Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage
DDR-Musik

»Der Westen kocht auch nur mit Wasser«

Gespräch mit Jörg Stempel. Über die Treuhand, die DDR-Musikszene und seine Jahre bei Amiga, BMG und Sony
Interview: Michael Merz, Alexander Reich
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»Puhdys, City, Karat, ­Silly – das sind die vier Rockdinos, die wir mit Abstand am meisten verkauft haben«: Jörg Stempel (r.) und Dieter »Maschine« Birr im Sommer 2018 bei einem Konzert der Rolling Stones im Berliner Olympiastadion

Sie waren im letzten Jahrzehnt der DDR beim VEB Deutsche Schallplatten Berlin womit genau beschäftigt?

Von 1980 bis 1985 war ich beim Label Amiga für Hitkopplung im Schlager- und im Rockbereich zuständig, habe Schallplattenveröffentlichungen und Fernsehauftritte koordiniert und war als Vertreter unseres Chefredakteurs René Büttner in der Kommission, die für den Intershop die Platten für DDR-Bürger mit Westgeld oder Forumschecks auswählte.

Ich vertrat Büttner auch in der Zollkommission, die Platten aus Westpaketen bewertete, bei denen die Zöllner zu keiner Einschätzung gelangt waren. Sachen wie Heinos »Schwarzbraun ist die Haselnuss« oder Kiss mit diesen SS-Runen im Bandlogo wurden rausgezogen, bei spannenden Bands wie The Cure habe ich gesagt: Das muss ich in Ruhe anhören, ob die Texte in Ordnung sind. So konnte ich die Platten mit nach Hause nehmen und für meine Nebentätigkeit als Diskotheker – wir sprachen von SPU, Schallplattenunterhalter – auf Kassette kopieren.
1985 hat Harri Költzsch, Generaldirektor des VEB Deutsche Schallplatten, dann entschieden: Wir brauchen jemanden, der die künstlerischen Produktionen mit den Kapazitäten im Presswerk besser koordiniert. Das betraf alle drei Labels: Amiga (Schlager, Rock, Pop, Jazz …), Eterna (Klassik) und Litera (Hörbuch, Kinder). Es ging darum, dass nicht in einem Monat Puhdys, Karat, City, Silly veröffentlicht werden und danach wochenlang weniger umsatzstarke Bands. Das Programm sollte in jedem Monat attraktiv sein, vom Marktwert des jeweiligen Künstlers, aber auch von der Genrevielfalt her: Chanson, Liedermacher, Jazz, Schlager, Pop, Rock, Kinder und so weiter. Költzsch hat mich gefragt, ich habe den Job angenommen und bis August 1988 ausgeübt.

In den 80er Jahren brachen die Plattenverkäufe vieler DDR-Bands ein. Hat der VEB in jenem Jahrzehnt die Jugend verloren?

Das Interesse der Jugend an DDR-Rock- und -Popmusik war in den 80ern stark rückläufig. Rock und Pop in Deutsch war immer weniger ein Alleinstellungsmerkmal. Die Neue Deutsche Welle schwappte über Westradio und -TV in den Osten. Die Vermarktungsmechanismen für Stars aus dem Westen wurden immer ausgeklügelter. Letztlich begann eine neue Ära, von der Mode über Verhaltensweisen bis zur Musik und den flachen Texten (»Ich will Spaß, ich geb’ Gas …«)

Im Westen waren Grönemeyer, Westernhagen, Kunze populär, im Osten eher die großen Bands. Ein Ausdruck des Wir-Gefühls in der DDR?

Ja, ein ganz klassisches Beispiel dafür waren die »Gitarreros«. Lutz Bertram, ein populärer und sehr einflussreicher Radiomoderator von DT 64, hatte Mitte der 80er die Idee, die vier besten Gitarristen zusammenzubringen: Uwe Hassbecker von Silly, Bernd Römer von Karat, Jürgen Ehle von Pankow und Gisbert »Pitti« Piatkowski von Magdeburg, später City, heute Renft. Die kannte damals wirklich jeder Musikfan. »Wir stellen die auf die Bühne«, sagte Bertram, »und dazu die vier besten Sänger«: Mike Kilian von Rockhaus, Tamara Danz von Silly, Herbert Dreilich von Karat und Toni Krahl von City. Diese acht Musiker absolvierten mit einer Rumpfband zwei unglaublich erfolgreiche Tourneen. Das war wirklich Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll, wie man zum Beispiel im Fotoband »Melodie und Rhythmus« von Herbert Schulze sehen kann. Eine erotische Orgie mit geiler Musik.

Später habe ich ernsthaft daran gedacht, Gitarreros aus Ost und West zusammenzubringen. Aber im Westen, da fiel hinter Peter Maffay der lange Carl Carlton auf, und es gab Rudolf Schenker von den Scorpions – das war es dann auch schon mit allgemein bekannten Gitarristen. Es fehlte eine Verehrung von Instrumentalisten, wie sie in der DDR vor allem durch die Junge Welt, Melodie & Rhythmus und die Zeitschrift Neues Leben mit den jährlichen Umfragen nach den besten Musikern gefördert worden war.

Amiga hat auch jede Menge Lizenzplatten aus dem Westen veröffentlicht.

Lizenzplatten waren immer Bückware, obwohl die Verkaufszahlen ziemlich hoch waren.

Wie hoch genau?

Das war sehr unterschiedlich. Ab 1979 hatte der VEB im Vinylwerk in Potsdam-Babelsberg eine Presskapazität von zwölf Millionen LPs im Jahr. Dazu kamen vier Millionen Singles. Und vier Millionen Musikkassetten aus unserer Produktionsstätte in Johannisthal. 20 Millionen Tonträger wurden also jedes Jahr veröffentlicht. Die Kapazität musste immer ausgelastet werden, sonst hätte man im Presswerk sagen müssen: Achtung, Nachtschicht, ihr habt heute frei, kriegt euer Gehalt, aber braucht nicht zu kommen. Mit dem nationalen Programm konnten wir die Produktionskapazitäten nicht immer auslasten, die Unterdeckung wurde mit Lizenzauflagen sozusagen aufgefüllt.

Ob eine LP der Beatles von 1968 erst 1988 erschien, in einer Auflage von 30.000 oder 100.000 Stück, war für den Absatz nicht von Belang. Lizenzveröffentlichungen waren immer sofort weg – egal, was es war, auch weil die Schallplatte als allgemeines Tauschäquivalent benutzt wurde. Die Oma hat AC/DC gekauft und der Enkel Roger Whittaker. So konnte man dem anderen eine Freude machen. Man konnte mit einer Lizenz-LP auch kurzfristig einen Termin beim Friseur kriegen oder sie in der Buchhandlung gegen ein Buch von Siegfried Lenz eintauschen. Jedem Mitarbeiter des VEB Deutsche Schallplatten standen drei Exemplare zu. Eine Platte ging in mein Archiv, die zweite tauschte ich an der Theaterkasse gegen ein Gastspielticket, die dritte bekamen Freunde oder mein Autohändler. Am Trabi war immer was zu reparieren.

Wie viele Lizenzplatten wurden über die Jahre veröffentlicht?

Weit über 600, und wenn ich vom Mainstream im Rock und Pop ausgehe, waren alle wichtigen Künstler dabei, von Elvis über Beatles und Stones bis zu ABBA, Michael Jackson ...

Udo Lindenberg ...

Bei dem kam ein politisches Phänomen dazu: Sein Titel »Wozu sind Kriege da«, vom Text her ein klar pazifistisches Lied, war im Rundfunk verboten, weil Lindenberg nach dem »Sonderzug nach Pankow« und einigen anderen Liedern im »Giftschrank« lag. Das hatte mit den politischen Strukturen und Hierarchien zu tun. Der Rundfunk war direkt der Abteilung Agitation und Propaganda im ZK unterstellt, wir unterstanden dem Ministerium für Kultur. Wir waren ein wirtschaftlich arbeitender Betrieb, und der Gewinn, den wir als VEB erzielten, wurde im Ministerium umverteilt, um Museen, Theater, Kulturhäuser, Filmproduktionen, Verlage und so weiter zu unterstützen.

Wieviel war das?

Ich kenne die Zahlen von 1980 bis 1988. Da hat der VEB jedes Jahr hundert Millionen DDR-Mark als Gewinn an das Ministerium für Kultur abgeliefert, mit denen Kultureinrichtungen unterstützt wurden, zum Beispiel für Eintrittskarten im Jugendklub, für Museen, Kinokarten und so weiter. Wir haben sehr viel Geld abgeführt, um die Eintrittspreise möglichst flach zu halten, was sicher ein ehrenwertes Anliegen war.

Im Oktober 1990 wurde Amiga von der Treuhand für einen Euro an einen Kieler Gebrauchtwagenhändler veräußert.

Zunächst mussten zur Währungsunion am 1. Juli alle volkseigenen Betriebe in Eigentumsformen des bürgerlichen Rechts umgewandelt werden, aus dem VEB wurde die Deutsche Schallplatten Berlin GmbH (DSB). Die Betriebsdirektoren vom Presswerk in Babelsberg und von der Kassettenproduktion in Johannistal, Alexander Schindler und Paul Arnold – beide leider verstorben –, übernahmen die Führung und versuchten, den Betrieb zu retten.

Ich habe in dieser Zeit hautnah erlebt, wie out Amiga-Repertoire und -Künstler waren. Die Musikfans haben gewartet: Ab 1. Juli konnten sie mit Westgeld kaufen, was die Rock- und Popwelt hergab. Von März bis Ende Juni 1990 habe ich im Auftrag von BMG Ariola in München beinahe alle Schallplattengeschäfte der DDR besucht, um Lieferverträge abzuschließen. Meist waren das Buchhandlungen mit Plattenabteilung. Da waren kaum Leute. Unsere Amiga-Platten standen mit abgeschnittener Ecke für 1,50 Mark, eine Mark oder 50 Pfennig rum. Alles sollte raus, die Regale sollten für Grönemeyer und Bruce Springsteen freiwerden. Ich habe damals LPs von Künstlern, denen ich besonders nahestand, für 50 Pfennig gekauft und verschenkt, weil es mir in der Seele weh tat, dass diese Platten dort so verramscht wurden.

Die beiden Betriebsdirektoren haben nur ein halbes Jahr durchgehalten. Sie hatten wenig Geld, neues Repertoire zu produzieren, und die DDR-Heroes wollte zu der Zeit niemand kaufen. 750 Beschäftigte wollten am Monatsende ihren Lohn haben. Über die Treuhand kaufte der Autohändler Wolf Urban im ­Januar 1991 die GmbH. Die Auflage war: Du darfst keine Mitarbeiter entlassen, und wenn, müssen sozialverträgliche Lösungen her. Im Frühjahr 1993 war die DSB pleite. Urban hatte den Betrieb an die Wand gefahren und musste zwangsläufig Mitarbeiter entlassen. Bei der Übernahme durch die Treuhand war ihm sicher klar gewesen, dass es für eine ehemalige VEB-Immobilie am Reichstagsufer Ersatz geben würde. So war es dann auch. In der Ersatzimmobilie in der Palisadenstraße hat er, wie ehemalige Mitarbeiter berichteten, ein Seniorenheim gebaut, wo man sich heute für teuer Geld als reicher Rentner wohlfühlen darf.

In welchem Zustand war das Label bei der Pleite?

Alles war etwas unübersichtlich. Die Firma hatte mit vier Vertrieben gearbeitet und verblüffend hohe Auflagen von Alben produziert, für die es keine Marktabdeckung gab. Das Poplabel der DSB hatte zum Beispiel ein Album von Robin Beck produziert, die durch den Coca-Cola-Werbehit »First Time« bekanntgeworden war. Der war auf dem Album aber nicht drauf. Von dieser eher unverkäuflichen Platte standen bei der Pleite der DSB 60.000 Exemplare im Vertriebslager, dazu kamen Hunderttausende, bei denen die Dinge ähnlich lagen. Im Grunde war das totes Kapital. Und einer der Gründe für die Insolvenz.

Wie waren Sie Anfang 1990 eigentlich zur Bertelsmann Music Group (BMG) gekommen?

In den Wochen nach dem Mauerfall rief der besagte Lutz Bertram an, BMG-Deutschland-Chef Thomas Stein suche einen, der sich im Osten auskennt. Am 8. Dezember 1989 erklärte mir Stein in der Wohnung von Bertram, was er will. Ich war ein bisschen zurückhaltend. Whitney Houston und Eros Ramazzotti – ja, aber BMG Ariola war von den sieben Majorlabels das, was mich auch als DJ am allerwenigsten interessiert hat. CBS, Warner, Polygram, EMI – alle waren spannender, weil sie das internationale Repertoire in ihren Katalogen hatten. Das habe ich Stein nicht so gesagt, existentieller war für mich – auch als Vater von zwei Mädels –, einen Job zu kriegen, und so wurde ich als Vertriebsleiter Ost eingestellt.

Was von Amiga 1993 übrig war, wurde von BMG gekauft. Mit Ihrer Hilfe?

Im September 1993 bekam ich von Thomas Stein einen Anruf: Deine alte Bude wird verkauft, es gibt fünf Bieter, das höchste Gebot steht bei 3,5 Millionen, ist die DSB das wert? Da habe ich natürlich erst mal gesagt: Ja, klar. Nach einer für mich schlaflosen Nacht rief Stein an: Okay, du wirst zum 1. Januar 1994 Amiga-Geschäftsführer unter dem Dach von BMG. Du musst das Repertoire des Katalogs optimal verkaufen, und zwar bundesweit, damit wir den Einstiegspreis rausholen. 3,9 Millionen DM gab BMG letztlich dafür aus.

Die 3,9 Millionen kamen wieder rein?

Zur Weihnachtsfeier von BMG 1994 habe ich eine Rolex geschenkt bekommen, in Anerkennung für meine Tätigkeit im zurückliegenden Jahr. Rudi Gassner, BMG-International-Chef – der saß in einem großen Tower in Manhattan, hatte in den 80ern den Elvis-Katalog und das RCA-Label gekauft –, sagte: Das habe ich in meinen 20 Jahren Schallplattenbusiness noch nicht erlebt, dass sich der Labelzukauf so schnell amortisiert hat.

Ich muss dazu sagen: Wir hatten Riesenglück. Bis Ende 1992 waren Puhdys, Karat und Co. abgemeldet – die Fans wollten Weststars. Wir sind dann in die Phase gekommen, wo sie merkten: Maffay, Lindenberg – die kochen auch nur mit Wasser. Dazu kamen die allgemeine Missachtung der Lebensleistungen der Ostdeutschen und die sattsam bekannten Pauschalklischees, dass jeder zweite bei der Stasi war, wir nicht Autofahren konnten und unsere Sportler ihre Medaillen nur durch Doping gewonnen haben.

Anfang 1994 ging es los mit Ostalgiepartys und -konzerten: Die Fans wollten die Helden ihrer Jugendzeit wiederhaben – nun gerade. Deshalb war unsere erste CD-Serie eine Dreierbox: die größten Rockhits, die besten Popsongs und die Kulthits. Auf den Covern prangten eine MZ »Trophy Sport« – unsere Harley-Davidson –, eine Club-Cola-Flasche und Pittiplatsch. Ziel war, unsere »Brüder und Schwestern« mit unseren Liedern vertraut zu machen. Die Agentur Scholz & Friends entwickelte in unserem Auftrag eine Kampagne mit der Headline: »Ingmar M. (Wessi) – meine erste Ost-CD.« Die hielt er in der Hand. Wir hatten Deckenhänger, Plakate, Flyer, Sticker und Ingmar als Pappfigur mit CDs im Bauchladen herstellen lassen. Das ging alles an Mediamarkt, WOM und so weiter im Westen. Stunden nach dem Start der Kampagne rief Stein an: Sag mal, bist du wahnsinnig? Was hast du denn hier fabriziert? Die Händler im Westen schicken das alles zurück und fragen, was wir Ossis uns einbilden, sie mit dieser Karikatur eines Wessis zu verarschen! Mir ging die Muffe. Aber wir haben diese Serie im Osten so exorbitant gut verkauft, dass wir die Werbekampagne locker bezahlen konnten.

Was waren die größten Erfolge mit Amiga-Repertoire unter BMG-Dach?

Puhdys, City, Karat, Silly – in der Reihenfolge. Das sind die vier Rockdinos, die wir mit Abstand am meisten verkauft haben. Dann kommt die Reihe mit Stern Meißen, Karussell, Renft, Lift, Electra. Im Schlagerbereich: Frank Schöbel und Helga Hahnemann. Dazwischen Manfred Krug, Veronika Fischer und Ute Freudenberg. Das sind die erfolgreichsten Namen. Aber vorn steht – wie auch zu DDR-Zeiten – »Weihnachten in Familie« mit Frank Schöbel und Aurora Lacasa mit ihren Kindern Odette und Dominique.

Das ging aber alles nur im Osten weg?

Fast nur. Von den vier Dinos ist City im Westen am besten gelaufen. Das hatte mit den Schubladen der Formatradios zu tun. Im Westen reichte eine starke Single für die LP, der Rest war Füllmasse. Das war eine Art Grundmodell. Im Osten wurden Alben auch ohne Single erfolgreich, zum Beispiel die vier Amiga-LPs von Günther Fischer und Manfred Krug. Gerade im Westen angekommen, versuchte Krug 1978, an diese Erfolge anzuknüpfen. Er nahm eine tolle Platte mit Peter Herbolzheimer auf, sang ein sehr schönes Duett mit Caterina Valente – die LP wurde ein Flop. Krug hat mir irgendwann erzählt, dass er 1992 das erste Mal eine Abrechnung für diese Platte erhalten habe, weil seine Fans aus dem Osten sie nach der Wende gekauft hätten.

Apropos Duett: 1999 kam die Puhdys-Platte »Wilder Frieden« mit dem Song »Wut will nicht sterben« heraus, einem Duett von Dieter »Maschine« Birr mit Till Lindemann: »Deinen Hass rammst du wie einen Stein / in ihn hinein / Rammstein.« Wie kam es zu dieser Kollaboration?

Maschine war immer ein großer Fan von Rammstein, und Lindemann fand die Puhdys gut. Den Plan zu dem Duett fassten die beiden bei einer Record-Release-Party. Wir haben das Stück nur als Promo-Single veröffentlicht, aber ich bekam von Tim Renners Frau, damals Geschäftsführerin von Motor Music, sofort eine einstweilige Verfügung: Die Bemusterung mit der Promo-Single musste gestoppt und der Titel vom Album genommen werden. Vier-, fünftausend Alben waren da schon ausgeliefert und verkauft. Das Album hat inzwischen die 100.000er-Marke überschritten.

2004 wurde BMG von Sony übernommen, wie lief das?

1990 gab es 19.000 Schallplattenläden, heute sind es weniger als 3.000. Damals hatte Mediamarkt-Saturn 38 bis 40 Prozent Marktanteil. Heute wird der Markt für physische Tonträger von Amazon beherrscht. Digitale Verkäufe haben schon über 50 Prozent Marktanteil. Neben dem Sterben des Fachhandels gab es das der Majors: Es gab mal 13, dann elf, dann sieben. Jetzt gibt es nur noch drei: Universal, Warner, Sony. Als BMG und Sony fusionierten, standen beide in den roten Zahlen. In solchen Fällen wird eine große Firma mit einer Marktanalyse beauftragt, die als Allheilmittel Personalabbau empfiehlt. So war das auch bei BMG. Erst wurden die Standorte Köln, Hamburg und Frankfurt am Main dichtgemacht, dann der in Berlin. Von den 53 Mitarbeitern sind drei zum Hauptsitz in München gewechselt, die anderen erhielten Abfindungen. Ich arbeite seitdem als freier Mitarbeiter für Sony, weil ich den Amiga-Katalog und das Business im Haus ganz gut kenne.

Was sind die Klassiker von Amiga?

Ich bin Plattenverkäufer, muss also Musik anbieten, die gekauft wird. Mein persönlicher Geschmack ist da zweitrangig. Als Schallplattenunterhalter habe ich mit Al Jarreau die Leute von der Tanzfläche verjagt – mit Modern Talking habe ich sie zurückgeholt. Die Klassiker sind nicht unbedingt meine persönlichen Favoriten.

Drei Songs?

Drei Songs sind einfach zuwenig. Was soll ich denn da sagen? »Bataillon d’Amour«, »Alt wie ein Baum« und »Am Fenster« – oder »Über sieben Brücken« und »Jugendliebe«? Das sagt jeder.

»So ’ne kleine Frau« von Silly?

Zählt für mich zu den Top 20, auch »Das Buch« von den Puhdys, »Albatros« und »Gewitterregen« von Karat sowie »­Danke Engel« von City. Das alles gehört für mich zum Grundkanon deutschsprachiger Rock- und Popmusik, auch wenn unsere Songs bis heute wenig bis keine Chance in den Medien haben. Aber mir geben auch Künstler aus dem Westen recht. Max Herre zum Beispiel sampelt auf seinem aktuellen Album den Panta-Rhei-Titel »Nachts« mit den Vocals von Veronika Fischer.

Den gegenwärtig umfassendsten Überblick über die DDR-Musikszene bietet eine sechsteilige CD-Box, die kommenden Freitag erscheint: »Die 100 besten Ostsongs« von Radio Eins. Das sind über sieben Stunden gute Musik von Punk bis Pop. Die wird es auch digital auf den einschlägigen Portalen geben. Record-Release-Party mit den Skeptikern, Herbst in Peking, André Herzberg, Uschi Brüning, Günther Fischer und anderen ist am 18. November im Festsaal Kreuzberg.

Jörg Stempel machte sein Abitur mit Berufsausbildung (Schlosser) in einem Zisterzienserkloster in Pforta (Sachsen-Anhalt). »Da sind berühmte Leute zur Schule gegangen«, sagt er: »Klopstock, Fichte, Nietzsche, Stempel – in der Reihenfolge.« 1980 kam er zum Plattenlabel Amiga. Das Ende der DDR erlebte er als Manager von den Puhdys, Ines Paulke und IC Falkenberg. 1990 wurde er Vertriebsleiter Ost der BMG Ariola München GmbH, ab 1994 Verwalter und Verwerter des von der Bertelsmann Music Group (BMG) aufgekauften Amiga-Katalogs (Amiga-Labelmanager), seit 2005 arbeitet er freiberuflich als letzter Amiga-Musikbeauftragter im Majorbusiness bei Sony Music.

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