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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Teuflische Wirtschaftsordnung

Fidel Castro sprach wiederholt vor internationalen Gremien über die Gefahren von Umweltzerstörung, Klimawandel und deren Ursachen
Von Fidel Castro
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Fidel Castro (r.) mit dem damaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez am 1. September 2003 während der UN-Konferenz in Havanna

Ansprache zur Eröffnung der 6. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Konvention für die Bekämpfung der Desertifikation am 1. September 2003 in Havanna

Vor noch 30 Jahren war sich die Menschheit nicht im mindesten der großen Tragödie bewusst. Damals meinte man, die einzige Ausrottungsgefahr läge in der kolossalen Menge von in Minutenschnelle einsatzbereiten Nuklearwaffen. Zwar hat es absolut kein Aufhören dieser Bedrohungen gegeben, doch noch eine weitere, eine bestürzende und schreckenerregende Gefahr gefährdet die Menschheit. Ich zögere nicht, diesen starken und augenscheinlich dramatischen Ausdruck zu benutzen. Das eigentliche Drama liegt in der Unkenntnis über diese Gefahren, die seit so langer Zeit präsent sind.

Nicht eine einzige all jener Personen, die 25 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, also nach 1945, Vernunft besaßen und lesen und schreiben konnten, hat jemals auch nur ein einziges Wort vernommen darüber, wie die Menschheit verblendet, unerbittlich und beschleunigt der Vernichtung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen entgegengeht. Keine weitere der Tausenden Generationen vor der heutigen war einer so bitteren Gefahr ausgesetzt; und auf keiner von ihnen lastete eine derartig große Verantwortung.(…) Nach meinem Dafürhalten gibt es keine dringlichere Aufgabe als die der Schaffung eines universalen Bewusstseins, der Vermittlung des Problems an die breiten Massen von Milliarden Männern und Frauen aller Altersstufen einschließlich der Kinder unseres Planeten. (…) Alles kommt hier zusammen. Analphabetentum, Beschäftigungslosigkeit, Armut, Hunger, Krankheiten, Trinkwasser- und Wohnungsmangel, Fehlen von Strom einerseits und andererseits Wüstenbildung, Veränderung des Klimas, Verschwinden der Wälder, Überschwemmungen, Dürreperioden, Bodenerosion, Biodegradation, Plagen und andere wohlbekannte Tragödien sind nicht voneinander zu trennen. (…)

Alles, was ich zum Ausdruck gebracht habe, ist unvereinbar mit dem unmenschlichen, der Welt aufgezwungenen Wirtschaftssystem, der erbarmungslosen neoliberalen Globalisierung, den Belastungen und dem Stellen von Bedingungen, mit denen der IWF die Gesundheit, die Bildung und die soziale Sicherheit von Milliarden Personen opfert; mit der grausamen Art, nach der über den freien Devisen(ver)kauf zwischen den starken Währungen und den schwachen der dritten Welt dieser alljährlich enorme Summen entwenden. Kurz gesagt, es ist unvereinbar mit der Politik der WTO, die augenscheinlich dazu entworfen ist, dass die reichen Länder mit ihren Waren ohne jegliche Einschränkung die Welt überfluten und die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung der armen Länder zunichte machen, deren Zukunft nichts weiter beinhaltet als Lieferant für Rohstoffe und billige Arbeitskräfte zu sein; unvereinbar mit der FTAA (Freihandelszone der Amerikas, von den USA gefördertes, inzwischen gescheitertes Vorhaben, jW) und anderen Freihandelsabkommen zwischen Haien und Sardinen; mit der monströsen Auslandsschuld, die manchmal bis zu 50 Prozent des Staatshaushalts der Länder verschlingt und unter den heutigen Umständen absolut unbezahlbar ist; mit der Abwerbung, dem fast allumfassenden Monopol des geistigen Eigentums und der missbräuchlichen und unverhältnismäßigen Nutzung der natürlichen Ressourcen und Energiequellen unseres Planeten.

Die Liste der Ungerechtigkeiten ist unendlich. Der Abgrund vertieft sich. Die Ausplünderung nimmt größeren Umfang an.

In der Absicht und der Ideologie einer teuflischen und chaotischen Wirtschaftsordnung werden die Konsumgesellschaften innerhalb von fünf oder sechs weiteren Jahrzehnten die bekannten und die vermuteten Reserven fossiler Brennstoffe restlos verbraucht und in nur 150 Jahren all das verwirtschaftet haben, zu dessen Schöpfung unser Planet 300 Millionen Jahre brauchte.

Es gibt nicht einmal eine zusammenhängende und klare Vorstellung zu der Energie, die die Milliarden Kraftfahrzeuge in den Städten und auf den Schnellstraßen der reichen und auch vieler Länder der dritten Welt bewegen wird. Es ist der vollendete Ausdruck eines absolut unvernünftigen Lebensstils und Konsumdenkens, wie er niemals den zehn Milliarden Menschen als Vorbild dienen kann, die vermutlich nach dem unabwendbaren Ende der Ära des Erdöls die Erde bevölkern.

Diese Wirtschaftsordnung und diese Verbrauchsmuster sind unvereinbar mit den wesentlichen begrenzten und nicht erneuerbaren Ressourcen unseres Planeten und mit den Gesetzen der Natur und des Lebens. Sie verletzen außerdem die elementarsten ethischen Prinzipien, die Kultur und die vom Menschen geschaffenen moralischen Werte.

Setzen wir unseren Kampf fort, ohne uns entmutigen zu lassen und ohne zu zögern, zutiefst davon überzeugt, wenn auch die menschliche Gesellschaft kolossale Fehler begangen hat und noch begeht, so ist doch der Mensch als solcher zu den glänzendsten Ideen und den edelsten Gefühlen fähig. (...)

Die UN-Konvention für die Bekämpfung der Desertifikation (ungenaue deutsche Übersetzung: Wüstenbildung) wurde 1994 in Paris unterzeichnet und trat nach Unterzeichnung durch den 50. Staat 1996 in Kraft. Seitdem finden alle zwei Jahre Konferenzen der Vertragsparteien statt, zuletzt im September 2019 in Neu-Delhi.

Der Redeauszug wurden dem deutschsprachigen Fidel-Castro-Archiv entnommen: fidelcastroarchiv.blogspot.com

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