Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 05.11.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Ausbeutung in Down Under

Systematischer Lohnraub

Australische Unternehmen unterschlagen Gehaltsanteile. Das stört inzwischen auch die Regierung
Von Thomas Berger
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Streik der Beschäftigten von Fastfood-Restaurants in 60 US-Städten (Seattle, 29.8.2013)

Australiens konservative Kräfte, die seit Jahren die Regierung stellen, sind nicht besonders mitfühlend, wenn es um die Rechte abhängig Beschäftigter geht. Doch selbst Justiz- und Arbeitsminister Christian Porter prüft derzeit, ob nicht künftig besonders systematische Fälle von Lohnraub durch Unternehmen mit Freiheitsstrafen zwischen fünf und zehn Jahren geahndet werden sollen. Immer wieder werden Fälle aufgedeckt, in denen Angestellten über Jahre hinweg zuwenig Lohn ausgezahlt wurde.

Aktuell geht es um Franchisenehmer des Imbisskonzerns Subway. Sie sollen über die vergangenen zwei Jahre in drei Bundesstaaten 150.000 Australische Dollar (gut 90.000 Euro) unterschlagen haben, wie eine im Oktober veröffentlichte Untersuchung des Fair Works Ombudsmans (FWO), der Kontroll- und Beschwerdestelle der australischen Regierung, ergab.

Nach anonymen Hinweisen seien 22 Franchisefirmen in Queensland, New South Wales und Victoria unter die Lupe genommen worden und bei 167 derzeitigen beziehungsweise ehemaligen Beschäftigten die zu niedrige Entlohnung aufgeflogen. In einigen Fällen wurde nicht einmal der Mindestlohn gezahlt, in anderen den Mitarbeitern eigentlich zustehende Zuschläge für Überstunden oder Feiertagseinsätze vorenthalten. Ombudsfrau Sandra Parker hält die Verfehlungen nicht für Einzelfälle.

Gemessen an einem anderen Skandal, kann der Betrug bei den Imbissläden als geringfügig bezeichnet werden. Es geht um Wesfarmers, einen der größten börsennotierten Konzerne des Landes. 1914 als Farmerkooperative gegründet, ist der Mischkonzern heute milliardenschwer und in diversen Wirtschaftsbereichen tätig: Die Baumarktkette Bunnings trägt mit 1,8 Milliarden Australischen Dollar (AUD) gut 40 Prozent zum Gesamtertrag bei. Dazu gesellen sich die Kmart-Läden, industrielle Produktionen sowie Tochterfirmen im Sektor Chemie, Energie und Düngemittel. So riesig dieser Unternehmensverbund ist, so umfassend ist auch das systematische Einbehalten von Lohnanteilen. Am 1. Oktober räumte die Konzernspitze selbst ein, dass 2.000 aktuelle und 4.000 ehemalige Beschäftigte zuwenig Geld erhalten haben.

Die Gesamtsumme beläuft sich nach den aktuellen Erkenntnissen auf 15 Millionen AUD, also gut neun Millionen Euro. Vor allem Arbeitgeberanteile für Rentenbeiträge und andere Sozialbeiträge seien nicht in der vorgeschriebenen Höhe geleistet worden. Nicht nur die Höhe der Schäden für die Betroffenen ist bisher einmalig, sondern auch die mit neun Jahren lange Zeitspanne, in der dieser Betrug betrieben wurde. Noch sind nicht alle Untersuchungen abgeschlossen, bei FWO spricht man deshalb von »vorläufigen Schätzungen«. Sandra Parker kündigte bereits Ende September an, man werde weder Wesfarmers noch die Subway-Franchiseunternehmen einfach mit den Regelverstößen davonkommen lassen.

Ein anderer großer Fisch war dem Kontrollorgan bereits vor einigen Monaten ins Netz gegangen: Starkoch George Calombaris hatte in seiner Restaurantkette 500 aktuelle und frühere Beschäftigte um Lohnzusatzzahlungen in Höhe von insgesamt 7,8 Millionen AUD geprellt. Seine Firma musste die Löhne an die Betroffenen nachzahlen und wurde von der Ombudsfrau lediglich mit einer Strafe von 200.000 AUD belegt. Der vielfach auch im Fernsehen präsente Koch hatte sich Ende Juli vor laufender Kamera entschuldigt und mit teilweise überlasteter Lohnbuchhaltung herauszureden versucht.

Nach den Überlegungen des Arbeitsministers zu Strafverschärfungen und dem Vorhaben von Ombudsfrau Parker, »den vollen Umfang an gesetzlichen Durchgriffsoptionen« auszuschöpfen, will auch Sally McManus, Chefin des Gewerkschaftsdachverbandes ­ACTU, die Firmen nicht mit ein paar Entschuldigungen davonkommen lassen: »Wir brauchen umfassende Reformen, die ins Herz dieses Geschäftsmodells von Lohndiebstahl vordringen«. David Baxby, einer der Wesfarmers-Manager, hat inzwischen um Verzeihung gebeten und zugesichert, dass die Nachzahlungen zügig erfolgen würden. Am 24. Oktober wurde bekannt, dass auch die Nobelrestaurantkette Rockpool mit ihren 3.000 Angestellten und 400 Millionen AUD Gewinn Löhne in Höhe von 10 Millionen AUD (6,4 Millionen Euro) vorenthalten haben könnte.

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