Gegründet 1947 Mittwoch, 13. November 2019, Nr. 264
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 31.10.2019, Seite 12 / Thema
Naziregime

SS im Haus

Überwachen und strafen für Kriegsrüstung und Profit. Der faschistische Werkschutz, ein verlängerter Arm der Gestapo
Von Stephan Jegielka
ullstein_high_08221714 Kopie.jpg
Abwehrbeauftragte und Spitzel kontrollierten und überwachten Betriebe, disziplinierten und denunzierten Arbeiter. Montage eines Polrads in einem Wasserturbinengenerator eines AEG-Werks in Berlin 1937

Mit Blick auf das imperialistische deutsche Kaiserreich sprach Lenin von einem staatsmonopolistischen Kriegskapitalismus. Dieser sei ein »Militärzuchthaus für die Arbeiter«, ein »militärischer Schutz für die Profite der Kapitalisten«. Für die Zeit des deutschen Faschismus lässt sich in dieser Beziehung von einem geheimpolizeilichen Schutz sprechen. Die Rolle der Geheimpolizei bei der Unterdrückung der Arbeiterklasse wurde entscheidend. Das zeigte sich besonders deutlich an der Formierung des faschistischen Werkschutzes, ein »verlängerter Arm« der Gestapo in den Betrieben, wie diese in ihren »Richtlinien« ganz offen formulierte.

Aufbau eines Repressionsapparates

Zu diesem Zweck wurde in den deutschen Betrieben ab 1933 der Werkschutz aufgebaut. Darunter fielen die Positionen des Hauptabwehr- bzw. Konzernabwehrbeauftragten in den wenigen Großbetrieben, wie den IG Farben, der Daimler Benz AG, der Junkers AG oder der Krupp AG, ferner die Abwehrbeauftragten, die ihm unterstellten oder in Personalunion verbundenen Werkschutzleiter und die bewaffneten haupt- und nebenamtlichen Werkschutzmänner. Hinzu kam ein Spitzelnetz aus sogenannten V-Leuten.

Dieses Personal war bei den jeweiligen Betrieben angestellt und wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sukzessive in die Strukturen der Geheimpolizei eingebunden. Dieser Vorgang verlief durchaus widersprüchlich und vollzog sich vor allem in Auseinandersetzung mit dem Militär, das in den Rüstungsbetrieben sozusagen geheimpolizeiliche Vorarbeit geleistet hatte. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass die Professionalisierung geheimdienstlicher Aktivität im deutschen Staat zuvorderst bei den Militärs, insbesondere in der Kaiserlichen Marine erfolgt war, für die nicht zuletzt Admiral Wilhelm Canaris stand. Diese »Vorarbeiten« konnte sich die Geheimpolizei beim Aufbau des Werkschutzes zunutze machen. Die Schaffung der entsprechenden Posten, selbst die Bezeichnung des Abwehrbeauftragten und die Formulierung seines Aufgabenbereiches gingen auf eine Weisung von Reichskriegsminister Werner von Blomberg aus dem Jahr 1933 zurück. Bis zur Auflösung des Amtes Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) durch Hitler 1944 und seiner organisatorischen und personellen Eingliederung in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) gab es daher in den Rüstungsbetrieben neben dem »politisch-polizeilichen Abwehrbeauftragten« den »militärischen Abwehrbeauftragten«, der bis dahin jedoch funktional mehr und mehr unter die Dominanz der Geheimpolizei geraten war. Beide Posten wurden oft in Personalunion ausgeübt.

Die personelle Stärke des Werkschutzes nahm bis 1945 rapide zu. Im April 1941 waren laut SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD), 4.000 Abwehrbeauftragte durch die Leiter der zuständigen Staatspolizei(leit)stellen eingesetzt und verpflichtet worden. Als die dann auch in bis dahin »nicht geschützten Betrieben« eingesetzt wurden, stieg ihre Zahl in die Zehntausende. Aus dem Bereich der Staatspolizeistelle Darmstadt wurden 1944 allein 2.000 Werkschutz­angehörige gemeldet. Insgesamt dürfte die Zahl der Personen, die man dem Werkschutz als Organ zurechnen kann, die 100.000 weit überschritten haben. Der Geheimpolizei gelang es somit, einen effektiven Repressionsapparat in den Betrieben aufzubauen, der die antifaschistische Tätigkeit der Arbeiterschaft stark erschwerte.

»Gnadenloses Richtschwert«

Ein wichtiger Schritt in die Richtung einer Zentralisierung dieser Aufgaben in der Hand der Geheimpolizei waren die 1939 von der Gestapo erlassenen »Richtlinien für die sicherheitspolitische Tätigkeit der Abwehrbeauftragten«. Der Abwehrbeauftragte und somit der ihm unterstellte Apparat wurden in einer späteren Weisung offiziell zum Organ der Gestapo erklärt. Noch der letzte Werkschutzmann im Betrieb unterlag somit den Anweisungen der Geheimpolizei. Alle »staatsgefährlichen Bestrebungen« waren zu untersuchen und zu bekämpfen. Die Informationen, die in den Betrieben gewonnen wurden, waren der Gestapo zu übermitteln. Dem Abwehrbeauftragten waren zudem von der Betriebsführung alle »Verrats- und Sabotageangelegenheiten« zu melden. So schrieb das Vorstandsmitglied der IG Farben, Ernst Bürgin, 1939 an die Mitglieder des Vertrauensrates des IG-Werkes Bitterfeld, der Weg in Sachen »sabotage- oder staatsfeindliche Vorkommnisse« laufe nun über den Abwehrbeauftragten zur Gestapo. Bürgin konnte zufrieden sein. Denn in den Richtlinien der Gestapo war formuliert, dass gerade in Spannungszeiten, »Gefahrenquellen für die reibungslose Durchführung des Wirtschaftsprogramms« auszuschalten seien. Besser hätte man den Einsatz staatlicher Repression im Betrieb im Sinne der Profitmaximierung kaum zusammenfassen können.

Zunächst bemühte sich die Gestapo, die unmittelbare exekutive Gewalt – die Untersuchungen, Festnahmen, Vernehmungen und Hinrichtungen – in den Betrieben durch ihre Beamten auszuüben. Es lag jedoch in der angelegten Struktur, dass der Werkschutz nach und nach zu einem vollwertigen Glied der Geheimpolizei im Betrieb wurde. Dieser Entwicklung tat das RSHA 1944 Genüge, indem es den Abwehrbeauftragten und den ihm unterstellten Werkschutzapparat ganz offiziell für den gesamten »exekutivmäßigen Schutz der Betriebe« für zuständig erklärte. In der Werkschutzordnung von 1945 war dann folgerichtig vom Werkschutz als Organ der Gestapo die Rede, das die Aufgabe hatte, in den Betrieben gegen Spionage, Sabotage und vor allem Aufstände vorzugehen. Im Rahmen der Vorgaben der Gestapo konnte er »nach eigenem Ermessen« handeln und war in diesen Fragen nur der Gestapo, also sich selbst verantwortlich.

Was hieß das konkret? Potentiell »staatsgefährlich« war in den Augen der Gestapo jede Person im Betrieb, die dem Faschismus gegenüber in irgendeiner Form oppositionell eingestellt war. Dafür wurde auch untersucht, auf welche Weise sich die Beschäftigten bis zum Jahre 1933 politische betätigt hatten. Alle Bestrebungen, die die bestehende Ordnung in Frage stellen konnten, fielen unter das Delikt der »Beunruhigung der Gefolgschaft«. Dazu zählten die sogenannte politische Hetze, Streikhetze oder Greuelpropaganda. Darüber hinaus wurden wie selbstverständlich höhere Formen des Widerstandes verfolgt und bekämpft, wie Spionage und Sabotage sowie die Organisierung der Arbeiterschaft zum antifaschistischen Kampf. Letzterer Tatbestand hieß in der Sprache der Gestapo die »Erfassung oder das Organisieren staatsverneinender Elemente«. Damit agierte die Gestapo ganz im Sinne der herrschenden Klasse, die ihre Lehren aus dem für sie traumatischen Jahr 1918 gezogen hatte. Alle Formen des Klassenkampfes von unten sollten in den Betrieben wenn möglich schon im Keime erstickt werden. Demgemäß hatte der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, im November 1935 in einer Rede auf dem Reichsbauerntag in Goslar das Versprechen gegeben, dafür zu sorgen, dass niemals mehr im Herzen Europas eine Revolution entfacht werden könne. Das werde die Geheimpolizei als »gnadenloses Richtschwert« garantieren.

Dieses Richtschwert im Betrieb war der Werkschutz. Das »betriebliche Terrororgan«, wie es der Historiker Klaus Drobisch einmal formulierte, sollte für die Belegschaften als abschreckende Institution sichtbar sein. Stellung und Aufgabe des Abwehrbeauftragten unterlagen daher absichtlich nicht der Geheimhaltung. Jedem Arbeiter war klar, dass der Abwehrbeauftragte der Mann der Geheimpolizei im Betrieb war, das personifizierte faschistische Instrument, der Bluthund zur Unterdrückung jedweder Opposition. In dem Maße, in dem die faschistische, insbesondere sozialchauvinistische Ideologie in Teilen der Arbeiterschaft verfing, galt die Geheimpolizei nicht nur als gefürchtete, sondern auch als »gerechte Behörde«. Dabei waren diese Büttel des Kapitals im Besitz von geheimen Informationen und in verbrecherische Vorgänge involviert, für die sie unter anderen, eben nicht faschistischen Umständen sicherlich gerichtlich belangt worden wären.

Direktoren, Leiter und V-Leute

Diese Stellung wurde von Wirtschaft und Staat entsprechend vergolten. In den Monopolbetrieben wie der Opel AG oder der Junkers AG erhielten diese Personen als »Werksicherheitsdirektor« oder »Sicherheitsdirektor« ein lukratives Salär. In manchen Unternehmen saßen die Abwehrbeauftragten im Vorstand, bei der Braunkohle-Benzin AG der SS-Brigadeführer Fritz Kranefuß, bei Krupp der Vertraute des Unternehmenspatriarchen, Friedrich von Bülow. In kleineren Betrieben übernahmen die Eigentümer oft selbst diese Funktion.

Die operative und ideologische Einbindung der Abwehrbeauftragten in den geheimpolizeilichen Apparat erfolgte durch Schulungen und Arbeitstagungen, auf denen das Spitzenpersonal der Geheimpolizei Vorträge hielt. Man weihte den Abwehrbeauftragten in die seinen Bereich betreffende interne Kommunikation und Informationsvermittlung der Geheimpolizei ein. Ansprechpartner und Strukturen innerhalb der Geheimpolizei waren im Betrieb nur ihm bekannt, und nur er hatte das Recht, sie zu kontaktieren. Loyalität und die Umsetzung der gestellten Aufgaben, belohnte der faschistische Staat mit Beförderungen und Auszeichnungen. Seit 1944 bestand auf Weisung von Heinrich Himmler die Möglichkeit, das Kriegsverdienstkreuz an Mitglieder des Werkschutzes zu vergeben.

Im RSHA hatten Geheimpolizei, Sicherheitspolizei und SD ihre Strukturen 1939 in einer Behörde zentralisiert. Die leitenden Stellen in den Ämtern wurden mit SD-Führern besetzt, die als »besonders zuverlässiges Machtinstrument« des Faschismus galten. Auch in der Wirtschaft war man daher bestrebt, die Position des Abwehrbeauftragten und des Werkschutzleiters, besonders in den Monopolbetrieben, mit SS-Führern aus dem SD zu besetzen. Für leitende Funktionen im Werkschutz erfolgte die Auswahl nach den Anforderungen für den Posten eines Außenstellenleiters des SD. Die Entscheidung über die Besetzung in besonders wichtigen Betrieben behielt sich Heydrich persönlich vor. Nicht selten wechselten daher SS-Führer aus ihrer hauptamtlichen Tätigkeit in der SS in die Position des Abwehrbeauftragten und Werkschutzleiters und waren dann »ehrenamtlich« in SS bzw. RSHA aktiv. Das bedeutete, dass sie ihren SS-Rang behielten, weiter dem Organisationsregime, dem elitären Korpsgeist der SS unterworfen waren, und nicht zuletzt zwecks Abschreckung ihre SS-Uniform im Betrieb tragen konnten. Hinzu kam, dass sie weiterhin Aufgaben in der SS wahrnehmen konnten, die mitunter die Tätigkeit im Werkschutz ergänzten oder sich damit vereinbaren ließen. So war der »Sicherheitsdirektor« und Abwehrbeauftragte der Dornier-Metallbauten GmbH, SS-Oberführer Max Humps, auch Führer des SS-Wachkommandos Friedrichshafen-Böblingen, das wiederum die Werkschutzmänner für die Dornier-Werke in Friedrichshafen stellte. Der »Werksicherheitsdirektor« und Abwehrbeauftragte der Opel AG, SS-Sturmbannführer Heinz Riller, war bis 1937 als Hauptabteilungsleiter im SD-Oberabschnitt Fulda-Werra tätig, um dann den Werkschutz bei der Opel AG »rein SD-mäßig« aufzubauen. Der »Sicherheitsdirektor« und Konzernabwehrbeauftragte der Junkers AG, SS-Obersturmbannführer Otto Wendland, war bis 1941 Führer des SD-Leitabschnitts Stettin. Trotz seiner Tätigkeit bei der Junkers AG meldete er sich zum »freiwilligen Osteinsatz«. In dieser Zeit war er als Führer des Einsatzkommandos 9 und des Sonderkommandos 7a der Einsatzgruppe B an Kriegsverbrechen in der Sowjetunion beteiligt. Die Junkers AG hatte ihm dafür Betriebsurlaub gegeben. Im Juli 1944 wurde ihm für diese Mordtaten das Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse mit Schwertern verliehen. Der Abwehrbeauftragte bei der Baltischen Öl-GmbH, SS-Sturmbannführer Heinz Wossagk, war bis zu seinem »Wechsel« in die Wirtschaft hauptamtlich im RSHA tätig, blieb jedoch »ehrenamtlicher« Mitarbeiter des Amtes VI. Als Abwehrbeauftragter und gleichzeitiger Mitarbeiter beim Befehlshaber der Sicherheitspolizei in Riga waren er und der ihm unterstellte Werkschutz 1943 für die Errichtung des KZ Vaivara, etwa 190 Kilometer östlich von Tallin, verantwortlich.

Welche Konsequenzen hatte die geheimpolizeiliche Repression für die Belegschaften? Zur Verhinderung von oppositionellen Aktionen in der Belegschaft konzentrierte sich die Geheimpolizei auf vorbeugende Maßnahmen. Es ging um »frühzeitiges Erkennen« einer für die Herrschenden bedrohlichen Lage in den Betrieben. Den »staatsverneinenden Elementen« sollte nicht nur keine Möglichkeit der Organisierung ihrer Kräfte gegeben werden, sondern es sollten schon die Bedingungen rechtzeitig erkannt werden, die dieses Agieren ermöglichten und begünstigten. Das bedeutete nichts anderes, als die nachrichtendienstliche Erfassung der Arbeiterschaft durch eine Überprüfung ihrer Biographien und eine Unterwanderung der Belegschaften mit Spitzeln, den sogenannten V-Leuten, um so Informationen zu gewinnen. Nicht zufällig wurde daher bei den IG Farben Christian Schneider, Vorstandsmitglied und Hauptbetriebsführer, 1940 Hauptabwehrbeauftragter. Er leitete auch die Zentrale Personalabteilung. In der AEG Apparatefabrik Treptow fiel 1939 in den Aufgabenbereich der Abteilung Werkschutz die Bearbeitung der Personalkartei. Abteilungs- und Werkschutzleiter wurde SS-Hauptsturmführer August Bogdahn. Der Werkschutz der Opel AG in Rüsselsheim unter der Führung von SS-Sturmbannführer Riller konnte bei der geheimpolizeilichen Überprüfung der Arbeiterschaft die gesamte Kapazität des SD- und Gestapoapparates nutzen. In Überprüfungsfällen übersandte Riller dem SD Personalfragebögen der Verdächtigten. So gab es eine Überprüfung des Arbeiters B. beim SD-Oberabschnitt Rhein wegen politischer Tätigkeit. Zwar lag gegen B. nichts vor, jedoch blieb er im Raster des SD. Es wurde eine Karteikarte angelegt, und hätten weitere Ermittlungen etwas ergeben, wäre ein Nachbericht erfolgt. In einem anderen Fall meldete der SD-Abschnitt Darmstadt, dass der Arbeiter T. vor 1933 als »eifriger Gegner der NSDAP« bekannt war. Der Arbeiter T. gehörte vor der Machtübergabe an die Faschisten der SPD an. Seitdem habe er sich aber »gut geführt«. Im Fall des Arbeiters N. waren eine KPD-Mitgliedschaft und staatsfeindliche Tätigkeit festgestellt worden. Er war wegen Hochverrats zu mehr als zwei Jahren Kerkerhaft verurteilt worden. Seit seiner Entlassung sei zwar »nichts Nachteiliges« über ihn bekannt geworden. Bei Spendensammlungen halte er sich jedoch zurück. Er sei mit »Vorsicht zu behandeln«. Für eine Verwendung im Rüstungsbetrieb galt er »als schlecht geeignet«.

Beim Aufbau eines Spitzelnetzes griff die Geheimpolizei auf die Erfahrungen des Militärs zurück, wie sie in den Richtlinien für Abwehrbeauftragte des OKW von 1935 und in weiteren Lehrmaterial festgehalten waren. Demnach war die »Arbeit mit V-Leuten« vor allem in den Großbetrieben notwendig. Der Auswahl der V-Leute galt besondere Aufmerksamkeit. Ihre Identität wurde »streng« geheim gehalten. Es sollten keine Namenslisten angefertigt werden, und falls doch notwendig, waren diese gesondert und getarnt zu führen und »unter strengem Verschluss« zu halten. Mit den gewonnenen Erfahrungen entwickelte und verfeinerte die Geheimpolizei die Spitzelmethoden in den Betrieben. Das galt insbesondere seit dem Einsatz von Zwangsarbeitern, die aus den von den deutschen Faschisten besetzten Ländern verschleppt wurden. So gab es eine Richtlinie zur »Werbung, Aufstellung und Behandlung von V-Männern«. Der Abwehrbeauftragte koordinierte dieses Spitzelnetz oder übertrug diese Aufgabe einem Angehörigen der Ermittlungsstelle des Werkschutzes.

Kein 1918

Vor allem unter den Schlägen der Roten Armee taumelte das Naziregime seiner Niederlage entgegen. Obwohl an der äußeren Kriegsfront entscheidend geschwächt, blieb auf dem »Kriegsschauplatz im Inneren« ein zweites 1918, die revolutionäre Verweigerung der Arbeiter und Soldaten aus. Dazu hatte sicher auch die Repression des faschistischen Werkschutzes in den Betrieben beigetragen. Der Gauleiter von Hessen-Nassau, Jakob Sprenger, war sich dessen bewusst. Ende 1944 rühmte er gegenüber der Gestapo die »außerordentliche Bedeutung« des Werkschutzes für die Sicherung der Macht der Herrschenden. Der Werkschutz war fest in den Betrieben verankert. Seine geheimpolizeiliche Formierung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Der Werkschutz wusste um die sabotagegefährdeten Betriebsteile, kannte genauestens die lokalen Verhältnisse und Vorgänge in den Betrieben und den Zwangsarbeiterlagern und war deshalb in der Lage, schnell und effektiv »aufkommende Unruhen im Keime zu ersticken«. Schon die bloße Existenz des Werkschutzes sei ein »Zeichen des deutschen Ordnungs- und Sicherungswillens«, so Sprenger. Täglich würden »kleinere Fälle« selbständig erledigt. Was das bedeutete, zeigten die täglichen Festnahmen, Verhöre, Folterungen, Einlieferungen in KZs und Hinrichtungen durch den Werkschutz, die in den Akten über die deutschen Kriegsverbrechen vielfach dokumentiert sind. Der faschistische Werkschutz war für Gauleiter Sprenger und seine Hintermänner daher »als entscheidendes Mittel« der Geheimpolizei im Betrieb unentbehrlich.

Stephan Jegielka ist Historiker und aktiv bei der Kommunistischen Plattform der Partei Die Linke.

Ähnliche:

  • Bestialischer Mord: Ein Angehöriger der Einsatzgruppe C der Sich...
    27.09.2019

    Der Mordapparat

    Vor 80 Jahren wurde das »Reichssicherheitshauptamt« als zentrale Schaltstelle der Terrorherrschaft des Naziregimes gegründet
  • »Der Führer« und sein Attentäter. Adolf Hitler und Claus Schenk ...
    20.07.2019

    Späte Verschwörung

    Das Attentat auf Adolf Hitler endete in einer Katastrophe. Der 20. Juli 1944 und seine Vorgeschichte (Teil I)
  • Bedingungslose Anhängerschaft an Hitlerdeutschland – der ungaris...
    19.03.2019

    Die letzte Okkupation

    Vor 75 Jahren marschierte die Wehrmacht in Ungarn ein und besetzte nach Italien ein weiteres verbündetes Land. Die Kollaborationsbereitschaft in der herrschenden Klasse kam den Nazis entgegen