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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 8 / Abgeschrieben

Gedenken an Opfer der Novemberpogrome

Die Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) gedenkt am 9. November ab 17 Uhr am Mahnmal Levetzowstraße in Berlin-Moabit der Opfer der Pogrome von 1938. Es schließt sich eine Demonstration zum Deportationsmahnmal auf der Putlitzbrücke an.

Als Organisation von ehemaligen Widerstandskämpfern und Verfolgten des Naziregimes hoffen wir, das sehr, sehr viele Menschen nach dem antisemitischen Terroranschlag in Halle die Gedenkveranstaltungen dazu nutzen werden, ein klares Zeichen gegen Antisemitismus und der Solidarität mit den hier lebenden Jüdinnen und Juden zu setzen – »Erinnern heißt handeln!« (Esther Bejarano, Auschwitz-Komitee, VVN-BdA).

»Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.« Dieses Diktum des Auschwitz-Überlebenden Primo Levi bleibt uns Verpflichtung. (…) Als Zeitzeuge wird Peter Neuhof, geboren 1925, reden. Durch, wie er selbst sagte, »unwahrscheinliche Glücksumstände« überlebte er, Sohn kommunistisch-jüdischer Widerstandskämpfer aus Frohnau, die Naziherrschaft. Peter Neuhof erklärt: »Meiner Meinung nach müssen wir besonders die AfD offensiv bekämpfen. Diese Leute transportieren den Geist von gestern, und sehr viele Menschen fühlen sich leider davon angezogen. Erschreckend finde ich auch, wie normal es in den Medien geworden ist, diese Leute unwidersprochen reden und schreiben zu lassen.« (…)

Die Vorsitzenden der Bundestagsfraktion von Die Linke, ­Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, erklärten am Freitag zum 9. November:

30 Jahre Friedliche Revolution und 30 Jahre Mauerfall sind historische Momente von großer Hoffnung und Zuversicht. Der Aufbruch des Herbstes 1989 geht als eine beispiellose Demokratiebewegung in die deutsche Geschichte ein. Die Friedliche Revolution war eine historische Leistung, auf die die Ostdeutschen stolz sein können. Doch Hoffnungen und Enttäuschungen lagen nah beieinander. Auf den Aufbruch 1989 folgten Ohnmachtserfahrungen in den 1990er Jahren.

30 Jahre Mauerfall ist heute Auftrag, das Land sozial zu einen und endlich gleichwertige Lebensverhältnisse herzustellen. Die aktuelle Bundesregierung versagt bei diesen Aufgaben. Wir sollten uns an einem solchen Tag fragen, wie es dazu kommen konnte, dass das Land heute sozial, kulturell, politisch zwischen Städten und ländlichen Regionen so gespalten und polarisiert ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Vor 30 Jahren waren für die meisten Menschen in Ost und West die heutige soziale Spaltung des Landes und die grassierende ökonomische Unsicherheit unvorstellbar. Wir treten dafür ein, dass wir spätestens den 35. Jahrestag des Mauerfalls in einem sozialeren und gerechten Land begehen. Und wir brauchen mehr Fairness zwischen Ost und West. Wir fordern kein Extrapaket für den Osten, sondern einen Pakt für föderale Fairness – bei Löhnen, Renten, Personal, Behörden, Forschungseinrichtungen und Bundesunternehmen. Das wäre strukturpolitisch sinnvoll und von hoher Symbolkraft. Es geht um Augenhöhe, die dringend notwendig ist 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Debatte

  • Beitrag von Rainer A. aus Zwickau ( 9. November 2019 um 19:35 Uhr)
    Liebe Sahra Wagenknecht, lieber Dietmar Bartsch, Ihre Erklärung zum 9. November hat mich maßlos enttäuscht. Die ersten drei Sätze waren wohl in den Ohren bundesdeutscher Politiker aus dem Lager der herrschenden Kreise eine wunderbare Symphonie der Arschkriecherei, für mich allerdings eine völlig irreale Wertung dieses Zeitraumes der deutschen Geschichte. Die Zeit um den 9. November 1989 sah weder eine »beispiellose Demokratiebewegung« noch eine »friedliche Revolution, worauf die Ostdeutschen stolz sein können«. Das ist wohl das mindeste einer Wertung des Geschehens, was man von einem linken Politiker erwarten kann – vorausgesetzt, er will wirklich »linke Politik« machen: Die sogenannte Wende – oder wie man die politischen Ereignisse bei der Zerschlagung der DDR auch immer nennen mag – war ganz schlicht und einfach eine vom deutschen Imperialismus lang vorbereitete Konterrevolution. Die Macht der Arbeiter und Bauern, aller Werktätigen wurde zerschlagen, das Volkseigentum ging wieder in die Hände der Monopole, alle sozialen Errungenschaften wurden rückgängig gemacht, und mit der Beseitigung der DDR als Friedensstaat war es wieder möglich, dass sich Deutschland an Kriegen beteiligt. Ich weiß ja nicht, was Sie sich vom »Mauerfall« als historischem Moment an großen Hoffnungen und Zuversichten machten, aber ich hoffe, Sie meinen nicht wachsende Arbeitslosigkeit, Obdachlose, die Möglichkeit, als Soldat im nächsten Krieg zu verrecken, Rentner- und Kinderarmut und so ziemlich alle Schandtaten einer Gesellschaft, die der imperialistische Staat so mit sich bringt. Was auch immer Sie mit dieser Erklärung beabsichtigten, ich verstehe es nicht. Liebe Genossin Wagenknecht, ich habe immer Ihre Reden, Artikel usw. gerne gelesen, sie haben mir auch stets etwas gegeben. Ich hielt Sie immer von den linken Politikern für eine aufrechte, starke, revolutionäre Kämpferin für die Sache der Arbeiterklasse (ich habe Sie immer ein wenig mit Rosa Luxemburg verglichen). Sollte ich das alles falsch verstanden haben, habe ich mich tatsächlich so getäuscht. Ich verstehe es einfach nicht. Mit freundlichen Grüßen Rainer Albert

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