Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 29.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Antifaschismus

Weil sie etwas zu sagen hatte

Ein Nachruf auf die Schriftstellerin und kämpferische Antifaschistin Vera Friedländer
Von Frank Schumann
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»Unermüdlich suchte sie nach Schnittstellen« (Vera Friedländer im Februar 2018)

Wenn sie in letzter Zeit in der jW-Ladengalerie las, stand immer eine Tischlampe neben ihr. Sie sah zunehmend schlechter. Die Schrift, die sie beim Verfassen ihrer Texte im Computer wählte, wurde von Jahr zu Jahr größer. Und dennoch schrieb sie unablässig. Nicht aus Eitelkeit, sondern weil sie etwas zu sagen hatte.

Vera Friedländer, 1928 am Rande Berlins geboren, erlebte die Nazizeit in jungen Jahren sehr bewusst: Als ihre jüdische Mutter im März 1943 bei der sogenannten Fabrikaktion mit vielen anderen Juden in Berliner Betrieben festgenommen worden war, protestierte die 15jährige tagelang mit ihrem Vater und anderen in der Großen Hamburger Straße vor der von der Gestapo eingerichteten Sammelstelle, um die Deportation zu verhindern.

Im Jahr darauf wurde sie selbst zu Zwangsarbeit verpflichtet, musste Schuhe von in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern Ermordeten sortieren und einer »Weiterverwertung« zuführen. Darüber berichtete sie in ihrem 2016 erschienenen Buch »Ich war Zwangsarbeiterin bei Salamander« (Das Neue Berlin). Viele Jahre lang hatte sich die einstige Germanistik-Professorin der Berliner Humboldt-Universität mit der Geschichte des Schuhkonzerns befasst und in intensiver Forschungsarbeit herausgefunden, wie sehr die Salamander Aktiengesellschaft vom Naziregime profitiert hatte. In dem berührenden Buch erinnert sie sich und uns an ihre Vergangenheit und die des Konzerns aus Kornwestheim, der diesen Teil seiner Geschichte aktiv geschönt hatte.

Unermüdlich erforschte Vera Friedländer die Historie, suchte nach Schnittstellen zur Gegenwart, auch nach Erklärungen für latenten Antisemitismus. Sie war eine kämpfende jüdische Antifaschistin. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie die Lebensgeschichte von Alfred Wohlgemuth, der jüdischen Freunden bei der Flucht vor den Nazis aus Berlin ins Ausland hatte helfen wollen. Das Ganze scheiterte. Die Freunde starben in Auschwitz, Wohlgemuth geriet in die Mördermühle der Faschisten und erlag den Folgen der Haft. In der Bundesrepublik blieben Bemühungen der Witwe um seine Anerkennung als Opfer des Faschismus vergeblich. Zwei westdeutsche Historiker stießen dann bei Recherchen auf ein Buch Vera Friedländers, das 1982 in der DDR erschienen war. Wie sie feststellten, war die darin erzählte Familiengeschichte mit dem Helfer aus Krefeld verknüpft. Die Verbindung brachte Vera Friedländer dazu, ihr letztes Buch zu schreiben: »Alfred Wohlgemuth. Ein unbesungener Held« (Verlag am Park).

Sie schrieb und redete gegen rechts, Antisemitismus und Völkerhass. Als sich vor kurzem in der Nähe ihrer Wohnung in Berlin-Hohenschönhausen Protest gegen eine AfD-Versammlung formierte, baten junge Antifaschisten die 91jährige darum, von der Bühne zu sprechen. Sie tat es sofort.

Am Freitag abend ist Vera Friedländer in einem Berliner Krankenhaus verstorben.

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