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Aus: Ausgabe vom 04.11.2019, Seite 1 / Titel
Tödliche Polizeikugeln

Finger am Abzug

Vier Todesopfer nach Polizeieinsätzen, drei davon durch Schüsse – das ist die traurige Bilanz von nur vier Tagen
Von Kristian Stemmler
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Mit tödlichen Folgen: Anhaltend hoher Schusswaffeneinsatz der Polizei gegen Personen

Innerhalb weniger Tage sind in Deutschland mehrere Personen in Polizeieinsätzen getötet oder verletzt worden. In Rheinland-Pfalz und im schleswig-holsteinischen Lübeck wurden am Samstag nach Medienberichten zwei Menschen von Polizeibeamten erschossen. Bereits am Mittwoch hatte in Recklinghausen eine Polizeikugel einen Mann tödlich getroffen. Und in Berlin schoss eine Polizistin am Samstag einem Obdachlosen in die Schulter.

Der Ablauf des Einsatzes am Samstag in Rheinland-Pfalz ist noch unklar. In dem Ort Hoppstädten-Weiersbach hatte eine Zeugin an einem Sportlerheim einen mit einer Axt bewaffneten Mann bemerkt und die Polizei verständigt, wie die dpa berichtete. Der Mann habe vermutlich eine Person mit der Axt bedroht und auf ein Auto eingeschlagen, sei dann in einem Waldstück verschwunden. Die Polizei suchte unter anderem mit einem Hubschrauber, am Abend wurde der Mann gesichtet. Er sei mit der Axt auf Tennisplätze zugelaufen, dann seien die tödlichen Schüsse gefallen. Näheres wurde nicht mitgeteilt.

Ebenso unklar ist der Ablauf des Einsatzes in Lübeck. Dort starb ein 52 Jahre alter Mann aus dem Kreis Segeberg. Ein Vater hatte am Nachmittag die Polizei gerufen, nachdem er und seine Tochter im Stadtpark von einem bedrohlich wirkenden Mann angesprochen worden waren. Kurz darauf seien mehrere Schüsse gefallen, es sei von einem Schusswechsel zwischen Polizeibeamten und diesem Mann auszugehen, erklärte die Polizei laut dpa. Der Mann sei in der Nähe des Parks am Boden liegend gefunden worden und kurz darauf gestorben.

In Recklinghausen waren am späten Mittwoch abend vier Polizisten wegen einer Ruhestörung zu einer Wohnung ausgerückt. Laut dpa soll sie dort ein Mann mit einem Messer bedroht haben. Ein Beamter habe dem 45jährigen ins Bein geschossen. Der Mann starb im Krankenhaus. Laut Obduktion hatte die Kugel eine Arterie getroffen.

In Berlin-Lichtenberg schoss eine Polizistin am Samstag auf einen Obdachlosen, der mit drei weiteren Obdachlosen auf dem Grundstück eines leerstehenden Plattenbaus ein Feuer entzündet hatte. Die Beamtin und ihr Kollege hatten die Männer aufgefordert, sich von dem Feuer zu entfernen, berichtete der Tagesspiegel (Samstag), einer sei der Aufforderung nicht nachgekommen und habe ein Messer in der Hand gehalten. Daraufhin habe die Beamtin den Schuss abgegeben, der den Mann an der Schulter verletzte.

In der Nacht zu Freitag war im schleswig-holsteinischen Ahrensburg zudem ein 55jähriger Mann nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei ums Leben gekommen. Nachdem der Autofahrer schließlich gestoppt werden konnte, sei der Mann »unter erheblichem Widerstand« aus dem Fahrzeug geholt und fixiert worden. Dann sei es zum Kreislaufstillstand gekommen. Trotz der Reanimationsversuche durch die Beamten und einen Notarzt sei der Mann gestorben. Laut AFP haben die Ermittler bestätigt, dass die Polizisten während des Einsatzes ihre Waffen benutzt hatten. Erkenntnisse darüber, ob der Tote durch Schüsse verletzt wurde, gab es bisher nicht.

2018 haben Polizisten in der BRD elf Menschen erschossen, wie aus Zahlen der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster hervorgeht. Für 2017 waren 14 Fälle von tödlichem Schusswaffengebrauch gezählt worden, wobei 75 Mal direkt auf Personen geschossen wurde. Letzteres ging 2018 auf 56 Fälle zurück, immer noch mehr als in den Jahrenseit 2005.

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