Bild-Schlagzeile »Wir sind Papst«. Tiefer konnte FAZ-Mitherausgeber Berthold Kohler am Freitag im Leitartikel seiner Zeitung auch nicht gehen. Unter der Schlagzeile »Immer noch ein Glück« in der Papierausgabe und unter »Mythen auf den Müll« im Internetauftritt faz.net äußerte er sich zum »Mauerfall« und »den Deutschen«. In der Internetausgabe gab es dazu die Unterzeilen: »Die Deutschen können den Mauerfall vor 30 Jahren nicht vollkommen unbekümmert feiern. Ein unerhörter Glücksfall aber bleibt er.«

Vom angekündigten Anstieg der Teilnahme an Werte- und Interessenkriegen war in seinem Kommentar nichts zu lesen. Kohler sorgt sich darum, dass 30 Jahre nach dem 9. November 1989 »die Kluft zwischen Ost und West eher größer zu werden« scheine, »als zu schrumpfen«. Die »Distanz der Ostdeutschen zu dem Staat, dem sie einst aus freien Stücken und mit einer gewissen Begeisterung beitraten«, wachse den Umfragen nach. Also doch kein »Wir«, nirgends?

Nun ließe sich annehmen, der FAZ-Gewaltige käme auf einige auch in seiner Zeitung genannte Tatsachen zu sprechen, die Ursache dessen sein könnten, etwa millionenfache Abwanderung, Schrumpfung, Überalterung, millionenfache Vertreibung aus Wohnungen wegen »Rückgabe vor Entschädigung« etc.

Aber wozu Fakten? Der Leitartikler bemüht lieber kollektive Befindlichkeiten im Stil von Kramp-Karrenbauer oder Bild: »Die Ostdeutschen« seien in den Augen »des« Westens »geschichtsvergessen und undankbar«. »Wir ›Wessis‹« vielleicht »zu arrogant und dominant«. Ja, und in Polen, Ungarn und der Slowakei gingen auch »nicht alle Träume in Erfüllung, die im Freudentaumel der Befreiung vom Totalitarismus geträumt worden waren«. Aber dort habe es keine »Wessis« gegeben, »denen ›Ossis‹ vorwerfen könnten, sie führten sich wie Kolonialherren auf«.

Vor allem, lässt sich anmerken, gab es z. B. nur in der DDR kurz vor deren Anschluss ein Gesetz zu »offenen Vermögensfragen«, das bis heute gilt und mit dem geschätzt acht Millionen DDR-Bürger aus Behausungen jeder Art verdrängt wurden. Von solcher kolonialer Landnahme blieben die osteuropäischen Staaten verschont, sie wurden lediglich wie die DDR verlängerte Werkbänke der bundesdeutschen Industrie.

Kohler interessiert sich so wie all die anderen DDR-Grabredner, die allein in Berlin zehn Millionen vom Senat abfassen, für so etwas nicht, er jammert auf gewohnt hohem Frankfurter Niveau: »Mehr Rente, mehr Behörden und mehr Führungspositionen allein werden nicht reichen, um das ›blame game‹ zu beenden und im Osten das Gefühl auszurotten, dort sei man erst zu einem Opfer der SED und dann zu einem der BRD geworden.« Dieser Mythos müsse »aktiv entkräftet werden«. Doch dürfe auch »die Dunkelheit nicht vergessen werden, die zu dieser Revolution führte«. Genau. Dunkel war’s, als »wir« noch nicht als »Gestaltungsmacht« für die nächsten Kriege mobilisiert wurden. Dunkel war’s, als Wohnungen sicher waren, von Arbeitsplätzen nicht zu reden. Das wurde »ausgerottet«.

Die Ausdrucksweise passt. Die 70-Jahr-Feier der FAZ am 31. Oktober im Berliner Restaurant »Borchardt« war »eine ebenso illustre wie anregende Versammlung kluger Köpfe« (FAZ). Wurden doch neben Kohler dort auch Alexander Gauland und der antisemitische Pöbler Stephan Brandner, die Repräsentanten der neusten Ausrottungspartei, gesehen.

Wurden doch neben Kohler dort auch Alexander Gauland und der antisemitische Pöbler Stephan Brandner, die Repräsentanten der neusten Ausrottungspartei, gesehen.

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