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Die Weisheit des jungen Prinzen

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs
Von Lucas Zeise
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Im Januar 2016 hatte Mohammed bin Salman den baldigen Börsengang der Ölgesellschaft Aramco angekündigt. Im Dezember wird er vermutlich stattfinden. Wir wissen nicht, was die kleine Verzögerung von fast vier Jahren bewirkt hat. Aber wir gratulieren dem Kronprinzen des Königreichs Saudi-Arabien, dass er das profitabelste Unternehmen der Welt jetzt »öffentlich zugänglich« macht. »Going public« ist der im Englischen übliche Ausdruck für einen Gang an die Börse, wenn nämlich auch andere Reiche sich an dem sich ansonsten durch Exklusivität auszeichnenden Eigentum an einer Mehrwertproduktionsanlage beteiligen (und damit spekulieren) können. Der Kronprinz, in der Presse vertraulich auch kurz MBS genannt, vollzieht hier also ein Stück kapitalistischer Demokratisierung.

Auch für einen absolutistischen Monarchen ist so etwas keine einfache Aufgabe. Verzögert hat den Börsengang nicht der Krieg, den MBS gegen den Jemen schon 2015 vom Zaun gebrochen, aber trotz massiver Bombardierung des Nachbarlandes immer noch nicht gewonnen hat. Die Zerstörung zweier Ölraffinerien durch die Jemeniten im September hat zwar zu großem Produktionsausfall bei Aramco geführt, den Börsengang aber nicht verhindert. Und die Ermordung des Journalisten Kashoggi (Chaschukdschi) hat zwar für etwas schlechte internationale Presse gesorgt, aber nachdem MBS die »Verantwortung« für den Mord übernommen hatte, das Projekt Aramco nicht zum Scheitern gebracht.

Die eigentlichen Probleme sind andere. Erstens der Preis: Aramco hat für 2018 einen Gewinn von 111 Milliarden US-Dollar ausgewiesen. Es verfügt über die größten Erdölfelder auf dem Globus, aus denen der Rohstoff ohne großen Aufwand (zu weniger als zehn Dollar je Fass) aus dem Boden geholt werden kann. MBS ist nicht der einzige, der sagt, das ganze Unternehmen müsse also mit zwei Billionen Dollar bewertet werden. Würden zwei Prozent des Aktienkapitals über die Börse verkauft, so brächte das 40 Milliarden Dollar ein. Schon das wäre deutlich mehr als im Falle des bis heute größten Börsengangs des chinesischen Internetkonzerns »Alibaba«. Zweitens der Börsenplatz: New York, London oder Hongkong, wie zunächst geplant, sind zwar prestigeträchtig und würden das Finanzkapital weltweit zugreifen lassen. Der Nachteil: Nach den dort herrschenden finanzkapitalistischen Regeln müsste ein Minimum an Transparenz und eine leichte Einschränkung der Willkür des Mehrheitsaktionärs (in diesem Fall das saudische Königshaus) gegenüber den neuen Minderheitsaktionären gewährleistet werden.

Angesichts dessen fiel die Wahl des Prinzen und seines Konsortiums, bestehend aus den größten und mächtigsten Banken der Welt, auf Tadawul, den selbstkontrollierten Handelsplatz im heimischen Riad. Das beschleunigte die Börsenzulassung. Es änderte auch den Tenor des Börsengangs. War zuvor der Hauptadressat des Aktienverkaufs das US-Finanzkapital, wovon sich die Saud-Familie die verstärkte Protektion durch Regierung und Streitkräfte der USA erhoffte, so werden nun die Mitbürger und Mitadeligen im Lande selbst umworben. Jeder Saudi soll für zehn gekaufte Aktien eine elfte gratis erhalten. Auch jene, die wie zum Beispiel Prinz Walid bin Talal Al Saud im Coup von 2017 vorübergehend teilenteignet und im Ritz-Carlton-Hotel eingesperrt worden waren. So zeigt sich die Weisheit des immer noch jungen Prinzen: Für einen kleinen Preisabschlag bei Aramco erkauft er sich Unterwerfung bei der obersten Schicht der Untertanen.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main

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