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Aus: Ausgabe vom 09.11.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Terra incognita

Auf der Suche nach Kommunismus: Zu Leben und Werk des Kulturphilosophen Lothar Kühne
Von Martin Küpper
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»Was wir heute ›Häuser‹ nennen, sind Silos. Unsere Aufgabe ist die Schöpfung des neuen Hauses, in dem sich die Stadt aufhebt.« Baustelle einer Wohnsiedlung in Hoyerswerda, 1967

In den letzten Jahren boomte die Forschung zur Literatur, Kunst und Alltagskultur der DDR. Zuletzt hat der Historiker Gerd Dietrich eine dreibändige Übersicht zur Kulturgeschichte der DDR vorgelegt. Dagegen sind Abhandlungen rar, die sich der Geschichte der Gesellschaftswissenschaften widmen. Sie werden häufig von ehemaligen Akteuren verfasst, geleitet von Erinnerungen, die das wissenschaftliche Geschehen zwischen den Klischees Dissidenz und Dogma orten. Das damit eine verengte Sicht einhergeht, ist nichts Neues. Schon der Schriftsteller Heiner Müller (1929–1995) gab 1979 zu Protokoll, dass die »Sozialismusklischees der Medien« an der Wirklichkeit vorbeigehen. Sie »bedienen den Appetit auf Signale von Verrat aus dem Lager jenseits des Kapitalismus, garantieren das gute Gewissen des Konsums, den Frieden der Korruption«1, so Müller weiter. Noch heute entfalten sie ihre fatale Wirkung. 2018 monierte Klaus Schroeder, Leiter des »Forschungsverbundes SED-Staat« an der Freien Universität Berlin: »Viele Studenten geben sich meinungsfreudig und gesellschaftskritisch. Doch über die DDR (…) fehlt ihnen etwas Entscheidendes – ausreichendes Wissen.«2 Freilich intendiert Schroeder keine gegen den offiziellen Strich gebürstete Geschichtsschreibung. Sein Unmut zeigt aber, dass die Wissenschaftsgeschichte der Gesellschaftswissenschaften in der DDR einer Kartographierung des Meeresbodens gleichkommt. Die Quellenlage ist häufig dürftig erfasst, die Rezeption ideologisch gebrochen.

Ein besonderes Beispiel ist die philosophische Ästhetik in der DDR. Neuere Einführungswerke kennen die Entwicklungen im Sozialismus nicht. Allenfalls Georg Lukacs (1885–1971) kommt hin und wieder zu Wort, aber nicht mit seinem opulenten Werk »Die Eigenart des Ästhetischen« (1963). Wissenschaftliche Handreichungen für die Kulturpolitik, wie die von der Philosophin Karin Hirdina (1941–2009) verfasste Broschüre »Sozialistische Kultur und Gestaltung der Umwelt« (1976), sind unbekannt. Ein Blick hierein offenbart: Umweltgestaltung ist nicht nur politische Aufgabe, sondern auch »ästhetisches Formieren«.

Die Mischung aus Unkenntnis und ideologischer Verzerrung drückt sich selbst in aktuellen politischen Kämpfen aus. Der ästhetische Aspekt einer emanzipatorischen Wohn- und Stadtpolitik wird kaum thematisiert. Umweltgestaltung ist aktuell auf politische, juristische oder ökologische Fragestellungen fixiert.

Neue Ästhetik

Die Suche nach einer revolutionären Praxis der Umweltgestaltung, war das Thema des 1931 in Bockwitz bei Lauchhammer geborenen Philosophen Lothar Kühne. Sein Werk taucht in Forschungen zur Philosophie und Ästhetik in der DDR nur beiläufig und widersprüchlich auf. Kühne sei angehalten gewesen, so der Kunsthistoriker Ulrich Reinisch, durch die »Ästhetik das theoretische Fundament« einer »marxistischen Kunstgeschichte«3 bereitzustellen. Der Musikphilosoph Günter Mayer (1930–2010) berichtet hingegen, dass Kühne zwar bekannt gewesen sei, aber selbst die Ästhetiker Wolfgang Heise (1925–1987) und Erwin Pracht (1925–2004) seien »der herausragenden Bedeutung Kühnes zunächst kaum bewusst geworden«.4

Wer Kühnes Werk einordnen will, hat es nicht leicht. Seine Lebensstationen geben nur spärliche Hinweise auf sein Schaffen. Er arbeitete nie an der 1968 gegründeten Sektion Ästhetik/Kunstwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin (HUB). Er war auch nicht Mitglied einer der Vorgängerinstitute, sondern lehrte von 1960 bis 1982 an der HUB, ab 1971 als Professor für Marxismus-Leninismus, ab 1980 an der Sektion für marxistisch-leninistische Philosophie.

Seine Dissertation von 1965 zu erkenntnistheoretischen und ästhetischen Problemen der Architekturtheorie war ein Paukenschlag. Auf der Suche nach einer »sozialistischen Architektur« kaprizierte sich der wissenschaftliche Diskurs in den 50er Jahren auf die Frage, ob die Architektur künstlerisch oder praktisch-technisch aufzufassen sei. Kühne schlug dagegen vor, sie »als für das Leben von Menschen geordneten Raum« zu verstehen, der »aktiv auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens« einwirke. Daher sei sie »weder das bloße räumliche Ergebnis technischer und praktischer Erwägungen« oder ein künstlerischer »Raum für das sinnliche Erleben«. Sie bilde vielmehr »sinnlich erlebbare Räume für Tätigkeiten von Menschen«5. Kühne trennte Architektur von Kunst und verlangte eine beiden gemäße Ästhetik. Das war keineswegs neu, schon der Architekt Adolf Loos (1870–1933) forderte, die Architektur von der Kunst zu befreien. Auch die Architektur am Bauhaus, wie Kühnes Gutachter, der Philosophiehistoriker Hermann Ley (1911–1990), bemerkte, habe ähnliche Positionen hervorgebracht. Das im Neuen Bauen und im Funktionalismus entwickelte Verständnis von Architektur sei auch für den Sozialismus nutzbar, gab Ley zu bedenken. Er monierte nur, dass sein Prüfling die Avantgarden mit keiner Silbe erwähnt. Der Hinweis fiel auf fruchtbaren Boden, später nannte Kühne sein Konzept »Funktionalismus«. Ähnliche Entwicklungen fanden zeitgleich in anderen Disziplinen statt. Der Soziologe Fred Staufenbiel (1928–2014) löste das Design aus den angewandten Künsten und definierte es als Einheit von Gebrauchs- und Kulturwert.

Den Rahmen für diese Vorstöße bildete die Ende der 50er Jahre initiierte sozialistische Kulturrevolution. Im Beschluss des V. Parteitages der SED von 1958 heißt es: »Die sozialistische Kulturrevolution ist ein notwendiger Bestandteil der gesamten sozialistischen Umwälzung, in der die kulturelle Massenarbeit mit der politischen Massenarbeit, mit der sozialistischen Erziehung und allen Maßnahmen zur Steigerung der sozialistischen Produktion und der Produktivität der Arbeit auf das engste verbunden ist.«6 Das kulturelle Leben sollte neu organisiert und mit dem ökonomischen besser verklammert werden. Die Designprodukte der DDR sollten die internationale Bühne des Weltmarktes betreten. Die fortschreitende Industrialisierung der Bauweise benötigte ein neues theoretisches Fundament. Die Gesellschaftswissenschaften sollten der Fragen nachgehen, was Kultur im Sozialismus ist und wie sie gestaltet werden kann. Die Ästhetik zog aus der Philosophie aus und wurde auf eigene Beine gestellt. Die Gründung der Sektion Ästhetik/Kunstwissenschaften an der HUB im Zuge der dritten Hochschulreform von 1968 war die institutionelle Konsequenz. Die Spannbreite der an der Sektion vertretenen Einzeldisziplinen reichte von der Archäologie, der Kulturwissenschaft bis zur Musikerziehung.

Neues Haus

Das Problem einer nicht mehr kunstzentrierten Ästhetik stellte sich für Kühne also vor dem Hintergrund einer intensivierten sozialistischen Umwälzung, die einer allgemeinen Kulturtheorie bedurfte. Er nahm diesen Faden auf und begann in einer Reihe von Essays, seine an der Architekturtheorie gewonnene Auffassung auf die Umweltgestaltung auszuweiten. In dem Vortrag »Perspektiven des Bauens«, den er 1970 auf einer Tagung des Instituts für Stahlbeton und des Industriezweigverbandes Beton hielt, ging er davon aus, dass der Sozialismus eine neue Beziehung zwischen Natur und Gebautem benötige. Die fortgeschrittene Technik müsse Ansätze liefern, die Aufhebung des Gegensatzes und des Unterschiedes von Stadt und Land zu befördern. Eines der dringlichsten Probleme sei der in die Krise geratene Verkehr. »Die Verkehrsmittel entwickeln sich schneller als die Verkehrsbasis«7, was sich zerstörerisch auf die räumlichen Lebensbedingungen auswirke. Im Sozialismus steige der motorisierte Individualverkehr wie im kapitalistischen Westen und entfalte eine Sogwirkung, der eine sozialistisch orientierte Stadtplanung nicht erliegen dürfe. Der politische Fokus habe statt dessen auf der Vertiefung der Kulturrevolution zu liegen, die eine neue Lebensweise produziere. Hierfür sei eine Architektur nötig, die noch nirgends das Leben gestaltet. Bissig konstatiert er gegenüber den anwesenden Fachleuten: »Was wir heute ›Häuser‹ nennen, sind Silos, in denen nicht Sachen, sondern Menschen gehäuft sind. Die wichtigste Funktion dieser Gebilde scheint darin zu bestehen, Straßen und Plätze zu garnieren, und teilweise auch darin, der Sichtreklame geeignete Stütze zu bieten.«8 Kühne gibt sich aber nicht dem Kulturpessimismus hin. Er wandelt die negativen Urteile in positive Forderungen um: »Unsere Aufgabe ist die Schöpfung des neuen Hauses, in dem sich die Stadt aufhebt, in dem der Mensch sich als Kollektivwesen und darin als Individuum und durch das er die Natur findet. Das als Wohnsilo funktionierende Bauwerk wird durch einen funktionell gegliederten räumlichen Organismus ersetzt (…). Dieses Haus gründet sich auf der Wohnung, die neu zu durchdenken ist, nicht als pseudokollektivistische Einschränkung des Intimen und der räumlichen Individuation, sondern als deren Gewinn. Und sie gründet sich auf den Räumen der gegenüber der Familie übergreifenden Gemeinschaften.«9 Lag der Schwerpunkt bis dato auf dem Wiederaufbau zerstörter Bausubstanz müsse der nächste Schritt sich an den städtebaulichen Erfahrungen der DDR etwa beim Aufbau von Hoyerswerda, Eisenhüttenstadt oder Schwedt orientieren, da es leichter sei, Neues zu bauen.

Stadt, Land, Kommunismus

Damit greift Kühne Themen auf, wie sie gegen Ende der 20er Jahre in der Sowjetunion debattiert wurden. Im Rahmen des ersten Fünfjahresplans war die Errichtung von 200 Städten vorgesehen. Wettbewerbe wurden ausgerufen, Fachdebatten intensiviert. »Urbanisten« und »Desurbanisten« rangen um die Form der »Vergesellschaftung der Lebensweise und die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land«10, wie der Sozialwissenschaftler Thomas Möbius schildert. Erstere hielten an der Stadt als grundlegender Siedlungsform fest. Letztere entwarfen Siedlungen, in denen »entlang von Hauptverkehrsstraßen (…), jeweils getrennt durch breite Grünzonen, Bänder mit den Wohnungen, den kulturellen und Dienstleistungseinrichtungen, für die Industrie und den Verkehr verlaufen«11. Der Architekturtheoretiker Nikolai A. Miljutin (1889–1942) charakterisierte diese bandartigen Strukturen als »Stadtlandschaft«12.

In seinem Essay »Haus und Landschaft« (1974) radikalisiert Kühne diesen Ansatz. Die »räumliche Umwelt«, heißt es da, »ist nicht nur die Grundlage (…) der gesellschaftlichen Lebensweise der Menschen, sondern ein wesentlicher Faktor ihrer Formierung.«13 Der Gestaltungsspielraum wird umso bedeutender, je fester die sozialistischen Produktionsverhältnisse juristisch und politisch verankert seien. Gegen eine selbstgenügsame Nabelschau sozialistischer Leistungen gerichtet, mahnt Kühne abermals zur Vertiefung der Revolution: »Sind wir von der privateigentümlichen Dummheit zur kommunistischen Weisheit umfassend schon dadurch gelangt, daß wir die Kapitalisten, die fanatischen Funktionäre des Privateigentums, überwunden haben?«14 Das privateigentümliche Haben und die damit verbundenen Begierden und Träume seien selbst im Sozialismus nicht überwunden, die Gefahr eines Rollback insofern immer gegeben.

Die kapitalistische Stadt habe das Haus als das »in einem Baukörper zusammengefasste System räumlicher Organisation (…) komplexer Bereiche des Lebens menschlicher Gemeinschaften«15 bisher ihren Erfordernissen untergeordnet. Um die Umweltgestaltung von dieser Last zu befreien, sei aber keine besonders raffinierte Bauweise oder ein sozialistischer Stil vonnöten. Entscheidend ist der praktische Versuch, eine Baukultur zu begründen, in der nicht mehr die Stadt die zukunftsweisende Siedlungsform sei. Gemeinschaft, Produktion und Natur sollen vielmehr in einem räumlichen Zusammenhang stehen, der »sinnlich erlebbar, praktisch ohne ein besonders einzusetzendes Verkehrsmittel oder durch eine besondere Zeitabhängigkeit von Verkehrsmitteln durch Gehen erschließbar und geistig als Vorstellungsbild angeeignet«16 werden kann. Die Einheit von Landschaft und Haus bildet den »inneren Kreis der Selbstverwirklichung« der Gesellschaftsglieder. Und weiter: »Die kommunistische Universalität des Menschen hat in der Landschaft den voraussetzenden Raumgrund, nicht ihren Erfüllungsraum, denn ihr Inhalt ist die Menschheit.«17

Diese Elemente werden in seinem Hauptwerk »Gegenstand und Raum« (1981) zu einer systematischen Theorie zusammengeführt. Ausgehend von der Frage, wie die Gestaltungspraxis in die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse eingegliedert ist, gelangt er zu den »Funktionen des Ästhetischen in der kommunistischen Gesellschaft«. Fluchtpunkt seiner Überlegungen ist das gegenständliche wie räumliche Verhalten der Individuen in einer Umwelt, das frei »von dem Druck der Verunsicherung, von den Zwängen zu ihrer Vergeudung und von der bloßen Sorge um ihren Erhalt«18 sei.

Der Kunstzentrismus in der Ästhetik, das Ornament in der Gestaltung, die kritiklose Beförderung der Urbanität waren ihm dabei Überbleibsel eines bürgerlichen Zeitalters, das der Sozialismus als erste Stufe des Kommunismus zu überwinden habe. Dessen Kriterien ergeben sich für Kühne aus der Kritik am real existierenden Kapitalismus jenseits der Elbe und den diesseitigen Erfahrungen. Um die zweite Stufe zu erklimmen, wird also nicht das administrative Verbot der bürgerlichen Relikte, sondern eine kommunistische Produktionsweise benötigt, die von der Warenproduktion befreit, ihr Maß in der Entfaltung von frei verfügbarer Zeit und frei gestaltbaren Raum für die Individuen findet. Der Weg dorthin wird von der Arbeiterklasse und deren Bündnispartnern geebnet. Deren notwendiger politischer Ausdruck sei eine kommunistische Partei, die den Gang in eine klassenlose Gesellschaft beständig voranzutreiben habe. Das ist – in den Augen Kühnes – ihre historische Aufgabe gegen deren Banalisierung er stetig ankämpfte. »Die Durchsetzung der Weltgeschichte ist das Werk des Kapitalismus«, konstatiert er, »aber die Verwirklichung der welthistorischen Existenz der Individuen kann nur als Kommunismus erfolgen.«19

Zur Diskussion

Kritiker charakterisierten Kühnes Vorstellungen als Utopismus und Technizismus, demzufolge die moderne Technik automatisch zum Kommunismus dränge. Andere wiederum sahen in ihm einen »grünen Vorstadtphilosophen«. Von Konrad Naumann (1928–1992), dem 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung in Berlin, ist die Anekdote überliefert, dass er öffentlich vor Kühne warnte. Dieser wolle der Arbeiterschaft die Früchte des so bitter erkämpften Wohnungsbauprogramms madig machen. Kühne irritierte jedoch nicht der geschaffene Wohnraum. Die vorläufigen Ergebnisse entsprachen nur minimal der Gestaltungslogik des Funktionalismus, die historische Chance die Landschaft zum realen Raumgrund zu machen, schien vertan. Die sogenannten Arbeiterschließfächer und die intensive Förderung von Kunst am Bau erschienen ihm als zu kritisierende »Fassadierung« einer missglückten Politik, die den Pfad der Kulturrevolution verwischte.

Als Kühne zum Ende der 70er Jahre beharrlich an der kulturrevolutionären Aufgabenstellung festhielt, war zwar seine Popularität unter der Studentenschaft ungebrochen, aber der politische und wissenschaftliche Gegenwind wurde schärfer. Dies begünstigte den Ausbruch einer schweren psychischen Erkrankung: Schizophrenie. 1982, als das Amt für industrielle Formgestaltung das internationale Seminar zum Funktionalismus veranstaltete, auf dem Kühne über den »Funktionalismus als zukunftsorientierte Gestaltungskonzeption« sprach, wurde er invalidisiert. Seines wissenschaftlichen Umfeldes weitestgehend beraubt, von der Krankheit zunehmend gezeichnet, ließ die Produktivität nach. Das revolutionäre Ziel, Arbeit ohne Entfremdung zu ermöglichen und hierfür die nötigen begrifflichen Instrumente zu entwickeln, behielt er dennoch im Auge. In den »Denkübungen zu Marx« (1985) schreibt er der Emanzipation ins Stammbuch: »Wie die kapitalistische Produktionsökonomie das soziale Elend der Arbeiter vertieft, ist die des Sozialismus eine emanzipatorische Ökonomie. Ihre Orientiertheit auf Zeit, Energie und Material der Produktion ist gegenüber dem Kapitalismus antagonistisch wertbestimmt. Hierdurch ist die Arbeit nicht nur unverkehrt bildend für das Leben der Menschen, sondern auch in bewahrender Art aneignend gegenüber der Natur, der Erde vor allem.«20 Das sei eine der »wichtigsten Richtungsweisungen für menschliches Handeln«, so Kühne weiter.

1988 veröffentlichte der Schriftsteller Volker Braun das Gedicht »Der Drachensegler«21:

*

Wolkichte Weite, er steht, vor Gier in den Himmel gebogen

Auf dem Dach des Bergs, unten züngelt der Grund

Dem er mit der Last entstieg, in die er sich jetze

Gurtet, selber als Last abzusinken, und nun

Kenn ich am Maul den Landsmann, der seinen Fluchtweg unfroh

Angibt: nämlich verreist ist er aus Sachsen, und rennt

Aber noch, ein ganz Wahnsinniger, bis auf das höchste

Felsengebirg. Er hälts, oben noch unten, nicht aus

Von dem Lande schleppt er aufwärts die schwierigen Flügel

Und in Vogels Gestalt wirft er sich von der Fluh

Höher, hinaus! der Kühne, sucht noch wieder das Weite

Starrend in die weglose Lust. Kühne fuhr an die See

*

Mit der Gedankenlast. Niemand der mit ihm trug.

*

Ließ den Wagen am Strand stehn und watete wider die Wellen

Auf den Grund

*

Die Nähe zum Ikarus-Mythos ist unübersehbar, ein beliebtes Motiv der späten Kunst in der DDR, um das brutale Ende sozialistischer Träumerei zu kennzeichnen. Ob Kühne sich den Fängen des Antagonismus von Traum und Wirklichkeit überantwortete? In seinen Vorlesungen hat er immer wieder gemahnt: Viele möchten in der DDR zur Arbeiterschaft gehören. Ihre historische Mission stets auf den Lippen, wollen aber nur die wenigsten die dazugehörige Arbeit machen. Am 7. November 1985 nahm sich Kühne das Leben.

1 Heiner Müller: Und vieles / Wie auf Schultern eine / Last von Scheitern ist / Zu behalten … , in: Werke. Schriften, Bd. 8, Frankfurt/Main 2005, S. 213

2 Klaus Schroeder: Meinungsstark und kenntnisarm, in: FAZ vom 10.05.2018

3 Ulrich Reinisch: Das Kunstgeschichtliche Institut der Humboldt-Universität 1946–1989, in: Geschichte der Universität Unter den Linden 1810–2010, Bd. 6, Berlin 2014, S. 327

4 Günter Mayer: Kulturwissenschaft - zwischen Aufstieg und Auflösung, in: Kulturation Jg. 6, Heft 1, 2008.

5 Lothar Kühne: Thesen zur Verteidigung der Dissertation, These 1, 1965

6 Protokoll der Verhandlungen des V. Parteitages, zit. in: Gerd Dietrich: Kulturgeschichte der DDR, Göttingen 2018, S. 811

7 Lothar Kühne: Perspektiven des Bauens, in: Berliner Debatte Initial Heft, Jg. 30, Heft 2, 2019, S. 50

8 Ebd., S. 51

9 Ebd., S. 52

10 Thomas Möbius: Russische Sozialutopien von Peter I. bis Stalin, Berlin 2015, S. 522

11 Ebd., S. 523

12 Vgl. ebd., S. 524

13 Lothar Kühne: Haus und Landschaft. Zu einem Umriss der kommunistischen Kultur des gesellschaftlichen Raumes, in: Weimarer Beiträge, Jg. 19, Heft 10, 1974, S. 62

14 Ebd., S. 65

15 Ebd., S. 74

16 Ebd., S. 89

17 Ebd., S. 90

18 Lothar Kühne: Gegenstand und Raum. Über die Historizität des Ästhetischen, Dresden 1981, S. 252

19 Lothar Kühne: Haus und Landschaft. Zu einem Umriß der kommunistischen Kultur des gesellschaftlichen Raumes, in: Weimarer Beiträge, Jg. 19, Heft 10, 1974, S. 91

20 Lothar Kühne: Denkübungen zu Marx: Gestaltungen des Reichtums, in: Sinn und Form, Jg. 37, Heft 3, 1985, S. 637

21 Volker Braun: Der Drachensegler, in: Sinn und Form, Jg. 40, Heft 4, 1988, S. 744 f

Lothar Kühne (10.9.1931 – 7.11.1985) war Kulturphilosoph, Architekturtheoretiker und einer der wichtigsten Vertreter des Funktionalismus in der DDR. Aus einer Arbeiterfamilie stammend, studierte er ab 1949 Philosophie und Kunstgeschichte in Halle an der Saale und Berlin. 1953 wurde er aus der SED ausgeschlossen, 1958 wieder aufgenommen. Kühne lehrte ab 1971 als ordentlicher Professor für dialektischen und historischen Materialismus an der Sektion Marxismus-Leninismus der Humboldt-Universität zu Berlin. 1982 wegen einer psychischen Erkrankung invalidisiert, nahm er sich 1985 das Leben.

Martin Küpper, Jg. 1989, ist Philosoph und lebt in Berlin. Studium der Philosophie und Geschichte in Potsdam, Berlin und Bergen. Veröffentlichungen zur Geschichte und Theorie des Materialismus, Hans Heinz Holz und Ernst Bloch. Er ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für dialektische Philosophie und publiziert regelmäßig im Feuilleton von junge Welt.

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