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Aus: Ausgabe vom 30.10.2019, Seite 12 / Thema
DDR-Kunst

Eindeutig nicht untergegangen

Gedanken zu zwei Bilderschauen zur Kunst in der DDR: »Utopie und Untergang« in Düsseldorf und »Ende der Eindeutigkeit« in Dresden
Von Peter Michel
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Angela Hampel, »Medea«, 1985, Öl auf Hartfaser, 166 x 122 cm, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin

In seinem Geleitwort zur Ausstellung »Utopie und Untergang«, die gegenwärtig im Kunstpalast Düsseldorf gezeigt wird, schreibt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier u. a., es gehe darum, kritisch und selbstkritisch zu sehen, wie die Kunst aus der DDR in der Bundesrepublik angesehen und rezipiert worden ist. Kunst sei zuallererst ein Ausdruck des Individuums, seiner ganz eigenen, kreativen Deutung der Welt und des Lebens; sie sei aber auch ein Spiegel der Zeit. Man solle Kunst jedoch nicht auf ihre politisch-gesellschaftliche Bedeutung reduzieren. Das sei ein Fehler gewesen, den die westdeutsche Seite in der Vergangenheit in bezug auf die Kunst in der DDR gemacht habe. Es gelte, einen neuen, gerechten Blick auf die in der DDR entstandene Kunst zu werfen.¹ Das klingt zunächst einleuchtend. Und das wäre wohl auch das Kriterium, an dem diese Ausstellung zu messen ist. Doch – um es vorwegzunehmen – diesen Anspruch löst die Exposition nicht ein. Selbstkritik hält sich sehr in Grenzen, die »Fehler der westdeutschen Seite in bezug auf die Kunst in der DDR« werden kaum benannt, setzen sich fort, und der neue, gerechte Blick dringt nur stellenweise durch den ideologischen Nebel.

Einblick statt Überblick

Gezeigt werden Arbeiten von 13 Künstlern unterschiedlicher Generationen und Haltungen, darunter jene, die 1977 in der Kasseler »Documenta« ausstellten – also Willi Sitte, Wolfgang Mattheuer, Bernhard Heisig, Werner Tübke und Gerhard Altenbourg. Von zwei Wegbereitern werden Werke gezeigt: von Elisabeth Voigt und Wilhelm Lachnit. Noch lebende und arbeitende Maler sind vertreten: Angela Hampel und Michael Morgner. Abstrakte Arbeiten von Hermann Glöckner und skripturale Gestaltungen von Carlfriedrich Claus sind zu sehen. A. R. Penck und die ebenfalls noch lebende und arbeitende Cornelia Schleime sind die »Nonkonformen«. Warum andere Künstler fehlen, die einen umfassenderen, genaueren Blick ermöglicht hätten, bleibt ein Rätsel. Repräsentativ ist diese Auswahl nicht.

Natürlich ist es gut, dass überwiegend jüngere Autorinnen und Autoren, die nicht an den zum Teil unsäglichen Debatten der »Nachwendezeit« beteiligt waren, diese Ausstellung gestaltet und die Katalogtexte verfasst haben. Die jüngste ist 28 Jahre alt. Im Katalog wird die Absicht betont, unvoreingenommen über Kunst aus der DDR zu urteilen. Doch was kann man von Menschen erwarten, die mehrere Jahrzehnte Dauerberieselung mit Schlagworten wie »Unrechtsstaat«, »Stasi«, »Mauer«, »verkrusteter Machtapparat« u. ä. hinter sich haben – Denkmuster des Kalten Krieges, die auch nach der angeblichen deutschen Einheit weiter Bestand haben?

Beim Lesen der einzelnen Texte spürt man die Unterschiede im Herangehen, auch die Lücken oder bewussten Auslassungen in bezug auf die deutsche Geschichte. Dass Kalter Krieg herrschte, wird zwar hier und da erwähnt, aber die Alt-BRD erscheint bei den meisten Autoren als »freiheitlicher Rechtsstaat« ohne Makel. Gelitten wurde nur in der DDR; das Stasisyndrom zieht sich durch einen Großteil der Texte. Eigentlich schade, dieser Katalog ist sehr gut gestaltet, besticht durch eine nahezu edle Aufmachung, hat eine durchdachte Typographie und gute Reproduktionen. Aber vor allem bei den einführenden Essays kommen einem als kritischem ostdeutschem Leser doch manche Fragen.

Wie war das eigentlich mit der Bespitzelung in den westdeutschen Ländern nach dem »Radikalenerlass« 1972? Herrschte dort eitel Freiheit? »Es gab zwei Millionen Überprüfungen, Anfragen beim Verfassungsschutz, zwischen 35.000 und 40.000 Berufsverbotsverfahren und Tausende abgelehnte bzw. aus dem öffentlichen Dienst entfernte Menschen.«² Die Reglementierungsmaßnahmen richteten sich auch gegen Kunsthistoriker und -publizisten wie Richard Hiepe, Gabriele Sprigath oder Wolfgang Grape. In der »freiheitlichen Demokratie« erhielt Hiepe Berufsverbot an den Universitäten und Kunsthochschulen in München, Osnabrück und Braunschweig. Dem Bremer Wolfgang Grape gelang es trotz seiner hohen Qualifikation als Kunsthistoriker nicht, in den Hochschuldienst aufgenommen zu werden. Die Niederschrift über die Sitzung der Anhörkommission vom 26. April 1979, in der Sprigath ihre Arbeit verlor, kann man heute noch nachlesen.³ Auch in einer »Dokumentation über Berufsverbote in Niedersachsen 1972–1990« ist das Verfahren gegen Sprigath festgehalten.⁴ Das offizielle Deutschland drückt sich bis heute vor einer ehrlichen Analyse und einer Wiedergutmachung dieser Schande.

Kein Untergang

Vor diesem Hintergrund relativiert sich vieles. Nur: Ist das jedem westdeutschen Kunstbetrachter und Katalogleser bewusst? Und: Dient es dem Verständnis der Kunstwerke, wenn man sie immer wieder als Zeugnis des »Widerstands gegen die Machtmechanismen der DDR«, also als politisches Vehikel benutzt? Die Kulturpolitik der DDR hatte ihre Fehler, aber sie war eben nicht nur »restriktiv«. Sie sorgte dafür, dass viele Bürger die Künste als »Lebensmittel« begriffen; sie vermittelte Künstlern das Gefühl des Gebrauchtwerdens und sorgte dafür, dass sie von ihrer Arbeit leben konnten. Mit Hilfe vieler Kunstschaffender kam die schädliche Formalismusdebatte, während der Anfang der 1950er Jahre in der DDR einigen Künstlern unzulässige Verfehlungen wie »Ästhetizismus« oder »Individualismus« vorgeworfen wurden, zum Erliegen. Manche waren damit nicht zurechtgekommen, aber eben nur manche. Im Titel der Ausstellung wird suggeriert, die Kunst aus der DDR sei »untergegangen«. Das ist sie nicht – trotz des schlimmen Nachwendevandalismus, trotz der Verbannung vieler Werke in die Depots, trotz zahlreicher Verdrängungsversuche und anderer Methoden, sie untergehen zu lassen. Sie lebt weiter und hat in der Gegenwart ihre politische Funktion nicht verloren, auch wenn im Katalog das Gegenteil behauptet wird.⁵ Noch immer vermittelt sie ein humanistisches Menschenbild, das ungeachtet salbungsvoller Reden in den aktuellen gesellschaftlichen Zuständen zunehmend verlorenzugehen droht. Die Wirkung dieser Kunstwerke reicht bis ins Jetzt, wenn man sie denn wirken lässt. Mutige Beispiele dafür gibt es genug. In einem der einführenden Essays wird richtig festgestellt, dass »auch im Osten Deutschlands die Kunst durch Vielfalt und Heterogenität geprägt war. Dies ist für viele überraschend – gerade im Westen«.⁶ Uns, die wir mit ihr gelebt haben, überrascht es nicht. Und auch in der Alt-BRD gab und gibt es viele, die vor und nach 1989 in Ausstellungen von Kunst aus der DDR diese Vielfalt erlebt haben. Vielleicht hat Düsseldorf ein wenig Nachholbedarf. Insofern hat die Ausstellung schon ihren Sinn. Dem Besucher ist jedoch zu empfehlen, sich auf die Werke zu konzentrieren und einen »gerechten Blick«, unbeeinflusst von Manipulationen in den Begleittexten dieser Ausstellung, darauf zu werfen.

Die Katalogmanuskripte zu den einzelnen Künstlern sind von unterschiedlicher Qualität. Marcus Becker schreibt einfühlsam über Wilhelm Lachnit. Oliver Sukrow, der vor einiger Zeit den Hans-und-Lea-Grundig-Preis erhielt, beschäftigt sich mit Leben und Werk der Kollwitz-Schülerin Elisabeth Voigt und nutzt die Gelegenheit, darauf aufmerksam zu machen, wie lange sich die Phrase von einer von der DDR-Malerei ausgehenden Staatskunst bis heute hält, allen Versuchen der Differenzierung zum Trotz. Es entstünden nicht nur problematische Vereinfachungen; die Denkmuster des Kalten Krieges wirkten weiter – und er schloss mit der Aufforderung zum genauen Hinsehen. Carolin Quermann würdigt den großen Abstraktionisten Hermann Glöckner, und Benjamin Rux erfasst das Spezifische im Werk von Gerhard Altenbourg. Claudia Jansen schreibt in einem schönen, schlichten Stil – ohne eitle Extravaganzen – darüber, dass Bernhard Heisig als Künstler »Reibung« brauchte, dass er nicht außerhalb der Gesellschaft stand und nicht »autonom« war. Im Text von Verena Meis zu den Sprachblättern von Carlfriedrich Claus fehlt der Hinweis, dass dieser eigenwillige Künstler auch wichtige Arbeiten zum Theater (»King Lear«) und eine Mappe mit dem Titel »Aurora« zur Oktoberrevolution in Russland schuf. Nicht nur für diese Autorin gilt: Je weniger anschaulich das Werk um so größer der Wortaufwand des Rezensenten.

Obwohl der Text von Stefanie Michels über Wolfgang Mattheuer ein wenig an der Oberfläche bleibt, besticht doch ihre Feststellung: »… in der Bundesrepublik wurde er als Systemkritiker gefeiert, um nach der Wende als ›Staatsmaler‹ diffamiert zu werden, samt dem Klischee, nur der könne ein guter und glaubwürdiger Maler sein, der während der DDR verfemt und erfolglos war.«⁷ Der zweite Beitrag von Oliver Sukrow über Willi Sitte ist sachlich und etwas trocken. Elenor D. Reinartz weist in ihrem Katalogtext über Michael Morgner darauf hin, dass direkt nach der »Wende« Morgners Bilder in der Lage waren, vorgefasste westdeutsche Meinungen über Kunst aus der DDR zu sprengen. April A. Eisman, eine US-Amerikanerin, die sich schon in den vergangenen Jahren intensiv mit Kunst in der DDR beschäftigte und zu deren internationalen Verteidigern gehört, besticht in ihrem Beitrag über Angela Hampel durch gute Bildanalysen; sie macht u. a. darauf aufmerksam, dass die Mühen dieser Künstlerin um eine tatsächliche Gleichstellung der Geschlechter nach 1989/90 umsonst schienen. Im Katalogtext über Werner Tübke von Christiane Jungklaus stört die Überbetonung der angeblichen Opferrolle dieses Künstlers besonders. Den Auslassungen von Inga Dreesen und Susanne Rockweiler über A. R. Penck (alias Ralf Winkler) und Cornelia Schleime kann ich nicht folgen. Beide Künstler werden permanent aus durchschaubaren politischen Gründen überbewertet. Bis 1989 waren ihre Hervorbringungen für westliche Medien Inbegriffe des Widerstands in der DDR. Als die Mauer fiel, wurde es eine Zeitlang stiller um sie. Ob sie ohne ihre Dissidentengloriole jemals eine solche Rolle im internationalen Kunstbetrieb gespielt hätten? Auch jetzt sind sie brauchbar, wenn es gegen die DDR und ihre Kunst geht. Wer sie heute hochlobt, sollte das bedenken.

Diese Ausstellung verspricht mehr, als sie hält. Sie ist zwar der erste Versuch, dreißig Jahre nach der »Wende« einen Überblick über Kunst in der DDR in den alten Bundesländern zu geben. Es bleibt jedoch bei einem engen Einblick. Andere Ausstellungen in den neuen Ländern haben da schon mehr geleistet. Am Ende eines der einführenden Essays des Kataloges wird formuliert, es sei »dreißig Jahre nach dem Mauerfall höchste Zeit (…), Moralisierungen, klare Grenzziehungen, binäre Modelle von Identität sowie einen bürgerlichen Kunstbegriff mit Bezugnahme auf die bildende Kunst der DDR grundlegend zu überdenken«.⁸ Das sollte man wirklich tun.

Aus der »Großen Dresdener«

Es ist nicht nur eine »Vermutung«, dass Werke der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden 1987/88 Eingang in das Bildgedächtnis vieler Menschen aus dem damaligen Millionenpublikum gefunden haben. Man kann immer wieder, auch bei den Besuchern der am 11. Oktober 2019 in der Städtischen Galerie Dresden eröffneten Ausstellung »Ende der Eindeutigkeit«, beobachten, dass es tatsächlich so ist. Die »Zehnte« liegt schon mehr als dreißig Jahre zurück. Es sind vor allem die ältere und die mittlere Generation, die mit solchen noch lebendigen Erinnerungen Gefühle von Verlust, Sehnsüchten und Wünschen nach Wiederbegegnung verbinden. Auch Emotionen haben ein Gedächtnis, und je öfter sie aufgerufen oder gar verletzt werden, um so tiefer graben sie sich ein. Kunst aus der DDR gehört auch heute zur kulturellen Identität. Nicht nur den Kunstinteressierten wurde etwas genommen, als solche Werke von den Wänden vieler Museen verschwanden oder im öffentlichen Raum bei Vandalenakten zerstört wurden. Jeder Schritt zur Wiederbegegnung mit dieser Kunst ist notwendig und überfällig. Wer die deutsche Einheit hochjubelt, sollte das nicht vergessen. Kürzlich schrieb mir eine Kunstwissenschaftlerin, die im Schweriner Staatlichen Museum gearbeitet hatte: »Für mich ist diese Kunst unverzichtbar, sowohl in ihrem geistigen Anspruch als auch in ihrer künstlerischen Qualität. Irgendwann wird man ihre Bedeutung erkennen.«⁹

Im Vorfeld der Ausstellung »Ende der Eindeutigkeit« gab es bei manchem die Vermutung, es sei geplant, die X. Kunstausstellung zu re­konstruieren. Das ist eine unrealisierbare Wunschvorstellung. Eine Rekonstruktion ist aus mehreren Gründen nicht möglich: Der Aufwand wäre zu riesig; das Albertinum müsste noch einmal aus- oder umgeräumt werden, was nicht zumutbar ist; die abgerissene Ausstellungshalle am Dresdener Fučikplatz, in der alle angewandten Künste – einschließlich der architekturbezogenen Kunst – gezeigt wurden, müsste anstelle der nun dort stehenden »Gläsernen Manufaktur« des VW-Konzerns wiedererrichtet werden.

Heimkehr

Der Weg, den die Städtische Galerie Dresden ging, ist der einzig richtige. Aus dem riesigen Konvolut¹⁰ von Gemälden etwa ein Zehntel so auszuwählen, dass unterschiedlichste Haltungen und stilistische Herangehensweisen deutlich werden, ist eine Herausforderung, die von den Dresdener Museumsleuten überzeugend gemeistert wurde. Natürlich werden manche Besucher dieses oder jenes Werk vermissen. Doch unter den gegebenen räumlichen Bedingungen war zunächst nichts anderes möglich; vielleicht ist das ein Hinweis, daraus eine Folge von Ausstellungen zur »Zehnten« zu machen.

Wenn man durch die Räume geht, ist das wie eine Heimkehr. Es stellt sich ein Staunen über die Substanz ein, die in der Kunst der DDR herrschte; sie fällt besonders ins Auge angesichts der ewig gleichen, am Ende langweiligen Begegnungen mit »Weltkunst« in den unterschiedlichsten europäischen Museen. Der Nuancenreichtum, der nicht nur die bildnerischen Verhältnisse innerhalb der einzelnen Werke, sondern auch die Beziehungen zwischen ihnen bestimmt, wird wieder erlebbar. Ein Satz, den man in der Kasseler »Documenta« 1977 vor den Arbeiten von Künstlern aus der DDR des öfteren hören konnte, fällt einem wieder ein: »Die können ja noch malen«. Ja, sie konnten es. Wer sich nach 1989/90 treu blieb und noch am Leben ist, kann es auch heute. Da sind die Intensität der fast monochromen Malerei von Lothar Böhme und die am Verismus eines Otto Dix orientierte Bildkunst Clemens Gröszers. Die Expressivität der künstlerischen Handschrift bei Hartwig Ebersbach, Jürgen Wenzel, Angela Hampel, Johannes Heisig, Neo Rauch, Eberhard Göschel und anderen beeindruckt heute wie damals. Ein einfühlsamer, ausdrucksstarker, stets individuell geprägter Realismus herrscht bei Willi Sitte, Harald Metzkes, Ulrich Hachulla, Wolfgang Peucker, Arno Rink, Joachim Völkner, Doris Ziegler, Christl Göthner, Gudrun Brüne und Sighard Gille. Ebenso fesselt die kompositorische Spannung in den Gemälden von Gerhard Kurt Müller, Andreas Wachter oder Rainer Zille. Das Heitere bei Gerhard Schwarz, Dieter Gantz oder Werner Juza bildet einen Gegenpol zur tiefen Ernsthaftigkeit in anderen Werken. Gleichnishaftigkeit und Bezüge zur antiken Mythologie fordern bei aller Klarheit der Bildsprache besonders bei Heidrun Hegewald, Wolfgang Mattheuer und Uwe Pfeifer den Betrachter zum Nachdenken heraus. Nicht umsonst sprach man in der DDR-Kunstwissenschaft vom »dialogischen Prinzip«. Der Rezipient wurde nicht belehrt; man nahm ihn ernst und suchte über das Kunstwerk das Gespräch mit ihm. Das »Ende der Eindeutigkeit« setzte weit früher ein, als im Ausstellungstitel angedeutet. Wenn man »Eindeutigkeit« mit äußerlich plakativem, agitativem Schaffen gleichsetzt, so war sie spätestens mit dem Abklingen der Formalismusdebatte zu Ende. Eindeutig sind die humanistischen Botschaften dieser Werke jedoch bis heute, auch wenn man es vielleicht wieder lernen muss, sie zu entschlüsseln. Wer sich an die Diskussionen in der »Zehnten« erinnert, der wird daran denken, welch wissbegieriges, kluges Publikum es dort gab.

Die Ausstellung ist gut gehängt. Jedes Gemälde hat seinen angemessenen Wirkungsraum; nur Werner Juzas ironisch-freundliches Bildchen »Trauriges Ereignis« hängt etwas verloren zwischen den großen Formaten. Eine besondere Freude waren die Plazierungen von Willi Sittes Nicaragua-Zweitafelwerk »Sie wollten nur Lesen und Schreiben lehren«, das wegen seines hochaufstrebenden Formats genügend Blickdistanz erfordert, und von Heidrun Hegewalds beiden Bildern »Die Mutter mit dem Kinde« und »Prometheus bemerkt das Spiel mit dem Feuer«. Diese Gemälde ergänzen sich diptychonartig und hängen in einer beinahe sakral wirkenden nischenartigen Raumsituation, die eine intensive, meditative Auseinandersetzung mit diesen Appellen zum Schutz des Lebens ermöglicht. Für Heidrun Hegewald, die in der Vergangenheit sowohl in der DDR und erst recht danach häufig wegen ihrer unbequemen Kunst missachtet wurde, ist das eine Ehrung.

Einen Katalog gibt es leider nicht. Angeboten werden Restbestände einer Lose-Blatt-Sammlung, die die Sektion der Kunstwissenschaftler des Künstlerverbandes mit Analysen ausgestellter Werke der »Zehnten« erarbeitet hatte. Auch in der Ausstellung werden Blätter aus dieser kleinen Mappe, die sich auf gezeigte Werke beziehen, den Besuchern zur Verfügung gestellt. Im Eingangsbereich läuft ein Defa-Film über die »Zehnte«, der den demokratischen Charakter der Auswahl für diese Ausstellung deutlich macht. Man kann der Städtischen Galerie Dresden nur gratulieren und der Bilderschau viele Besucher wünschen.

Anmerkungen

1 Utopie und Untergang. Kunst in der DDR, Katalog, Sandstein Verlag Dresden und Autoren 2019, S. 6

2 »Mein Rauswurf bedeutete Stigmatisierung, Isolierung«, Gespräch mit Dorothea Voigt in junge Welt vom 25.9.2019

3 https://journals.ub.uni-heidelberg.de>index.php>article>download

4 Nachzulesen auf der Wikipedia-Seite von Dr. Gabriele Sprigath

5 Im Katalog, S. 15, heißt es: »Mit dem Ende der DDR verloren die Werke ihre konkrete politische Funktion.«

6 Ebenda, S. 17

7 Ebenda, S. 107

8 Petra Lange-Berndt: Von der Vielgestalt der Grenze. Kunst der DDR zwischen Ost und West, in: wie Fußnote 1, S. 37

9 Brief von Lisa Jürß vom September 2019

10 Der Katalog der X. Kunstausstellung der DDR weist allein im Bereich Malerei und Graphik etwa 350 Künstler aus.

Utopie und Untergang. Kunst in der DDR, Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4/5, 40479 Düsseldorf; Di., Mi., Fr.–So. 11–18 Uhr, Do. 11–21 Uhr; bis 5.1.2020

Das Ende der Eindeutigkeit. Malerei aus der X. Kunstausstellung der DDR, Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Str. 2, 01067 Dresden, Di.–Do., Sa. u. So. 10–18 Uhr, Fr. 10–19 Uhr; bis 12.1.2020

Peter Michel schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 28./29. September 2019 über den proletarischen Maler Otto Nagel.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

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