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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 15 / Geschichte
Vietnamkrieg

Vereint gegen den Krieg

Vor 50 Jahren fand der »Moratorium March on Washington« statt
Von Jürgen Heiser
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Demonstration für die Beendigung der US-Aggression in Vietnam am 15. November 1969 in Washington D. C.

Am Vormittag des 15. November 1969 zogen Mitglieder der außerparlamentarischen »Aktionsgemeinschaft Neusser Lehrlinge, Arbeiter, Schüler und Studenten« (ANLASS) durch die belebte Innenstadt der rheinischen Industrie- und Binnenhafenstadt. Auf Plakaten forderten sie »Schluss mit dem schmutzigen Krieg!« und »Sofortiger Rückzug der US-Truppen aus Vietnam!« In ihrer Mitte trugen sie einen schwarzen Sarg, auf den sie bei einer Zwischenkundgebung die Worte »Das vietnamesische Volk« sprühten. Die ANLASS-Aktivisten verteilten Flugblätter mit ihren Forderungen und dem Aufruf zur Teilnahme an einer Demonstration am Nachmittag dieses Sonnabends in der benachbarten Landeshauptstadt Düsseldorf.

Nach der Zwischenkundgebung schlossen sich dem Tross immer mehr junge Frauen und Männer an und strebten zum Rathaus am Neusser Marktplatz. Das dortige Happening im Zen­trum der traditionell konservativ-katholisch regierten Stadt hatte die Aufmerksamkeit vieler Menschen auf sich gezogen und heftige Diskussionen über einen Völkermord entfacht, dessen furchtbare Bilder seit Jahren allabendlich über die Bildschirme westdeutscher Fernsehgeräte flimmerten.

Breite Kampagne

Die Aktion in Neuss war Teil einer von den USA ausgehenden weltweiten Mobilisierung des »Vietnam Moratorium Committee« für den sogenannten M- Day am 15. November, an dem der »Moratorium March on Washington« in den USA stattfand. Moratorium bedeutete, dass die Antikriegsbewegung der US-Regierung Anfang 1969 für die Beendigung ihres militärischen Aggression in Vietnam eine Frist bis zum 15. Oktober 1969 gesetzt hatte. Für die New York Times war der Marsch in Washington »vermutlich der größte Antikriegsprotest, der jemals in den Vereinigten Staaten» stattfand. Allein in Washington D. C. nahmen etwa eine halbe Million Menschen daran teil. Gleichzeitig wurde in weiteren US-Städten demonstriert. In San Francisco gingen über eine Viertelmillion Menschen auf die Straße, darunter gut die Hälfte aller High-School-Schüler, denen die Behörden die Teilnahme mit der Begründung verboten hatten; das Moratorium sei »unpatriotisch«. Stark war auch die Beteiligung an Veranstaltungen zum »M-Day« in Ländern der engsten Verbündeten der USA wie Großbritannien, Australien und der BRD.

Das »Moratorium to End the War in Vietnam« war eine auf die Beteiligung weiter Bevölkerungsteile angelegte Kampagne. Mit ihr sollte die neue US-Regierung unter dem Republikaner Richard Nixon (1913–1994) zur Beendigung ihrer Kriegshandlungen gezwungen werden. Der Journalist Stanley Karnow schrieb in »Vietnam: A History« (New York 1983), dass »bis zum Amtsantritt Nixons am 20. Januar 1969 bereits mehr als 34.000 US-Soldaten in Vietnam gefallen waren«. Zu diesem Zeitpunkt waren dort 543.400 amerikanische Militärs im Kampfeinsatz, die nur grob geschätzte Zahl der vietnamesischen Kriegsopfer lag bereits bei mindestens zwei Millionen. Doch Nixons Wahlkampfgerede von einem »ehrenvollen Frieden«, den er anstrebe, und der geplanten »Vietnamisierung« des Krieges, also der Hochrüstung der Armee der südvietnamesicshen Marionettenregierung, erwies sich nach seinem Wahlsieg als reine Propaganda, so dass die Stimmung in der Bevölkerung kippte.

Das war indes auch der Erfolg der beharrlichen Arbeit der Antikriegsbewegung, deren Kern das 1967 geschmiedete Bündnis »National Mobilization Committee to End the War in Vietnam« war. Dieser Zusammenschluss zahlreicher Organisationen schrieb schon in seinem Gründungsjahr mit der Massendemonstration vor dem Gebäude der Vereinten Nationen in New York City und mit dem »Marsch auf das Pentagon« Geschichte. Die Bilder von Wehrpflichtigen, die ihre Einberufungsbescheide verbrannten, und von Armeeveteranen, die ihre Orden und Auszeichnungen wegwarfen, wurden weltweit zu Zeichen des Widerstandes gegen diesen verbrecherischen Krieg.

Innenpolitisch brisant wurde die Lage für die Kriegstreiber vom militärisch-industriellen Komplex, als sich im Frühjahr 1968 die »Poor People's Campaign« der schwarzen Bürgerrechtsbewegung konstituierte. Denn die maßgeblich von Martin Luther King jr. initiierte »Kampagne der Armen« richtete sich unmissverständlich sowohl gegen die bedrückende Armut in den Ghettos der USA als auch gegen den imperialistischen Krieg in Vietnam, wo die um ihre Selbstbestimmung kämpfende Bevölkerung »in die Steinzeit zurückgebombt« werden sollte, wie US-Luftwaffengeneral Curtis E. LeMay gedroht hatte. Nixon und Co. hielten das strategische Zusammengehen von Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung für äußerst gefährlich, und King wurde Anfang April 1968 just in dem Moment ermordet, als er die Kampagne in Memphis, Tennessee, starten wollte.

Man hatte sich jedoch verrechnet. Die spontanen Aufstände nach Kings Ermordung erfassten nicht nur mehr als hundert Städte in den USA, sondern auch die US-Armee in Vietnam, wo sich schwarze und weiße GIs im Protest zu Soldatenkomitees zusammenschlossen und sich weigerten, weiter Krieg gegen ein unterdrücktes Volk zu führen.

»Schweigende Mehrheit«

Weil also Nixon das während seiner Wahlkampagne 1968 gegebene Versprechen, nach seinem Amtsantritt sofort mit dem Truppenabzug zu beginnen, hintertrieb, räumte die Antikriegsbewegung seiner Regierung Anfang die besagte Frist ein. In dieser Zeit nahm die Bewegung einen neuen Aufschwung und setzte mit Massendemonstrationen in Boston, New York City und vielen anderen Orten ein Zeichen.

Als Reaktion auf das »Moratorium« wandte sich Nixon am Abend des 3. November 1969 in einer landesweiten Fernsehansprache an die »schweigende Mehrheit« und bat sie um ihre Unterstützung. Er beendete seine Rede mit dem Appell: »Lassen Sie uns einig sein für den Frieden und gegen eine Niederlage. Und lassen Sie uns von dem gemeinsamen Verständnis ausgehen: Nordvietnam kann die Vereinigten Staaten nicht besiegen oder demütigen. Das können nur wir Amerikaner selbst tun.«

Der damals 21jährige Brite Jonathan Neale studierte in den USA und war seit Jahren aktiv gegen den Krieg. In seinem Buch (siehe Quelle unten) beschrieb er die 1969 anwachsende Welle von Streiks, Besetzungen und Aktionen des zivilen Ungehorsams. Entgegen Nixons Behauptung habe jedoch die »schweigende Mehrheit« nicht hinter dem Präsidenten gestanden. Denn »da er Frieden versprochen hatte und Krieg führte, stand die ›schweigende Mehrheit‹ jetzt auf unserer Seite«, so Neale. So seien am 15. November 1969 »dreißig Stunden lang« Menschen durch Washington gezogen. Viele hätten Plakate »mit dem Namen eines zerstörten vietnamesischen Dorfes« oder gefallener US-Soldaten getragen. Als das Justizministerium blockiert wurde, habe sich die Polizei mit Gasmasken in die Menge gestürzt, losgeknüppelt und mit Tränengas geschossen. Ein Staatsanwalt namens John Mitchell, der das von seinem Büro aus beobachtete, habe später das Gefühl geäußert, etwas wie »die Russische Revolution zu erleben«. Der »Sturm auf das Winterpalais« war es nicht, aber, so erinnerte sich Neale, »es war viel mehr, als Mitchell oder ich je erlebt hatten«.

Geheimoperation »Duck Hook«

Nixon versuchte den Krieg zu beenden, ohne ihn zu verlieren. Das Weiße Haus begann die Operation »Duck Hook« (Entenhaken) zu planen – die flächendeckende Bombardierung Kambodschas und Nordvietnams, die Invasion in Kambodscha und Laos und den Einsatz der Atombombe gegen Nordvietnam, wenn es nötig sein sollte. Die Operation »Duck Hook« sollte vor der amerikanischen Bevölkerung geheimgehalten werden, aber eine deutliche Drohgebärde gegenüber der nordvietnamesischen Führung sein. Die meisten Amerikaner erwarteten 1969 von Nixon den Friedensschluss. Als sie begriffen, dass er keinen Frieden schließen würde, lebten die Proteste wieder auf. Im November 1969 demonstrierten 500.000 Menschen in Washington. Das waren mehr, als 1963 an Martin Luther Kings Bürgerrechtsmarsch teilgenommen hatten, die größte Demonstration in der amerikanischen Geschichte. (...)

Nixon wollte die Protestbewegung besänftigen, aber nicht den Krieg verlieren. Am 20. April 1969 verkündete er den Abzug von 150.000 Soldaten aus Vietnam im Verlauf des nächsten Jahres. Gleichzeitig wurde die Operation »Duck Hook« fortgesetzt. Zehn Tage später ließ Nixon Truppen in Kambodscha einfallen. Der Vietnamkrieg hatte bereits ganz Indochina erfasst. In Kambodscha und Laos bekämpften kommunistische Guerillabewegungen ihre Regierungen, und amerikanische Flugzeuge halfen diesen Regierungen, indem sie die Bevölkerung bombardierten.

Jonathan Neale: »Der amerikanische Krieg. Vietnam 1960–1975«, Bremen/Köln 2004, S. 148/149

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