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Aus: Ausgabe vom 01.11.2019, Seite 1 / Titel
Krieg in Afghanistan

Krieg gegen Zivilisten

Afghanistan: Von Washington unterstützte paramilitärische Einheiten verüben Kriegsverbrechen. USA bomben wie nie zuvor
Von Frederic Schnatterer
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Ein afghanischer Zivilist in den Trümmern seines durch einen US-Luftangriff zerstörten Hauses in Kabul (28.09.2017)

Es sind nicht nur die Taliban, vor denen sich die Bevölkerung Afghanistans fürchten muss. Wie aus einem am Donnerstag von der Organisation Human Rights Watch veröffentlichten Bericht hervorgeht, stehen die Besatzungstruppen der USA sowie ihre Helfer den Islamisten in ihrer Brutalität in nichts nach. Im Report beschreibt die Organisation, wie sich vom US-Geheimdienst CIA unterstützte sogenannte Angriffsgruppen schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben.

Der Bericht dokumentiert 14 schwere Übergriffe, die zwischen Ende 2017 bis Mitte 2019 von den paramilitärischen Einheiten verübt wurden. Aufgezählt werden unter anderem »willkürliche und unverhältnismäßige« Morde an Zivilisten, »Verschwindenlassen« von Verdächtigen und Angriffe auf Krankenhäuser. Die Fälle stünden »exemplarisch« für das größere Bild »schwerer Kriegsrechtsverbrechen – teilweise auch Kriegsverbrechen«, so der Bericht. Daher müssten »alle paramilitärischen Einheiten sofort aufgelöst« werden.

Obwohl die Einheiten nominell dem afghanischen Geheimdienst NDS angehören, sitzt ihr direkter Befehlshaber in Washington. Ihre Mitglieder wurden laut Bericht größtenteils von der CIA angeworben, geschult, ausgerüstet und beaufsichtigt. Zudem gingen die Einsätze oftmals mit Luftangriffen einher, die von den USA selbst durchgeführt wurden. Ebenfalls am Donnerstag legte ein Bericht des US-Generalinspekteurs für den Wiederaufbau in Afghanistan (SIGAR) Zahlen vor, nach denen noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2013 so viele Geschosse von der US-Luftwaffe abgefeuert worden waren wie im September. Demnach gingen täglich fast 40 Luftschläge auf Ziele im Land nieder, im gesamten Monat waren es über 1.100. Dabei wurden 948 Geschosse eingesetzt, womit zum größten Teil Bomben und Raketen gemeint sind.

Doch nicht nur im September zeigte sich die US-Luftwaffe besonders schießwütig. Insgesamt wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres 5.431 Geschosse abgefeuert, vier Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Von der Luftwaffe veröffentlichte Statistiken zeigen zudem: Seit 2015 steigt die Anzahl der abgefeuerten Waffen stetig an. 2017 lag sie bei 4.361, im vergangenen Jahr erreichte sie mit 7.362 ihren höchsten Stand.

Dass die USA, die 2001 in Afghanistan einmarschiert waren, den Krieg wieder intensivieren wollten, war kein Geheimnis. Sowohl US-Präsident Donald Trump als auch sein Verteidigungsminister Mark Esper hatten das nach dem Abbruch der Verhandlungen über einen möglichen Frieden mit den Taliban am 7. September angekündigt. So erklärte Trump bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags auf das World Trade Center: »Die vergangenen vier Tage haben wir unseren Gegner härter als je zuvor getroffen, und das wird so weitergehen.« Esper bestätigte Anfang Oktober, dass die Anzahl der »Angriffe auf die Taliban« intensiviert worden seien.

Entgegen der Ankündigungen treffen die US-Bomben jedoch keineswegs nur Taliban-Kämpfer, sondern in großer Anzahl Zivilisten. Wie am 17. Oktober von der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) vorgelegte Zahlen zeigen, starben allein in den ersten Monaten dieses Jahres 2.563 Zivilisten, 5.676 wurden verletzt. 579 der Getöteten und 306 der Verletzten gehen auf Luftangriffe zurück. Für 74 Prozent der Opfer seien internationale Luftwaffen verantwortlich.

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